Kommentar Unsere Woche Die Grenzen haben sich verschoben

Meinung · Ein Kerkener hat auf der Bundesstraße 58 einen Verkehrsunfall gefilmt. Die Gründe, warum Menschen auf solche dummen Gedanken kommen, sind vielfältig.

 Von diesem schweren Unfall auf der Bundesstraße 58 bei Wesel-Büderich machte ein Gaffer aus Kerken Filmaufnahmen.

Von diesem schweren Unfall auf der Bundesstraße 58 bei Wesel-Büderich machte ein Gaffer aus Kerken Filmaufnahmen.

Foto: Guido Schulmann

Die Behauptung, früher habe es so etwas nicht gegeben, ist sicherlich falsch. Schon immer gab es Menschen, die sich am Unglück anderer weideten. Nicht umsonst erwies und erweist sich die Spezies im Austüfteln von Mitteln zum Quälen und Vernichten als besonders einfallsreich. Früher allerdings, als die Nachrichtenwege die globale Weitergabe von Informationen noch nicht in Sekundenschnelle ermöglichten, blieben solche empathielosen Fälle ein Thema nur für den unmittelbaren Umkreis. Und es herrschte weitgehend Einigkeit darüber, was sich gehörte und was man durfte.

Die Grenzen haben sich verschoben. Nicht nur, was die Weitergabe von Neuigkeiten angeht. Auch das Gefühl dafür, was Anstand und Sitte entspricht, schwindet zunehmend. Das liegt zum einen daran, dass moralisch vermeintlich vorbildliche Institutionen ihre Stellung verspielt haben. Ein Grund dafür ist aber auch, dass es gerade in den sozialen Medien zu einer Änderung im Wertesystem gekommen ist. Was dort für viele zählt, sind die Klicks, ist die Reichweite. Veröffentlicht wird auf „Teufel komm raus“. Banales und Harmloses wie „Ich am Strand“ oder „Mein schöner Garten“ sind schön und gut. Das Posten von Kindern in ganz normalen familiären Situationen, haben wir kürzlich gelernt, ist schon problematisch.

Was aber überhaupt nicht geht, ist das Filmen von Unfallopfern, so wie es ein Kerkener in dieser Woche auf der B 58 in Wesel-Büderich gemacht hat. Dass so etwas vom Gesetzgeber bestraft wird, ist zu begrüßen. Nun war das nicht der erste derartige Fall, und es wird sehr wahrscheinlich auch nicht der letzte dieser Art bleiben, so lange es für solche Filme im Netz auch noch Applaus gibt.

Michael

Klatt

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