Gelderland: Gibt es einen Markt in Holland für geklaute Gemüsekisten?

Gelderland: Gibt es einen Markt in Holland für geklaute Gemüsekisten?

Bauern vermuten ein neues "Geschäftsmodell": Aus Betrieben werden Tausende Pfand-Kästen gestohlen. Die Polizei blickt über die Grenze.

Die Diebe kommen mit dem Lkw in der Nacht, sie sind dreist, sie sind gut organisiert. Jüngstes Opfer: Tomatenzüchter Theo Germes in Walbeck. In der Nacht zu Dienstag räumten die Diebe aus dem überdachten Lager seines Betriebs rund 4000 zusammengefaltete Plastik-Gemüsekisten von den Paletten, auf denen sie gestapelt lagerten.

"Die Bänder waren losgeschnitten und schön auf einen Haufen geworfen, und die Paletten lagen noch da - für die hätten sie ja einen Gabelstapler gebraucht", beschreibt Germes das Bild, das sich ihm morgens bot. "15.000 bis 16.000 Euro sind weg." Bei dieser Summe lag der Pfandwert der Kästen.

Erst Mitte Dezember wurde in Nieukerk Jörg Heekeren heimgesucht - 3900 Gemüsekisten transportierten die Diebe in zwei Raubzügen ab, die sie im Laufe weniger Tage unternahmen. Schaden: über 20.000 Euro. Über Weihnachten war exakt nach dem gleichen Muster Matthias Draek aus Straelen betroffen. Verlust: rund 23.000 Euro.

Auf der leeren Palette waren einmal 3900 Gemüsekisten gelagert. Gärtner Jörg Heekeren aus Kerken hat den Dienstahl auf Video. Foto: Seybert

Kisten-Diebstähle habe es in kleinerem Maßstab immer wieder mal gegeben, berichten Landwirte im Raum Straelen übereinstimmend. "In diesem Jahr ist das bei Berufskollegen ganz massiv", sagt Matthias Draek. "So große Mengen wie jetzt in den letzten 14 Tagen sind noch nie gestohlen worden."

Theo Germes glaubt an ein neues "Geschäftsmodell": "Das ist irgendwie organisiert", mutmaßt er. "Ich denke, diese Bande arbeitet mit großen Betrieben zusammen, die diese Kisten brauchen. Wenn eine Firma, sagen wir mal, eine Million Kisten im Jahr bekommt, und unter diese Mengen schieben die 50.000 oder 100.000 gestohlene Kisten unter - das fällt nicht auf."

Die Polizei hat die übers Jahr verteilten Taten nicht im Zusammenhang erfasst. "Bislang ist auch nicht bekannt, wer die Abnehmer sind", sagt Sprecher Achim Jaspers. Allerdings seien immer wieder Kastenwagen mit niederländischen Kennzeichen gesehen worden: "Es scheint da in den Niederlanden einen Markt zu geben."

Die grünen Plastikkisten für Gemüse, Obst oder Blumen werden von Erzeugern und im Handel in ganz Europa genutzt und sind - je nach Größe - pro Stück mehrere Euro Pfand wert. Verteilt und zurückgenommen werden sie vom Unternehmen "Euro Pool System".

"Die Kisten haben halt einen Pfandwert, der ist marktbekannt", sagt Nicole Cordier vom Unternehmen. Aber wie genau die Verbrecher sie zu Geld machen, wisse man nicht. Man arbeite nur mit registrierten Partnern zusammen: "Für uns sind nur Mitspieler gestattet, die wirklich im Obst- und Gemüsehandel tätig sind." Und wenn kleinere Firmen plötzlich Kisten in unüblicher Größenordnung zurückgeben würden, so würde das auffallen, meint Cordier. Einen europaweiten Überblick gebe es bei "Euro Pool System" allerdings nicht, die Geschäfte würden in den einzelnen Ländern eigenständig organisiert.

Viele Landwirte in der Region verstecken jetzt Kistenlager oder installieren Alarmanlagen. Matthias Draek hat nach der Nacht, in der 4250 Kisten verschwanden, einen Wachdienst angeheuert. Zunächst nur aus Prinzip: "Ich hab'selber ja nicht geglaubt, dass die zwei Tage später wieder auftauchen", sagt er.

Das taten sie aber. Thomas Achterberg vom Wachdienst Gelderland war Zeuge. "Da kam ein weißer Lieferwagen ohne Licht ganz langsam aufs Gelände gerollt", schildert er. Ein Täter kletterte über eine Mauer in die Lagerhalle und öffnete das Tor von innen. Dann wurde geräumt.

Wie sich herausstellte, brauchten die Verbrecher nur ein paar Minuten, um 800 Pfand-Kisten einzusammeln. Sobald die alarmierte Polizei nahte, fuhren sie weg. Eine kurze Verfolgungsjagd endete an der niederländischen Grenze. Die Polizei begründet den Abbruch mit "rechtlichen Vorgaben".

(szf)
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