In Gelderns Kirche Konzept gegen Missbrauch.

Kirche erarbeitet Schutzkonzept : Null Toleranz gegen Übergriffe

Die katholische Kirchengemeinde St. Maria Magdalena schreibt an einem Verhaltenskodex. Alle sensibilisieren.

Die katholische Kirchengemeinde St. Maria Magdalena Geldern arbeitet an einem institutionellen Schutzkonzept gegen Missbrauch, warum?

Arndt Thielen Ausgangspunkt ist der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche. Der hat zu einem riesigen Vertrauensverlust geführt. Als katholische Kirche stehen wir aber für etwas ganz anderes. Wir stehen für Respekt und Wertschätzung, einander zu helfen, aber doch nicht andere zu verletzen. Um das Thema Missbrauch nicht mehr aus den Augen zu verlieren, wird das institutionelle Schutzkonzept erarbeitet. Das müssen bis Ende 2019 alle Kirchengemeinden im Bistum vorlegen.

Jede Kirchengemeinde macht das für sich?

Thielen Ja, es gibt kein Muster oder Rahmen, jede Pfarrei muss sich eigenständig auf den Weg machen. Erst habe ich mich darüber geärgert, aber im Nachhinein ist das genau richtig so.

Roswitha Fricke Die Strukturen in den einzelnen Gruppen und Gremien der Kirchengemeinden sind individuell. Zudem ist ein Handlungskonzept, an dem die Beteiligten selbst mitgearbeitet haben, wesentlich besser in Köpfen verankert, als wenn es auf diktiert wird.

Worum geht es in dem Konzept?

Fricke Das institutionelle Schutzkonzept ist kein Hexenwerk. Es gibt einige klare Punkte, die einzuhalten sind.

Welche?

Fricke Es gibt null Toleranz gegen jede Form von Gewalt, dazu gehören auch abfällige Bemerkungen, weil jemand alt oder schwächer ist. Das geht einfach nicht, das darf nicht sein. Es geht um einen achtsamen Umgang miteinander, der von Wertschätzung und Respekt geprägt. Vieles, was ich über Jahre mit dem Bauchgefühl richtig gemacht habe, das wird jetzt einfach verbindlich festgelegt für alle.

Entsteht so ein dickes Regelwerk?

Fricke Nein, es müssen Spielräume erhalten bleiben. Jeder ist anders, auch wenn es um das Verhältnis Nähe und Distanz geht.

Angenommen, ein Mitarbeiter bei den Pfadfindern nimmt ein Kind, das sich verletzt hat und weint, tröstend in den Arm. Ist das laut Verhaltenskodex noch okay?

Fricke Ohne Anlass ein Kind zu umarmen, ist ein No-Go. Natürlich ist das in dem Fall anlassbezogen, wenn ich ein Kind tröste. Wir müssen die Kirche im Dorf lassen, und es muss auch alles menschlich bleiben.

Die Idee hinter dem Konzept ist, Missbrauch zu verhindern. Geht das?

Fricke Wir tragen alle die Verantwortung, wenn wir etwas wahrnehmen, das uns komisch vorkommt. Hier gilt es, aufmerksam zu sein, hinzuhören und auch zu reagieren oder auf Fehlverhalten hinzuweisen.

Thielen Ich habe in der Präventionsschulung gelernt: Wenn ein Thema wach ist, dann ist die Hemmschwelle bei möglichen Tätern größer, weil sie wissen, dass sie es mit Leuten zu tun haben, die auf Signale achten.

Was sind das für Signale?

Fricke Das eine ist das äußere Erscheinungsbild. Gibt es etwa Spuren von Gewaltanwendung? Das andere sind psychische Auffälligkeiten, zum Beispiel: Zieht sich ein Kind total zurück, nässt es ein oder schreit es förmlich nach Aufmerksamkeit? Kinder signalisieren, dass sie Hilfe brauchen, in ihrer eigenen Art. Aber nicht jede Auffälligkeit ist Zeichen für eine Kindeswohlgefährdung oder gar Kindesmissbrauch. In Aktionismus zu verfallen, ist der falsche Weg.

Was sind die richtigen Schritte bei Verdacht auf einen Missbrauchsfall?

Fricke Aufmerksam beobachten, das Gespräch mit Mitarbeitern in der Gruppe suchen, ob auch ihnen etwas aufgefallen ist. Die Ursache für ein plötzlich auffälliges Verhalten eines Kindes kann auch einen anderen Grund haben, zum Beispiel einen Verlust, etwa den Tod der Oma. Man sollte sich über so etwas austauschen und offen über Dinge sprechen, die einem merkwürdig vorkommen. Aktiv beobachten und sich Auffälligkeiten notieren, ist wichtig, damit bei begründetem Verdacht darauf zurückgegriffen werden kann.

Wann muss ein Verdachtsfall der Polizei gemeldet werden?

Fricke An dieser Stelle werden Experten tätig, zum Beispiel eine insoweit erfahrene Kinderschutzfachkraft oder der Präventionsbeauftragte. Auch in der Pfarrgemeinde wird es einen Präventionsbeauftragten geben. Wer das sein wird, ist noch nicht festgelegt. Wir arbeiten aktuell noch an dem Konzept. Wichtig ist, dass alle miteinander achtsam umgehen und nicht wegschauen.

Das betrifft aber nicht nur Kinder?

Thielen Nein, das betrifft alle, auch die älteren Gemeindemitglieder oder auch Menschen mit Behinderung. Zum institutionellen Schutzkonzept werden alle Gruppen und Vereine angeschrieben, um gemeinsam ein passendes Konzept zu entwickeln. Jeder soll sich in der Kirchengemeinde wahrgenommen und ernst genommen fühlen.

So neu ist das Thema Schutz vor Missbrauch in der katholischen Kirchengemeinde aber dann doch nicht, oder?

Fricke Nein, schon 2012 hat die katholische Kirche alle Mitarbeiter und Ehrenamtlichen, vom Gruppenleiter bis zum Hausmeister, geschult, was das Thema Prävention angeht. Der Blick ist nicht nur auf sexualisierte Gewalt gerichtet, sondern auch auf allgemein physische und psychische. Außerdem muss jeder, der für die katholische Kirche arbeitet, ein erweitertes, polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Das neue Konzept soll sensibilisieren und deutlich machen, dass jeder den Schutzbefohlenen gegenüber Verantwortung trägt.

Thielen Wichtig ist uns: Es geht nicht um Panikmache, sondern was bei vielen Leuten an gutem Umgang schon gang und gäbe ist, festzuschreiben und weiterzuentwickeln.

Mehr von RP ONLINE