Krankenhäuser im Kreis Kleve suchen eine Neuregelung des Notdienstes.

Kreis Kleve : Kliniken wollen Wandel im Notdienst

Immer mehr Patienten suchen die Notfallambulanz auf. Viele haben das jedoch nicht nötig. Entlastung könnten Portalpraxen bringen – doch die gibt es im Kreis noch nicht.

Im Wartezimmer vor der Notfallambulanz des St.-Clemens-Hospitals sitzen rund um die Uhr Patienten und warten. Einige haben einen gebrochenen Arm, andere Rückenschmerzen, mal ist ein abgerissener Zehennagel dabei. Patienten aus einem Umkreis von mehr als 20 Kilometern kommen in das Gelderner Krankenhaus, jeder wird in der zentralen Patientenaufnahme registriert. Im vergangenen Jahr waren das rund 44.000 Patienten, 15.000 von ihnen wurden stationär behandelt.

Die Patienten werden dabei nicht nach der Reihe behandelt, sondern nach Dringlichkeit. Die Einschätzung erfolgt über das standardisierte und international angewandte „Manchester-Triage-System“ (MTS). Im schlimmsten Fall ist der Patient lebensgefährlich erkrankt oder verletzt und wird sofort behandelt. Wer nur leicht verletzt oder erkrankt ist, muss warten. Maximal zwei Stunden, so die Vorgabe.

Christian Wagener, Patient aus Geldern, hat Verständnis für die bisherige Praxis: „Man sollte sich vor Augen führen, dass die wahren Notfälle vorgezogen werden und dass das Team der Notaufnahme gezwungen ist, eine Vorauswahl zu treffen und die Patienten nach Dringlichkeit einzustufen.“ Daher verstehe er nicht, wieso sich einige Patienten über die zu lange Wartezeit aufregen. Und eben diese lange Wartezeit verschulden zumeist Patienten, die mit Bagatellen in die Notaufnahme kommen.

„Hier sitzen jeden Tag Patienten, die die Strukturen eines Krankenhauses nicht benötigen, denen auch ein Hausarzt helfen könnte“, sagt Christoph Weß, kaufmännischer Direktor des Gelderner St.-Clemens-Hospitals. Das mache den Krankenhäusern zu schaffen, mehr Personal werde benötigt, um die Menschen zu versorgen. „Natürlich sollten Patienten im Zweifelsfall lieber ins Krankenhaus kommen, als sich nicht behandeln zu lassen. Dennoch sollte man sich immer fragen: Muss es wirklich die Notfallambulanz sein?“

Ähnliches schildert Christian Weßels, Leiter der Unternehmenskommunikation der Katholischen Karl-Leisner-Trägergesellschaft. Die Gesellschaft ist Träger der Kliniken St.-Antonius-Hospital Kleve, Marienhospital Kevelaer und des Wilhelm-Anton-Hospitals Goch. An allen drei Standorten wird ebenfalls das MTS angewandt – für jeden Patienten, rund um die Uhr. „Wir weisen niemanden ab“, sagt der Kliniksprecher. Im Jahr 2019 wurden über 40.000 Patienten in den drei Notfallambulanzen behandelt. Damit verzeichnet Weßels einen Anstieg der Patientenzahl. „Ein Grund ist sicher der steigende Anteil an Patienten, die sich nicht mit einen medizinischen Notfall vorstellen, sondern mit Beschwerden, die auch ihr Hausarzt behandeln könnte.“

Über ihre Erfahrung in der Klever Notaufnahme berichtet Patientin Melanie Lüdemann nur Positives: „Alle Schwestern und der Arzt haben sich fürsorglich um mich gekümmert. Es herrschte eine wirklich angenehme Atmosphäre, soweit sowas in einer Notaufnahme ging. Es waren zu der Zeit mehrere Patienten vor Ort. Ein Herr mit Herzproblem kam nach mir an, saß nicht mal eine Minute im Wartebereich und wurde sofort behandelt. Ich selber habe 30 Minuten gewartet. Geholfen wurde mir auch noch sehr gut.“

Von Extremfällen berichtet hingegen Brigitte Ritter-Claas, leitende Ärztin der Notfallambulanz in Geldern: „Einige Patienten lassen sich mit dem Krankenwagen ins Hospital fahren, weil sie Wartezeiten umgehen wollen. Solche Fälle machen mich wütend.“

Die Alternative zur Notaufnahme ist der kassenärztliche Notdienst: Wer leicht verletzt oder erkrankt ist, aber auch nicht bis zur nächsten Sprechstunde warten kann, wählt die bundesweite Telefonnummer 116117. Die Leitstellen vermitteln den Kontakt zu Ärzten, die Bereitschaftsdienst haben. Die Patienten erfahren, welche Praxis in der Nöhe geöffnet ist. Bei Bedarf kommt der Arzt nach Hause.

Die Kliniken im Kreis eint: Sie sind offen für innovative Konzepte, die die Situation der Notfallversorgung für alle Beteiligten verbessern könnten. „Die Ansiedlung von zentralen Notarztpraxen an den Krankenhäusern halten wir für einen sinnvollen Schritt“, sagt Weßels. Weß stimmt ihm zu: „Ein denkbares Modell ist die gemeinsame Versorgung von Patienten in einer sogenannten Portalpraxis. Dazu würden wir gerne eine Vereinbarung mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) schließen.“ Der örtlichen KV liege bereits ein entsprechendes Angebot des St.-Clemens-Hospitals vor. Gerd Heyming, Sprecher der Krankenhausgesellschaft pro homine, zu der auch das Weseler St.-Marien-Hospital gehört, hält diese Umsetzung für „eine ideale Lösung“.

Christopher Schneider, Pressesprecher der KV Nordrhein, erklärt: „Die Absichtserklärung sieht vor, dass Portalpraxen bis 2022 flächendeckend in ganz NRW installiert sind.“ Im Rheinland seien bereits über 70 dieser Notfalldienstpraxen eingerichtet. Im Kreis Kleve prüfe die KV noch die Strukturen, es werden örtliche Krankenhäuser ermittelt, mit denen eine Kooperation möglich wäre. Die Idee dahinter: Die niedergelassenen Ärzte gehen ihrer Dienstverpflichtung künftig in den zentral gelegenen Notfallpraxen nach. Somit gibt es feste Anlaufstellen mit direkter Krankenhausanbindung. Es soll ein schnellerer Zugang zur medizinischen Versorgung sowie eine verringerte Inanspruchnahme der Notfallambulanzen erreicht werden. Ein konkreter Zeitplan zur Umsetzung liege allerdings noch nicht vor, berichtet Schneider. Es stehe aktuell nur die Absichtserklärung.

In Emmerich hat ein niedergelassener Arzt bereits sein Interesse bekundet, seine Praxis als Notfallpraxis anzubieten. Vor diesem Hintergrund hat das Krankenhaus bei der KV eine Kooperation zur Sicherstellung der notärztlichen Versorgung außerhalb der regulären Sprechstundenzeiten der Arztpraxen beantragt. Konkret bietet das St.-Willibrord-Spital an, Patienten über seine Zentrale Notaufnahme zum richtigen Behandlungsort weiterzuleiten. Mit diesem „Ein-Tresen-Modell“ ließe sich, nach Überzeugung des Spitals, der Notdienst effektiv gestalten, gerade im ländlichen Raum, wo die Wege zu einer Arztpraxis länger sein können.

Lange Flure wie hier im St.-Antonius-Hospital Kleve sind für Notaufnahmen typisch. Foto: KKLE/THOMAS MOMSEN

Grundsätzlich sei auch denkbar, dass das Krankenhaus in Emmerich eine Hausarztpraxis übernimmt, die keinen Nachfolger findet. Dazu müssten allerdings die starren Vorgaben bezüglich des Personaleinsatzes, der Abrechnungsbefugnis und Vergabe von Kassenarzt-Sitzen grundlegend geändert und wesentlich flexibler gestaltet werden.