Geldern: Historische Knochen in der Altstadt

Geldern : Historische Knochen in der Altstadt

Teile der heutigen Gelderner Innenstadt waren offenbar früher durch Menschen genutzt und dichter bebaut als ursprünglich gedacht. Das ist das erste Ergebnis einer archäologischen Grabung, die derzeit an der Breestraße läuft.

Sascha Scherm hockt im späteren Mittelalter. Das heißt: Die Erdschicht, die er gerade bearbeitet, stammt aus dem 14. oder 15. Jahrhundert. Vorsichtig legt er mit einer Spitzkelle nach und nach Knochen frei, die seit dieser Zeit im Boden liegen: das Skelett eines Pferdes. Vermutlich - zumindest ist das die erste Annahme der Experten - wurde der Kadaver seinerzeit zur Entsorgung zerhackt und verbuddelt. Und das wiederum bedeutet, "dass hier auf jeden Fall eine Art von Nutzung dieser Fläche stattgefunden hat", sagt Grabungsleiter Patrick Jülich sehr vorsichtig. Vielleicht für Gewerbe, vielleicht gab es auch Wohnhäuser.

Auf einem Grundstück an der Breestraße schräg gegenüber der Heilig-Geist-Kirche läuft derzeit eine archäologische Grabung. Vor allem jede Menge Mauerreste haben die Forscher freigelegt, und allerlei Relikte haben sie aus dem Boden geholt: Tonscherben, Glas, Metallteile, und eben das Pferdegerippe. Auf dem Areal soll ein Mehrfamilienhaus mit zwölf Wohnungen gebaut werden, vorher untersuchen die Wissenschaftler das Gelände.

Der Archäologe Sascha Scherm legt mit einer Spitzkelle vorsichtig die Gebeine eines Pferdes frei. Der Tierkadaver wurde im 14. oder 15. Jahrhundert offenbar zerhackt und vergraben. Für die Wissenschaftler ist das ein Hinweis darauf, wie früh der Bereich in der Nähe der heutigen Gelderstraße schon genutzt wurde. Foto: Evers

Noch bevor die Funde richtig ausgewertet sind, hat Patrick Jülich dabei neue Erkenntnisse über die Gelderner Stadtgeschichte gewonnen. Denn Fundstücke, die nach vorläufiger Schätzung aus dem späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert stammen, zeugen davon, wie viel Leben sich in dem Bereich damals schon abgespielt hat. Im Umfeld der heutigen Gelderstraße hatte man das eigentlich für diese Zeit so noch nicht erwartet: "Das ist für mich das Highlight", so Jülich.

Feste Häuser gab es vermutlich am frühesten zur heutigen Gelderstraße hin. Auf den Hinterhöfen dieser Gebäude gab es erst später Steinbauten wie beispielsweise Ställe oder Lager: "So weit wir das im Moment nachvollziehen können, im frühen 17. oder 18. Jahrhundert", so Jülich. Davon zeugen Mauerreste, die bei der Grabung ans Licht kamen: "Wir können über die Jahrhunderte die Entwicklung der Hinterhof-Grundstücke verfolgen", erklärt Jülich deren Bedeutung.

Und auch dabei ist es für die Wissenschaftler wieder überraschend, wie dicht diese Bebauung war. Auf historischen Darstellungen sieht es so aus, als habe es an der Ecke im Wesentlichen Gärten gegeben - das ist augenscheinlich falsch.

In den Höfen war vieles untergebracht, was Forschern heute Einblicke in das Alltagsleben der Menschen gewährt. Etwa Brunnen, Lagerstätten von ansässigem Gewerbe, Abfallgruben und Kloaken.

Eigenartig unversehrt ist ein großes Stück Ziegelboden zutage gekommen, vermutlich Gebäudereste aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. "Wir können es noch nicht genau sagen, aber wir wissen, dass früher zwei Metzger hier in dem Bereich ansässig waren", erzählt Jülich. "Es könnte ein Stallgebäude sein, es könnte auch ein Schlachthof gewesen sein."

Manches Rätsel hält das Grabungsgelände noch bereit. "Wir haben hier mehrere Gruben, die mit Ton ausgekleidet sind", so Jülich. Der Zweck ist ungewiss, vermutlich wurden irgendwelche Güter darin verwahrt. "Bei einem Befund ist es wahrscheinlich, dass da mal ein Fass dring gelagert hat." Die Gruben stammen ebenfalls aus dem Mittelalter, sogar eine aus vorgeschichtlicher Zeit wird vermutet. Und man stieß auf kleine Stücke von Pflasterboden, ebenfalls mittelalterlich.

Aber nicht nur menschengemachte Spuren, sondern auch Überbleibsel natürlicher Dinge, etwa Reste von Baumwurzeln, geben Aufschluss über die Stadtgründung, erklärt Jülich: "Sind da Ackerflächen gewesen? Ist das gewerblich genutzt worden? War das Waldgebiet? Was haben die Leute gemacht, um so eine Stadt zu erschließen?"

Was immer die Wissenschaftler an Einzelteilen finden, wird geborgen, die Fundstellen werden verzeichnet, alles wird registriert. Mauerreste werden vermessen und zeichnerisch erfasst. Dem Bauvorhaben steht die archäologische Untersuchung nicht im Wege, auf dem Gelände darf anschließend normal gebaggert und gebaut werden.

(RP)
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