Geldern: Schicksal einer Mutter - ein halbes, ganzes Kind

Schicksal einer Mutter: Ein halbes, ganzes Kind

Susanne hatte im vierten Monat ihrer Schwangerschaft eine Fehlgeburt. Sie kämpft dafür, dass ihre Tochter, der sie den Namen Tilda gegeben hat, nicht vergessen wird. Darum hat sie ihr ungeborenes Kind in Geldern beerdigen lassen.

Als die Frauenärztin fragt, ob sie Kinder habe, weiß Susanne keine Antwort. Darin steckt alles, was Susanne in den vergangenen Monaten erlebt hatte. Alles, was sie seitdem beschäftigte. Ob ein Kind zählt, das vier Monate lang in ihrem Bauch herangewachsen ist. Das kleine Finger hatte, zwei Arme und zwei Beine und ein Herz, das schlug. Das niemals gesund zur Welt kommen sollte. Und das, bevor Susanne es kennenlernen konnte, gestorben ist. Es dauert einen Moment, bis Susanne sagt: „Ein Halbes“.

Susanne, so nennen wir sie, denn ihren wahren Namen sollen nicht alle wissen, ist vor einem Jahr schwanger geworden. Es war ein Zeitpunkt, zu dem sie kaum noch damit gerechnet hatte. Mit 42 war sie eine Spätberufene, wie sie selbst sagt. Sie sitzt an ihrem Lieblingsplatz in der Küche, es ist der Stuhl direkt neben dem Fenster. Von dort aus kann sie auf die Spielstraße sehen. In der Dämmerung haben Kinder ein Fußballtor aufgebaut und schießen darauf mit einem Ball. Susanne schaut aber nicht raus, sondern auf die Fensterbank. Dort stehen zwei kleine Holzkreuze, ein kleiner Engel, eine Kerze brennt in einem Glas. „Tilda“ steht auf einem Kreuz. Es ist der Name ihres halben Kindes, das für sie ein Ganzes war.

Dabei hatte ein Kind nie richtig in ihr Lebenskonzept gepasst. „Mit 30 dachte ich, noch so viel Zeit zu haben, dann fehlte der richtige Partner. Und mit Anfang 40 kam dann derjenige, mit dem ich es mir vorstellen konnte“, sagt Susanne. Ihr Freund Michael bekam bei der Vorstellung eines Kindes erst kalte Füße, „aber ein bisschen Kind geht nicht“, sagte Susanne dann und sie versuchten es. Im Dezember 2017 machte Susanne einen Schwangerschaftstest – positiv. „Das ist ja verrückt“, dachte sie, konnte es nicht glauben, musste immer wieder auf das Ergebnis gucken. „Aber dann war die Richtung klar.“ So ist Susanne: Sobald sie eine Entscheidung getroffen hat, steht sie dazu. Sie selbst nennt es sanfte Beharrlichkeit.

Die ersten drei Monate erlebt Susanne eine Bilderbuchschwangerschaft. Nur an einem Tag ist ihr übel, sonst geht es ihr gut, alle Untersuchungen sind ohne Befund. Ende Februar folgt die große Drei-Monats-Untersuchung. Susanne hatte viel gelesen und sie äußert den Verdacht, dass der Fötus auf dem Ultraschall zu klein sein könnte. Doch ihr damaliger Frauenarzt beruhigt sie. Drei Tage später liegt das Ergebnis vor. „Es war sehr schlecht, katastrophal“, sagt Susanne heute. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind Trisomie 21, also das Downsyndrom haben würde, liegt bei eins zu 20. Das Risiko einer anderen Trisomie bei eins zu zwei.

Susanne und Michael machen sofort Termine bei Spezialkliniken. Für sie ist klar: „Wir müssen mehr wissen, wir haben eine Chance von 50 Prozent.“ Doch die Diagnose kommt schnell und erschütternd: Triploidie, das heißt, jedes Chromosom ist dreimal angelegt. Susanne fragt sich: Wenn der Bausatz so durcheinander ist, wie kann es sein, dass das Kind nicht aussieht wie ein Monster? Arme, Beine, Nase, ein kleines Herz – alles da. Doch die Ärzte sagen: Das Kind hat keine Chance. Es wird auf die Welt kommen, um zu sterben.

Mit dieser Nachricht fliegen Susanne und ihr Partner in den Urlaub nach Portugal. Die Reise hatten sie schon Wochen vorher geplant, der Arzt gibt sein Okay. Das Paar solle die Zeit nutzen und sich Gedanken machen, wie es weitergeht. Wie es weitergeht, das heißt: Das Kind zur Welt bringen und es sterben sehen oder der Schwangerschaft vorab ein Ende setzen.

Doch bevor sie eine Entscheidung treffen können, fängt Susanne an zu bluten. Nach vier Tagen in der Stadt Faro muss sie zurück nach Deutschland, der Frauenarzt vor Ort kann sie nicht weiter behandeln. Im Flieger nach Köln bewegt sie sich keinen Zentimeter, als würde sie mit jeder Bewegung ein weiteres Unglück auslösen, als würden sie und ihr Kind dann gar nicht mehr nach Hause kommen.

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Als sie am späten Abend in Deutschland landen, macht Susannes Kreislauf schlapp. Das Paar fährt sofort ins Krankenhaus. „Da habe ich gemerkt: Irgendetwas ist komisch.“ Gerade als sie sich für die Untersuchung auszieht, kommt es zur Fehlgeburt. Danach fliegt alles an Susanne vorbei. Eine Hebamme kommt, sie weint mit Susanne und nimmt das Kind mit. „Können wir es noch einmal sehen?“, fragt Susanne. Die Hebamme bringt eine Schale. Darin liegt, auf weißem Stoff, ihr Kind. Der Fötus ruht in der Fruchtblase, Kopf, Arme, Beine scheinen durch. Es ist so klein, dass es auf eine Handfläche passt. Und so friedlich, sagt Susanne, „richtig schön“. Es ist das erste und einzige Mal, dass Susanne und Michael ihre Tochter Tilda sehen.

Susanne hat einen Ordner, in dem sie alles aufbewahrt. Zwischen den Arztberichten kleben Sticker und Bilder. Dort sind auch die einzigen Fotos eingeheftet, die sie von ihrer Tochter hat, wie sie in der Schale liegt. Sie selbst hat keine Probleme damit und streicht sanft über das Bild. Aufhängen will sie es aber nicht, „das möchten viele ja nicht sehen“. Die Fotos, der Ordner, die Holzkreuze – das ist alles, was von dem Kind übrig geblieben ist. Susanne hat sonst nichts, woran sie sich festhalten kann, was sie an sich drücken kann. „Ich habe Angst, dass das Kind schnell vergessen wird, weil es nie wirklich da war“, sagt sie.

Im Dezember wird Tilda beerdigt. Ihr Kind soll nicht namenlos von der Welt gehen, sondern in Würde, das war Susanne wichtig. Seit 16 Jahren bietet das St.-Clemens-Hospital in Geldern Eltern wie Susanne und Michael an, ihre stillgeborenen Kinder zu beerdigen. Früher wurden die Föten im Klinikmüll entsorgt. Viermal im Jahr finden die Beisetzungen statt, auf dem Gelderner und Veerter Friedhof. Jedes Mal sind etwa drei Familien dabei, sagt Martin Naton von der Klinikseelsorge. An diesem Tag, an dem Tilda beerdigt wird, sind es sogar sechs Familien.

Susanne hat ihr Kind bei einer Fehlgeburt verloren. Foto: Thomas Binn (binn)

Michael und Susanne sind zusammen zur Beisetzung gekommen. Sie sitzen zusammen auf der Kirchenbank während des Gottesdienstes. Sie haben Tilda jeder einen Brief geschrieben, den sie ihr im Sarg mit auf den Weg geben. Ein Stofftier werfen sie ins Grab, in dem der weiße Sarg versinkt, der gerade so groß ist wie ein Schuhkarton. Michael hält Susanne im Arm, als sie weint. Den Friedhof verlassen sie aber getrennt.

Ihre Beziehung hat die Fehlgeburt nicht überstanden. Obwohl sie sich eine weitere Schwangerschaft wünschten, klappte es kein zweites Mal. Mit jedem Monat schwand die Hoffnung auf ein gemeinsames Kind und auf eine gemeinsame Zukunft. Das hat Susanne und Michael schließlich auseinander getrieben. „Es ist es ein doppelter Verlust für mich“, sagt Susanne. „Ich habe nicht nur mein Kind, sondern auch meinen Partner verloren.“

Sie weiß, dass sie nichts falsch gemacht hat. Tripliodie hängt nicht mit dem Alter der Mutter zusammen, sie ist gesund und sportlich, hat auf sich aufgepasst. Zu dem Urlaub hatte ihr der Arzt sogar geraten. Dennoch denkt sie über Schuld nach, darüber, ob sie nicht mehr hätte tun können. „Jeder Mensch hat seine Grenzen“, sagt Susanne. „Und das war meine. Das hat irgendwas mit mir gemacht.“

Heute weint Susanne nicht mehr jeden Tag. Sie geht nach mehreren Monaten Pause wieder arbeiten und trifft sich mit Freunden. Das neue Jahr will sie auch als persönlichen Neuanfang sehen. Sie will zur Ruhe kommen und alles, was geschehen ist, Teil ihres Lebens werden lassen. Sie weiß, sie wird immer wieder schlechte Tage haben. Aber egal wo Susanne wohnt, es wird immer einen Platz geben für Tilda. Mit den Holzkreuzen und der Kerze und der Engelsfigur. Und wenn Susanne wieder gefragt wird, ob sie Kinder habe, wird sie sagen: „Ja, eins“.

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