Hans-Dieter Krüger ist der selbsternannte Straßenbürgermeister Gelderns

Müllbekämpfung: Der Straßenbürgermeister von Geldern

Hans-Dieter Krüger befreit die Stadt am Niederrhein tagtäglich von Müll, offiziell ist er „Mitarbeiter für Grünanlagen“. Krüger hat in dieser Tätigkeit seine Berufung gefunden. Wir haben ihn begleitet.

Wenn Hans-Dieter Krüger mit seinem Fahrrad über das Kopfsteinpflaster am Markt angefahren kommt, sieht es aus der Ferne etwas wackelig aus. Doch er hat sein Gefährt stets im Griff und lächelt im Vorbeifahren, wenn er auf freundliche Menschen trifft. Mit seiner neongelben Jacke und der gleichfarbigen Mütze ist er kaum zu übersehen. Vielleicht kennt nicht jeder den 55-Jährigen beim Namen, doch vom Sehen her dürfte er fast der ganzen Stadt bekannt sein. Ein kurzes Grußwort hier, ein netter Plausch da. Oder auch mal eine längere Unterhaltung während der Mittagspause bei einer Tasse Kaffee. Es scheint, als hätte Krüger ständig gute Laune. Nur eines trübt seine Stimmung: Die illegale Müllentsorgung in der Stadt.

Gleichzeitig sorgt der Müll aber auch dafür, dass Krüger immer etwas zu tun hat. Seit elf Jahren hält er die Straßen Gelderns sauber. Die offizielle Bezeichnung für seinen Job ist „Mitarbeiter für Grünanlagen“. Doch sein Revier sind nicht nur die begrünten Flächen, sondern im Grunde die ganze Innenstadt. „Ich bin der Straßenbürgermeister von Geldern“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht. Krüger weiß, wie wichtig seine Arbeit ist.

Von montags bis freitags ist er jeden Tag unterwegs – bei jedem Wetter. Auch Wind und Regen halten ihn nicht davon ab, sich in seine Arbeitskluft zu werfen und loszuziehen. „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“, sagt er und lebt nach diesem Motto. Lediglich der Schnee bereitet ein paar Probleme. „Dann sieht man den Müll auf den Straßen und Bürgersteigen häufig nicht mehr“, sagt Krüger. Um sieben Uhr fängt er seine Schicht an, jeden Tag läuft er die gleiche Route. Vormittags durchkämmt er die Innenstadt, ab 13 Uhr macht er auf dem Stadtwall weiter.

Es sind häufig nicht die kleinen, unachtsam weggeworfenen Gegenstände, über die sich Krüger ärgert. Die hebt er einfach im Vorbeigehen auf. Ein größerer Dorn im Auge sind ihm die vorsätzlich abgeladenen Mülltüten. „Besonders auf Parkplätzen fällt das immer wieder auf. Manche kommen sogar extra mit dem Auto dorthin gefahren, um ihren Müll loszuwerden“, klagt er. Es vergehe kaum ein Tag, an dem er nicht an einem vollen Müllsack vorbei käme. Er vermutet, dass es an den hohen Kosten für die Müllentsorgung in Geldern liegt. Verständnis hat er trotzdem keines: „So viel Geld ist das schließlich nicht.“ Zudem sei das auch ein schlechtes Vorbild für die Kinder. Denn auch die Spielplätze werden regelmäßig zugemüllt. „Dort muss ich meistens Pizzakartons einsammeln“, sagt er. Als besonders arbeitsintensiv bezeichnet er die Straßen „An der Bleiche“, „Harttor“, „Brühlscher Weg“ und die „Bahnhofstraße“. „Da kommt immer viel zusammen.“

Zu Beginn des Jahres hat Krüger von der Stadt ein neues Dienstfahrzeug bekommen, mit dem er die größeren Abschnitte auf seinen Strecken bewältigt: ein E-Bike. Vorher hatte er ein normales Fahrrad mit einem Anhänger dran, nun bewegt er sein motorisiertes Gefährt durch die Straßen. Das weiße Rad hat zwischen Lenker und Vorderrad eine große Kiste montiert, in der Krüger seine Eimer, Greifer und Müllsäcke verstauen kann. Er hat noch eine große Wanne reingestellt, in der er den Müll sammelt. „Das schont den Boden und die Wanne lässt sich auch leichter reinigen als der ganze Kasten”, erklärt er. Auf die Frage, ob sich das neue Gefährt denn schwieriger fahren lässt, reagiert er mit einem Lachen. „Alles Gewöhnungssache”, sagt er und dreht eine Runde zur Demonstration. Während seiner täglichen Route steht das Gefährt allerdings meist an einem Ort. In der Stadt ist er zu Fuß schneller und flexibler. Dann muss er nicht für jeden weggeworfenen Gegenstand extra ab- und wieder aufsteigen. Nach getaner Arbeit bringt Krüger den eingesammelten Unrat zu den städtischen Entsorgungsstationen.

Hans-Dieter Krüger liebt seine Arbeit, für die sich Anderer womöglich zu schade wäre. Angefangen hat alles mit einem Ein-Euro-Job. „Vor elf Jahren hat mich die Arbeitsagentur angerufen und mir die Arbeit angeboten. Nicht eine Sekunde musste ich überlegen, ich habe sofort zugesagt”, erinnert er sich. Erst war seine Stelle auf zwei Jahre befristet, inzwischen hat er einen dauerhaften Vertrag. Die Arbeit an der frischen Luft hält ihn fit. „Ich fühle mich einfach sauwohl”, sagt Krüger. Er genießt besonders die Ruhe, wenn er seiner Arbeit nachgeht. Dann ist er ganz für sich und kann abschalten.

„Von nichts kommt nichts”, das habe ihm schon sein Großvater erzählt. Deshalb beherzigt er diese Worte. Und genau deswegen wird er von vielen so geschätzt. „Er ist einer der nettesten Menschen hier in der Stadt”, sagt Inge Gerhardt, als sie Hans-Dieter Krüger zufällig trifft. Hin und wieder trinken die beiden einen Kaffee zusammen und reden über Gott und die Welt. Gerhardt sieht, was Krüger bewirkt: „Einige Ecken waren so zugemüllt, dass man sich da kaum noch hergetraut hat. Das ist jetzt viel besser. Er ist der Engel der Stadt Geldern.” Worte, die Krüger gerne hört. Doch er bekommt nicht nur positive Reaktionen. „Manche Menschen lachen, wenn sie mich sehen, wie ich den Müll aufsammle. Aber da stehe ich drüber. Ich tue ja niemandem was und mache einfach nur meine Arbeit“, sagt der 55-Jährige.

Und die verrichtet Krüger Woche für Woche, Tag für Tag. Mit Leidenschaft, mit Hingabe, mit Stolz. Es ist seine Lebensaufgabe geworden. Am späten Nachmittag steigt Krüger auf sein Rad und fährt davon – und er weiß, dass er und seine Arbeit schon am nächsten Morgen wieder dringend gebraucht werden.

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