Geldern: Geldern bekommt wieder Sirenen

Geldern : Geldern bekommt wieder Sirenen

Für den Fall eines Atomunglücks oder eines anderen Krisenereignisses soll es die Chance geben, die Menschen rasch und flächendeckend zu alarmieren. Ein Kritikpunk: Kaum jemand weiß überhaupt noch, was Sirenen-Töne bedeuten.

Im Laufe der nächsten Jahre soll in Geldern nach und nach ein flächendeckendes Sirenen-System aufgebaut werden. Darüber kann die Bevölkerung im Ernstfall gewarnt werden. Etwa - und das ist das Szenario, das den Verantwortlichen am deutlichsten vor Augen steht - wenn es bei einem Atomkraftwerk in Reichweite zum Unglück kommt. Vorstellbar sind natürlich darüber hinaus Katastrophenfälle jeglicher anderer Art.

Der Stadtrat hat die Anschaffung der Sirenen beschlossen. Allerdings war das Thema im Vorfeld kontrovers diskutiert worden. Denn, so Hejo Eicker (SPD) im zuständigen Hauptausschuss des Rates: "Sirenen sind Angstmacher." Nicht nur für Senioren, die den Krieg noch miterlebt haben, sondern auch für jüngere Leute. Zweitens: Im Zweifel wüsste heute kaum noch jemand, was ein Sirenen-Signal überhaupt zu bedeuten haben soll.

Dass bei Menschen mit Kriegserinnerungen durch Sirenenheulen das Trauma der Fliegeralarme wieder hochkommt, dafür gibt es Beispiele. So habe man in Kerken erlebt, dass Senioren sich bei Probealarmen aus Angst vor einer vermeintlichen nahenden Gefahr in den Keller flüchteten, erklärte Achim Ingenillem von der Stadt Geldern. Man werde den Wiederaufbau des Sirenen-Netzes deshalb mit intensiver Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit begleiten.

Norbert Hayduk (Linke) gab jedoch zu bedenken, dass nicht nur der durchdringende Warnton für Befürchtungen sorge. "Ein Signal ist das Wiederaufstellen von Sirenen auf jeden Fall. Nämlich, dass man wieder Angst haben muss", meinte er. Dem widersprach Stefan Wolters (CDU): "Ich glaube, man muss Angst haben, wenn man im Ernstfall, der wie auch immer geartet sein mag, keine Möglichkeit hat, die Bevölkerung zu warnen", sagte er. Auch ältere Menschen hätten Probealarme ohne Ängste kennengelernt: "Ich sehe da kein Problem." Und was ein Signalton bedeutet, könne zum Beispiel in Schulen vermittelt werden. Sirenen, stellte Wolters fest, seien eine einfache Möglichkeit, ein deutliches Warnsignal zu geben, das ohne technische Hürden sehr viele Menschen gleichzeitig erreicht.

Das ist bei anderen Warnsystemen, etwa der Handy-App "Nina", ein Problem. Die App vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe verbreitet Informationen zu Gefahrenlagen, vom Großband bis zur Wetter-Warnung. Allerdings bekommen das nur diejenigen direkt mit, die das Programm auf dem Handy installiert haben und aufs Telefon schauen.

Moderne Sirenen seien nicht mit denen vergleichbar, die man von früher kennt, erläuterte Achim Ingenillem. So könne man auch Sprachnachrichten senden, und man brauche weniger Standorte für einen größeren Bereich. Bürgermeister Sven Kaiser versicherte, dass die mit Computertechnologie ausgestatteten Anlagen vom Stromnetz unabhängig und gegen Hacker-Angriffe geschützt seien.

Nach erster Einschätzung wären für Geldern etwa 20 Hochleistungssirenen nötig, die nach Ansicht der Stadtverwaltung auf städtischen Gebäuden installiert werden sollten. Jedes Exemplar würde etwa 7000 Euro kosten. Die ersten drei wären durch Fördermittel anzuschaffen: Das Land Nordrhein-Westfalen stellt über 22.000 Euro für den Ausbau eines kommunalen Warnsystems zur Verfügung. "Es bleibt abzuwarten, ob weitere Projektförderungen des Landes folgen", führt die Stadt aus. Ansonsten würden für die 17 übrigen Anlagen im Laufe der kommenden Jahre rund 120.000 Euro fällig.

In Geldern gab es bis in die 1980er Jahre Sirenen im ganzen Stadtgebiet. Sie waren sowohl auf privaten als auch auf öffentlichen Gebäuden installiert. Irgendwann war die Alarmierung der Feuerwehr über andere Wege organisiert, die weltpolitische Lage hatte sich entspannt - man hielt die Sirenen nicht mehr für nötig und baute sie ab.

(RP)