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Kinder leiden in der Corona-Zeit besonders unter der Finanzlage der Familie

Geldern : Gutes Aufwachsen trotz Schulden

Durch die Corona-Krise verstärken sich viele Probleme sozial schwacher Familien und ihrer Kinder, die oft unter der Überschuldung der Eltern leiden. Wohlfahrtsverbände sehen dringenden Handlungsbedarf.

Kaum Geld für Essen, Spielzeug – geschweige denn Urlaub oder andere Freizeitaktivitäten. Das ist bittere Realität für viele Familien in Deutschland. „Jedes fünfte Kind und jeder fünfte Jugendliche wächst in einem Haushalt auf, in dem Mangel zum Alltag gehört: Mangel an Geld sowie an sozialen, kulturellen und gesundheitlichen Chancen“, heißt es in einer Erklärung des „Ratschlags Kinderarmut“. Das Büdnis aus 59 Wohlfahrtsorganisationen und Einzelpersonen – unter Federführung der Nationalen Armutskonferenz – stellte anlässlich des Internationalen Kindertages diese Zahlen vor. „Jeder dritte Hartz-IV-Empfänger ist ein Kind, obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung in Deutschland nur bei rund 16 Prozent liegt.“ So sind Kinder und Jugendliche in besonderem Maße von Armut betroffen: Tendenz steigend?

Womöglich: Denn die Corona-Krise verschärft diese Probleme weiter. „Überschuldung ist eine besonders belastende Situation, die schon ohne die Einschränkungen durch Covid 19 herausfordernd ist. Die aktuelle Situation hat die Situation verschuldeter Familien nochmals deutlich verschlechtert. Und das in vielerlei Hinsicht,“ erklärt Maria Tekath, Teamleiterin für die Schuldner- und Insolvenzberatung des Caritasverbandes in Geldern-Kevelaer. „Das kostenlose Mittagessen im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets fällt weg, wenn Schulen und Kitas geschlossen sind. Zudem waren die Tafeln zeitweise nicht geöffnet“, beschreibt Tekath einen der Problembereiche.

Eine weitere Schwierigkeit käme bei der digitalen Ausstattung der verschuldeten Familien hinzu. Eltern, die mit den Online-Beantragungen von Leistungen überfordert seien oder gar nicht erst über Internet oder einen Laptop verfügen, konnten die Behörden in den vergangenen Wochen nicht erreichen. Viele Ämter waren aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen oder nur eingeschränkt erreichbar. So entfiel persönliche Beratung und Hilfestellungen. Die fehlende technische Ausstattung sei natürlich auch bei Kindern und Jugendlichen ein Problem, wie Tekath erklärt. „Kinder können schulisch nicht mithalten, da die Ausstattung für Online-Unterricht fehlt oder in einer Familie mit mehreren Kindern nur ein Smartphone vorhanden ist und kein PC, kein Laptop, kein Drucker oder das Geld für Druckerpatronen fehlt.“

Kinder leiden also doppelt unter der aktuellen Situation: Neben der materiellen Seite, müsse man nämlich auch die pyschologische Seite betrachten: „Kinder können es nicht einordnen, wenn ihre Eltern viel öfter gereizt sind, weil nicht genug Geld da ist. Sie sind Zeugen bei den häufigen Streitigkeiten und fragen sich nicht selten, ob sie selbst schuld daran sind. Und Geld für ihre Bedürfnisse ist meistens nicht da. Für Alleinerziehende ist die Situation oft noch schwieriger zu bewältigen.“

Auch der Caritasverband Geldern-Kevelaer bekommt in der regionalen Schuldenberatung immer wieder die Schicksale betroffener Kinder mit. 40% der Menschen in Beratung haben Kinder. Bei den aktuell 615 Klienten der drei Caritas-Centren im Südkreis Kleve leben 714 Kinder im Haushalt, 200 weitere leben in einem anderen Haushalt.

Um Kindern trotz Überschuldung der Eltern ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen, bedarf es deutlicher Reformen und vor allem einer ausführlichen Beratung der Betroffenen. Dem Verband ginge es um Aspekte wie den Ausbau familien- und sozialpolitischer Leistungen, die generelle Einführung einer Kindergrundsicherung und die Abschaffung der potenziellen Verschuldung Minderjähriger.

„In gleichem Maße sollten die Schuldnerberatungsstellen besser finanziert werden, damit wir mehr Beratung anbieten können, um die Eltern zu stärken und zu entlasten“, fordert Tekath. „Vor Ort arbeiten wir vernetzt mit Kindergärten, OGS-Betreuungen und anderen Beratungsstellen, mit dem Jugendamt und dem Sozialamt.“ Dort berät der Verband seine Klienten zu Sozialleistungen und gibt Informationen zu weiteren Hilfsangeboten wie das FairKaufHaus oder die Tafel.