Geldern: Gemeinsame Lösung statt Richterspruch

Geldern: Gemeinsame Lösung statt Richterspruch

Annette Kuhl bietet als erste Anwältin im Südkreis "Mediation" an. Das ist der Versuch, einen Streit ohne Richter beizulegen. Das hilft zum Beispiel zerstrittenen Nachbarn oder Paaren mit Kindern, die sich voneinander trennen.

Es ist vielleicht die letzte Chance auf eine Einigung ohne Gericht, wenn sich zwei zerstrittene Menschen in die dunklen Ledersessel setzen, die vor dem Schreibtisch der Anwältin Annette Kuhl stehen. Nebeneinander, und nicht Auge in Auge, wie es wohl vor Gericht wäre, wenn sich streitende Parteien gegenüber sitzen. Die Anwältin schmunzelt. "Bei der Mediation geht es um mit- und nicht gegeneinander", sagt sie.

Mediation — dahinter verbirgt sich der Versuch, in einem festgefahrenen Streit eine Lösung zu finden, ohne damit vor Gericht gehen zu müssen. Denn bei einem Urteil, sagt Kuhl, sei meist nur eine Seite zufrieden. Wenn sich die Konfliktparteien aber nach dem Urteil immer wieder über den Weg laufen, weil sie Nachbarn sind oder ein getrenntes Paar mit gemeinsamen Kindern, dann führe das über kurz oder lang meist zu weiteren Streitigkeiten.

In der Mediation hingegen sollen beide Parteien miteinander ins Gespräch kommen, sich auch am Ende noch in die Augen schauen können. Einen Richterspruch gibt es nicht, auch keinen Lösungsvorschlag durch die Anwältin. "Man darf als Mediator nicht schon mit einer Lösung an den Fall herangehen und auch nie einen Lösungsvorschlag unterbreiten", stellt die 47-Jährige aus Geldern klar. Vielmehr sei sie eine Gesprächsleiterin, die die Wünsche und Interessen der Zerstrittenen herauszufinden und zu "übersetzen" hat, wie sie es sagt. Die Medianten, so heißen die Konfliktparteien, sollen einander verstehen. Dazu gehört, dass sie von Anfang an freundlich miteinander umgehen sollen. Annette Kuhl leitet die Gespräche, die Ergebnisse aber kommen nicht von ihr.

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"Da muss ich mich als Anwältin schon umstellen", gibt sie zu. Denn wenn sie vor Gericht eine bestimmte Partei vertritt, dann muss sie klar Stellung beziehen. Da sie als Mediatorin aber der Neutralität verpflichtet ist, scheidet sie als Anwältin für eine der Parteien aus, wenn der Streit doch vor Gericht landet.

Meistens, sagt sie, stelle sich schon in den ersten Sitzungen heraus, ob die Mediation funktioniert. "Wenn beide Parteien es wirklich wollen, dann ist die Erfolgschance 99 Prozent", erklärt sie. Passt es nicht — auch das kommt vor —, wird der Versuch abgebrochen. Die Mediation soll einerseits den Konfliktparteien die Möglichkeit geben, erhobenen Hauptes aus dem Streit zu gehen, andererseits aber auch die Gerichte entlasten.

Daher können Richter inzwischen eine Mediation oder ein anderes außergerichtliches Verfahren zur Konfliktbeilegung vorschlagen. Die Kosten für die Mediation müssen allerdings die Teilnehmer selber tragen. 150 Euro kostet der Mediator in der Stunde, zur Beilegung werden, berichtet Annette Kuhl, acht bis zehn Sitzungen mit je 1,5 Stunden benötigt. "Zum Teil übernehmen Rechtsschutzversicherer die Kosten", sagt die Anwältin, "eine Übernahme der Kosten durch den Staat im Rahmen von Beratungshilfe ist leider momentan nicht vorgesehen".

(RP/ac)
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