In Issum Gedenken an die Reichspogromnacht von 1938

Issum: Nazis lassen Autorin in Issums Bethaus frösteln

Anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht hatte die Volkshochschule Gelderland als Gemeinschaftsveranstaltung mit der Buchhandlung Keuck und dem Arbeitskreis jüdisches Bethaus in die ehemalige Synagoge in Issum zu einer Lesung eingeladen.

Nach der Begrüßung durch den Vorsitzenden des Arbeitskreises, Johannes van Leuck, legte die stellvertretende Bürgermeisterin Margret Keusen die Entwicklung der „einzig erhaltenen Dorfsynagoge am nördlichen Niederrhein“ dar.

Ausführlich stellte die Leiterin der VHS Gelderland, Sonja Vieten, ihre Freundin, die Islamwissenschaftlerin Alexandra Senfft, vor. In deren 2007 erschienenen Buch „Schweigen tut weh“ hat die Enkelin des als verurteilter Kriegsverbrecher 1947 hingerichteten Hanns Ludin ihre Familiengeschichte verarbeitet. „Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in den Familien wenig gesprochen oder so viel geredet, dass das Eigentliche versteckt blieb“, beschrieb sie die beklemmende Atmosphäre im Nachkriegsdeutschland. Trotzdem wurden das hartnäckige Verdrängen der Tabuthemen und die innerliche Zerrissenheit an die nächste Generation weitergegeben. Diejenigen, die über die Verbrechen ihrer Verwandten sprachen oder schrieben, wurden oft als Nestbeschmutzer bezeichnet und geächtet, weil sie sich nicht an das „Familiendiktat“ gehalten haben. Bei der Aussage „Nazis haben vielfach Karriere gemacht“ fröstelte es die Autorin im ungeheizten Bethaus dermaßen, dass van Leuck ihr seine Jacke überließ. Die Szene wirkte in dieser Jahreszeit wie eine symbolische Mantelteilung.

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An der in ihrem Elternhaus vorherrschenden unterdrückten Trauer ist Senffts Mutter zerbrochen. „Wir müssen unsere Gegenwart im Schatten unserer Vergangenheit bewältigen und nach Wegen der Heilung suchen“, davon ist die Autorin überzeugt.

Ihr aktuelles Buch „Der lange Schatten der Täter – Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte“ beleuchtet die Gräueltaten von anderer Seite. Viele ihrer insgesamt acht Protagonisten schwiegen lange, um ihre Familie zu schonen. Es galt die Devise „Pass dich an, fall nicht auf, eck nicht an“. Doch alle waren darum bemüht, Klarheit zu finden, weil sie sich mit der Frage auseinandersetzen mussten: „Verletze ich Verwandte oder die Wahrheit?“ Alexandra Senfft ist davon überzeugt, dass die emotionale Aufarbeitung der Verbrechen immer noch hinterherhinkt. Es geht um Achtsamkeit, Zuwendung und menschliche Hilfe als Akt der Wiedergutmachung. Sie plädiert für einen konstruktiven Dialog: Familiengeschichte muss reflektiert, geteilt und enttabuisiert werden. „Vergangenheit ist auch Gegenwart, die wir in die Zukunft tragen.“ Es geht nicht um Schuld-, sondern um Verantwortungsgefühl. Die Lesung als Dialog-Moderation mit der sehr gut vorbereiteten Sonja Vieten war authentisch und ergreifend.

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