Kabarettist Lars Reichow vor seinem Gastspiel in Geldern

Interview mit Lars Reichow : „Eine teilweise dekadente Gesellschaft“

Der Kabarettist gastiert bald in Geldern. Über Demokratie, die Kleinkunst-Szene und Publikumsreaktionen.

Sind diese Zeiten für Sie als Kabarettist eher günstig oder ungünstig?

LARS REICHOW Es gibt keine schlechten Zeiten für das Kabarett. Wenn es politisch eng wird, dann engagieren wir uns für die Guten. Und in den fetten Jahren halten wir uns an das Menschliche, das ist immer in Mode. Im Zweifelsfall fange ich sogar an zu singen.

Was heißt „politisch eng“?

REICHOW Naja, das Kabarett wurde erfunden, um die Herrschenden auf sanfte Weise daran zu erinnern, dass sie sorgfältig mit ihrer Macht umgehen sollen. Wenn es eng wird für die Demokratie, dann müssen wir uns für sie stark machen. Sie ist eine umständliche, aber erfolgreiche Staatsform. Manche sagen, es gibt nichts Besseres!

Gab und gibt es in Ihrer langen Karriere Themen, auf die Sie „blind“ setzen können?

REICHOW Ich setze immer auf das, was mir gut gefällt und neu erscheint. Es gibt uralte Themen wie „Mann und Frau“, die aber frisch wirken und durch neue Perspektiven glänzen.

Wie empfinden Sie die Wiederkehr immer gleicher Probleme?

REICHOW Als sehr unangenehm und langweilig. Gerade als Künstler mit dem Willen zur Aktualität kommt es mir manchmal so vor, als ob die Zeit seit Jahren stehen geblieben ist. Die Probleme sind immer die alten, werden aber nicht angepackt. Eine bequeme, teilweise dekadente Gesellschaft. Daraus kann man schon fast wieder ein Programm machen ...

Wie viel Privatmann Reichow steckt im Kabarettisten Reichow?

REICHOW Sehr viel, wenn man mich kennt. Aber natürlich übernehme ich nach den vielen Bühnenjahren auch

ein paar Dinge vom Bühnenmann. Ich kann mich besser verständlich machen, und manche finden mich privat auch ziemlich witzig.

Beschreiben Sie den Wandel in der Kleinkunst-Szene.

REICHOW Es gibt keinen Wandel. Es gibt Themen, die auf verschieden hohem Niveau angepackt werden: Politik, Privates, Berühmtes, Menschliches … Darum kreisen alle Künstler und ihre Programme. Heute gibt es sicher eine größere Auswahl, die aber nicht automatisch zu einem höheren Niveau geführt hat.

Wie gut kennen Sie den Niederrhein?

REICHOW Ganz gut. Nach einigen Auftritten kann ich die Menschen ein bisschen verstehen. Hanns Dieter Hüsch hat liebevoll beschrieben, dass der Niederrheiner nix weiß, aber über alles reden kann. Ich kenne die Niederrheiner als sympathische, bescheidene, emsige und humorvolle Leute.

Gibt es, je nach Region, Unterschiede bei den Publikumsreaktionen?

REICHOW Natürlich sind die Mentalitäten verschieden. Aber das spüre ich umso weniger, je mehr Leute kommen, die mich schon kennen. Eine gute Pointe zündet überall gleich gut, vielleicht ist die Stimmung an Flüssen grundsätzlich noch ausgelassener.

Was bieten Sie bei Ihrem Auftritt in Geldern mit dem Programm „Wunschkonzert“?

REICHOW Nicht weniger als meine schönsten Lieder und die witzigsten Geschichten. Ich werde alles geben und mich völlig verausgaben!

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