Kerken: Liebeserklärung an die Heimat - Ab nach Hause

Sweet Home Kerken-Nieukerk : Von der Düssel zurück ins Dorf

Unser Autor war nie ein Dorfkind. Doch nach zwölf Jahren in Dortmund, Fulda, Würzburg und Düsseldorf ist es für ihn an der Zeit zurückzukehren - an den Ort seiner Kindheit.

„Kerken sollte man sich merken“, lautet der Slogan meines Heimatorts, und vergessen habe ich ihn auch nicht. Besonders verbunden allerdings war ich ihm auch nie.

Leidenschaftslos bin ich aufgewachsen zwischen der A40 im Süden und Geldern im Norden, der Metropole mit mehr als 30.000 Einwohnern. Im Osten fließt der Rhein, aber sehr weit weg hinter der Bahnlinie und der Bundesstraße 9 – also kurz vor Berlin, Dresden, Moskau. Umso näher gehen westlich von Kerken deutsche Wiesen, Feldwege und Gewächshäuer nahtlos in niederländische über.

In der Gemeinde Kerken leben 12.458 Seelen. Verteilt auf vier bis neun Ortsteile – je nachdem, wie man zählt. Meiner war Nieukerk (gesprochen: „Neukerk“), wo das Rathaus steht, der Aldi und die Kirche mit dem Zwiebelturm. Und aus irgendeinem Grund auch die Halle des ATV, des glorreichen Sportvereins aus dem rivalisierenden Ortsteil Aldekerk, dessen Handballer einst in der Zweiten Liga spielten.

Gründe genug für manchen Aldekerker, Nieukerkern nicht nur im Spaß zu unterstellen, sie hielten sich qua Geburt nördlich des „Schietweg“ (Scheideweg) zwischen den ehemaligen „Ämtern“ für etwas Besseres. Als Gegenargument kann ich zumindest auf ein Karnevalslied verweisen. Zur Melodie von „Wenn et Trömmelche jeht“ definieren sich die Nieukerker darin über ein klägliches Bächlein und ein wenig glamouröses Bauwerk: „Wo die Landwehr fließt und die Kläranlage stinkt, ja, da sind wir zuhaus’ und da woll’n wir wieder hin...“

Zu meiner eigenen Verblüffung habe ich gespürt, dass das inzwischen auch auf mich zutrifft. Dass ich mir einen Wunsch erfüllen möchte, von dem ich jahrelang für ausgeschlosen hielt, dass ich ihn je verspüren würde: Zurückziehen nach Kerken.

Seit feststeht, dass ich das tatsächlich tun werde, kommt mir neben diesem auch ein zweiter Song oft in den Kopf. Im „Landlied“ besingt Pop-Poet Peter Licht ironiefrei die Sehnsucht nach dem ruhigen, schönen, einfachen Landleben. An einer Stelle heißt es darin „Die Stadt ist gut“, doch nach einer Kunstpause geht der Satz weiter: „Die Stadt ist gut – wenn man sie von außen brennen sieht.“

Das ist selbstverständlich überspitzt. Niemand hat die Absicht, eine Stadt anzuzünden. Auch mir selbst liegt Pyromanie fern. Zumal ich längst nicht nur schlechte Zeiten hatte in den Städten, in denen ich die Jahre seit dem  Abi 2006 verbracht habe. Was Stadtforscher als „Erfüllung von Daseins-Grundfunktionen“ bezeichnen – arbeiten, wohnen, konsumieren – tat ich in Dortmund (Studium) und Fulda (betriebliche Ausbildung), in Berlin und Hamburg (Praktika), Göteborg (Auslandssemester) und Würzburg (Diplomarbeit). Schön war es fast überall, aber heimisch fühlte ich mich nirgendwo. Seit Herbst 2013 habe ich versucht, Düsseldorf liebzugewinnen, und auch diese Fünfjahresmission muss man wohl oder übel als gescheitert betrachten.

Denn was hat diese Stadt, das andere Orte nicht haben? Die spätrömische Dekadenz der Königsallee. Business-Blabla auf der Messe und in Konzernzentralen, Cocktails im Medienhafen, Schwof und Schubsereien in der Altstadt. Alles gut und schön, aber alles nicht meins. Der Blick vom Fernsehturm ist nett, aber nicht schöner als der vom Oermter Berg, mit 68 Metern der Mount Everest des Altkreises Geldern.

Der Rhein und der Grafenberger Wald sind eine Pracht – aber Wasser und Bäume gibt es am Niederrhein auch. In etwas niedrigerer Dosierung, aber die ist mir ohnehin lieber. Gedanklich dichte ich schon eine Hymne auf meinen baldigen Haus-und-Hof-Bach, Sie wissen schon, die Landwehr. Die aber, wie ich jüngst in der Wikipedia lernte, je nach Teilstück auch als Flöth und Leygraaf bekannt ist. So was passiert, wenn viel Land auf wenige Leute kommt. Und ich finde es wunderbar.

Im Netz kursiert eine böse Abrechnung mit den Kerkenern: „Alle miteinander verwandt. Und diejenigen, die es noch nicht sind, die sorgen wahrscheinlich gerade dafür.“ Das ist gewollt gehässig und übertrieben, eine Polemik eben. Beschäftigt sind die Kerkener demnach mit „unzähligen als Verpflichtungen, Hobbys und Lebensaufgaben getarnten Balzritualen“ - worunter der Autor praktisch alles fasst: „Schützenfeste, Rosen kränzen, Frühschoppen, Scheunenfeten, Babypinkeln, Kegelclub, Freiwillige Feuerwehr, Karnevalsumzüge...“

Wie lebendig das Dorf ist, zeigt sich etwa beim Webermarktfest in Nieukerk. Foto: Thomas Binn (binn)/Binn, Thomas (binn)

Wegen alledem komme ich nicht zurück. Zwar bin ich mit den Nachbarskindern über die rot gepflasterten Spielstraßen getobt, war im Sportverein und zwei, drei Mal mit im Ferienlager – mehr aber auch nicht. Ich war kein klassisches „Dorfkind“, hatte kein Baumhaus, kein Versteck, keine Schleichwege. War kein Lokalpatriot, anders als die Landjugend-Leute, Messdiener, Fahnenschwenker, Altbiertrinker, Kegler, Kränzer.

Aber auch kein Rebell oder Ausgestoßener, keiner, dem das Dorf zu klein gewesen wäre, der das Gefühl gehabt hätte, raus zu müssen.

Es war schlimmer als das: Kerken ließ mich kalt.

Nicht aus Nostalgie kehre ich nun zurück. Aber auch nicht nur aus den üblichen Gründen, Flucht vor Mietwucher, Menschenmassen, Parkplatznot. Sondern auch aus einer Überzeugung, die langsam, aber sicher in mir gewachsen sein muss. Diese Zuneigung ist das Gegenteil einer amour fou, sie entspringt Herz und Hirn gleichermaßen, und das verspricht Langlebigkeit.

Keine Handvoll Dinge hat sich in Kerken geändert: Der Bürgermeister, seit 2009 im Amt, für mich also „der Neue“, ist parteilos statt CDU-Mann, und das Internet kommt jetzt per Glasfaser. Die Traditionsbäckerei in der Krefelder Straße musste aufgeben, aus Altersgründen. Aber ein paar Häuser weiter ist auch der größte Schandfleck des Dorfs verschwunden: Eine ewige Hausruine wurde restauriert, nun residiert darin ein maximal dorf-untypisches Geschäft: ein Whisky-Fachhandel.

Alles andere ist wie früher – zum Glück. Als von ständiger Reizüberflutung ermatteter Anfangdreißigjähriger erschließt er sich mir nun, der Reiz von Überschaubarkeit, Stille und unspektakulärer landschaftlicher Schönheit, von Obst, Gemüse, Fleisch frisch von den Erzeugern, die ihren Kunden heute findig auch Kartoffelautomaten und Milchtankstellen bieten.

„Hier ist nichts los und doch alles los“, hat schon Hanns Dieter Hüsch befunden, den ich gerade für mich entdecke.

Anderswo gibt es selbstverständlich viel mehr von allem. Aber nichts, was ich vermissen würde.Hier will ich sein, „herrlich unauffindbar“ (Hüsch). Auf Dauer. Erstmals überhaupt wächst in mir der Wunsch, Bilder aufzuhängen. Immer öfter verfalle ich in den niederrheinischen Singsang samt Vokabular, frage „Wie isset?“, sage „Machße nix!“, und fühle mich zu Hause.

Jetzt hole ich alles nach. Erwäge den Kauf des 480-seitigen Buchs über die Geschichte der Kerkener Straßennamen, informiere mich über den Heimatkundler Michael Buyx, dessen Geburtshaus heute Ratssaal und Trauzimmer beherbergt, und stelle praktisch im Geiste von Joseph Beuys schrullige Beobachtungen an. Zum Beispiel zum hiesigen Mikroklima. Zwar ist es oft nass und neblig, noch öfter aber ist es unter dem weiten Himmel wie sonst nur über den Wolken: Alle Ängste, alle Sorgen werden nichtig und klein. Wie der Wald am Ortsrand zum „Wälleken“ wird, so werden Probleme zu „Problemskes“ - und allein durch diese Verniedlichung erscheinen sie plötzlich so lösbar, wie sie in der Regel ja sind, wenn man wen kennt, der wen kennt, der wen kennt. Und sogar ich, der das Dorfleben eher von der Seitenlinie verfolgte, kenne hier wen, der wen kennt, der wen kennt. Den Willi, den Simon, den Ralf...

Und falls trotzdem mal Sorgen drücken, bieten die weiten Felder, Wiesen, Wälder hervorragende Möglichkeiten zum „uitwaaien“. In den Niederlanden ist dieses Durchpustenlassen des Kopfes fast Volkssport. Die frische Luft soll Kummer und Stress vertreiben, Entspannung und Klarheit bringen.

Dass das funktioniert, ist Fakt, also ein Standortfaktor wie die Nähe zur Autobahn und die Existenz der Bahnhöfe in Nieukerk und Aldekerk, die etwa den Nachbarstädtchen Straelen und Wachtendonk fehlen. Und die 60 Vereine und der Eyller See, Apotheken und Ärzte, alle denkbaren Discounter, Drogerie- und Supermärkte, Bauerncafés und Biergärten, eine exzellente Pommesbude und einen Pizzabäcker mit italienisch-indischer Karte.

Meine Daseinsgrundfunktionen kann ich hier sowas von erfüllen.

Über dörfliche Kameradschaft zu lästern liegt mir fern, entsteht daraus doch neben ein wenig Selbstbeweihräucherung Gutes für die Gesellschaft. Das gilt für die unbesungenen Ehrenamtler in Vereinen und Politik wie auch die Einzelhändler. Und so viel Bier, wie die freiwilligen Feuerwehrleute verdient haben, können sie gar nicht trinken.

Das sieht übrigens auch Fabian Soethof so, der 2008 die bissige Glosse über unsere gemeinsame Heimat geschrieben hatte. Inzwischen ist er 37 Jahre alt, lebt als Journalist in Berlin, ist Ehemann und Vater. Zwar hätten viele Kerkener einen anderen Lebensentwurf als er, sagt er heute salomonisch, doch der sei ja nicht schlechter als sein eigener. „Ich liebe Berlin wegen der vielen Möglichkeiten. Auch wenn ich heute meistens in denselben drei Bars und mit denselben Freunden unterwegs bin.“

Der Slogan „Kerken sollte man sich merken“ wurde übrigens ausrangiert. Neuerdings heißt es  „Kerken – einfach lebenswert.“ Genau wie in Nienburg bei Bremen, Fernwald bei Gießen, Heilsbronn bei Nürnberg, Zufikon bei Zürich... Aber vielen Dank für die Erinnerung!

(tojo)
Mehr von RP ONLINE