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Friedhofsgärtnerei Aengenendt in Wankum: Trauerarbeit in Frauenhänden

Friedhofsgärtnerei Aengenendt in Wankum : Trauerarbeit in Frauenhänden

Vor 17 Jahren wurde aus der Friedhofsgärtnerei Aengenendt in Wankum ein Rund-um-Service für Bestattungen. Das Besondere ist, dass sich mehrere Frauen die Arbeiten teilen. Einen „Mann fürs Grobe“ gibt es aber auch.

„Abpfiff“ steht auf dem Grabstein. Auf dem schön geschmückten Grab ruht ein Fußball. Wer vorbeigeht weiß, dort hat jemand die letzte Ruhe gefunden, der sonst gerne mit den Kickern auf dem Platz mitgefiebert hat. Auf dem Stein ist das Emblem der Lieblingsmannschaft. „Individuell“ oder „nicht nach Schema F“, nennt Dieter Aengenendt die Form der Bestattung. Das Grab war ein Ausstellungsstück beim Tag der offenen Tür, um zu zeigen, was alles möglich ist.  Ja, man müsse ein bisschen Pionierarbeit leisten, erklärt Marion Aengenendt vom Bestattungsunternehmen, weg von „Schema F“. In Wankum hat es sich das Unternehmen zur Aufgabe gemacht, Trauernde zu begleiten, „von A bis Z“ sagt der Geschäftsführer Dieter Aengenendt.

Das Besondere: die Arbeit ist vor allem in Frauenhand. Dieter Aengenendt kümmert sich um die Abholung der Verstorbenen ( „das ist körperlich zu schwer für Frauen“) und die Friedhofsarbeit im Hintergrund. „Der Mann fürs Grobe“, fasst er es zusammen. Der Rest ist Frauensache. Wenn das Telefon klingelt, geht Regine Hackstein dran. Seit März 2017 ist sie dabei. Sie erinnert sich an das erste Mal, als sie Dieter Aengenendt in die Friedhofskapelle begleitet hat, mit gebührendem Abstand. „Das kennt man halt nicht“, sagt sie. Im Januar 2018 nahm sie als Mitarbeiterin ihren ersten Sterbefall entgegen. Oft war sie bei den Erstgesprächen dabei, diesmal hatte sie die Verantwortung. Annie Seyen lobt ihren Einsatz: „Sie wächst über sich selbst hinaus.“ Seyen kennt die Scheu der Menschen vor dem Tod. Einen älteren Herrn hat sie ganz praktisch an die Hand genommen und in das Zimmer geführt, in dem seine tote Frau aufgebahrt lag. „Das erste Mal gehen wir immer mit. Keiner muss das alleine machen“, sagt Chefin Marion Aengenendt. Für den älteren Herrn war der Bann gebrochen. Er kam später mit dem Hund vorbei und setze sich neben seine verstorbene Frau. „Da findet das Begreifen statt“, erklärt Nicole Füngerlings. Der Trauernde soll Zeit und Raum bekommen Abschied zu nehmen. Raum im rein praktischen Sinn. Die Zimmer sind eingerichtet wie ein Wohnraum und dürfen mit persönlichen Gegenständen, wie der Fußballbettwäsche, dem geliebten Rennrad oder der Gitarre des Verstorbenen gefüllt werden. Die Angehörigen bekommen für diesem Raum einen Schlüssel und können rund um die Uhr hingehen.

Vorschlag für das Grab eines großen Fußballfans bei Bestattungen Aengenendt in Wankum. „Abpfiff“ steht auf dem Grabstein. Das Emblem des Lieblingsvereins ist auch zu sehen. Foto: Bestattungen Aengenendt

Alle sind sich beim Team Aengenendt einig, dass es wichtig ist, die Angehörigen aktiv in den Prozess einzubinden, was mit dem Verstorbenen passiert. „Wir bringen die Trauernden in Handlung“, nennt es Füngerlings. Das gehört zur Trauerarbeit und zum Abschiednehmen dazu. Grabbeilagen? Kein Problem. „Die Enkelkinder malen die schönsten Bilder“,sagt Anni Seyen. „Kinder und Jugendliche werden leider oft rausgehalten“, sagt Füngerlings. Dabei ist für sie Trauerarbeit und Begreifen genauso wichtig, wie für die Erwachsenen. Füngerlings hat die jungen Leute im Blick. Marion Aengenendt ist froh über den Zuwachs im Team. Jeder hat seine Qualitäten und bringt sich damit ein.

Anni Seyen ist zuständig für die Versorgung der Verstorbenen, das bedeutet Waschen und Anziehen. Auch Haare waschen? „Immer“, sagt Anni Seyen fast entrüstet. Von den Angehörigen lässt sie sich ein Passfoto geben, damit der Scheitel auch auf der richtigen Seite sitzt. Schminken? Auch das, wenn die Verstorbene sich auch zu Lebzeiten aufgehübscht hat.

Die Angehörigen sollen ihre Lieben so in Erinnerung behalten, wie sie auch im Leben waren. Und auch auf den Willen der Verstorbenen nimmt Anni Seyen Rücksicht. Sie flitzt auch schon einmal nach Hause und bügelt die Bettwäsche. „Wenn ich weiß, die Verstorbene hätte das so nicht akzeptiert“, sagt sie und lächelt. Beendet ist die Arbeit des Teams erst, wenn die Kerze mit dem Schmetterling auf dem Grab angezündet ist. Die bekommt jeder Verstorbene, den das Team begleitet. Die Verstorbenen müssen nicht aus Wankum kommen, die Bestatterinnen sind für alle da. Einmal im Jahr findet ein Gedenknachmittag für die Angehörigen statt. Für das Team hat es mit Wertschätzung zu tun. An einem Gedenkbaum hängen die Namen. So haben sie jeden, den sie begleiten, vor Augen, ganz individuell.