Frau aus Geldern mit Rückenschmerzen suchte Hilfe.

Fachärzte: Langer Weg zur Rückenhilfe

Ein Gelderner musste intensiv suchen, bis er Hilfe für seine unter Schmerzen leidende Frau fand. Gibt es zu wenige Fachärzte? Die Kassenärztliche Vereinigung sagt: Nein. Doch es läuft eine Petition gegen Fachärztemangel im Kreis.

Diesen Montag Anfang Juli vergisst Klaus Thoms nicht so schnell. Seine Frau litt unter starken Rückenschmerzen und konnte sich kaum noch bewegen. Der Gelderner versuchte, Hilfe bei einem Orthopäden in seiner Stadt zu bekommen. Ein schwieriges Unterfangen.

„Es werden nur Patienten nach Unfällen behandelt“, hörte er beim Anruf in der ersten Praxis. „Nur Schulter- und Knieprobleme und chirurgische Behandlung“, beschied ihn die nächste. „Nur Privatpatienten“, lautete die Mitteilung der dritten Praxis. Glück im Unglück hatte Thoms, als er für seine Frau in Kevelaer einen Termin bekam. Aber nur, weil dort ein Patient abgesagt hatte. „Und da ich ein Auto habe, konnte ich meine Frau nach Kevelaer fahren.“

Schon ein Jahr zuvor hatte der Gelderner das gleiche Problem. Damals musste er in die Notfallambulanz des Krankenhauses. Sein Eindruck: Es gibt zu wenig Fachärzte.

Das meint auch die Kreisverwaltung Kleve. Pressesprecherin Elke Sanders verweist auf die aktuelle Petition, mit der die Abdeckung durch Mediziner zwischen Wachtendonk und Rees verbessert werden soll. „Je mehr unterschreiben, desto größer die Aussichten auf Erfolg.“

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Anders sieht die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein die Lage. In jeder Fachgruppe gebe es gute Versorgungsgrade von jeweils über 110 Prozent, teilte Christopher Schneider von der Pressestelle der KV Nordrhein mit. Lediglich bei den Frauenärzten sei derzeit eine halbe Zulassung unbesetzt (109 Prozent). „Gemessen an den geltenden Vorgaben ist die fachärztliche Grundversorgung der Region deshalb formal und rechnerisch als gut zu bezeichnen. Die Ende 2017 im Kreis noch freien Zulassungsmöglichkeiten im Bereich der Augenheilkunde und der Urologie (jeweils halbe Zulassungen) konnten mittlerweile besetzt werden.“

Die Versorgungsgrade der Fachgruppen stellen laut Schneider zwar primär eine statistische Größen dar, sind aber für die Planung der Ärzte sehr relevant: Denn sobald der Versorgungsgrad bei einer ärztlichen Fachgruppe 110 Prozent überschreitet, wird der Zulassungsbereich für die jeweilige Arztgruppe gesperrt. „Weitere beziehungsweise zusätzliche Ärzte dieser Fachgruppe dürfen dann nicht mehr zugelassen werden.“ Allerdings sei die Übernahme von bestehenden Praxen im Rahmen einer Nachbesetzung möglich. Eine Schwachstelle der momentan geltenden Bedarfsplanung ist aus KV-Sicht, dass regionale Strukturbesonderheiten nur grob abgebildet werden können und für Fachärzte in Großstädten grundsätzlich eine höhere Arztdichte als auf dem Land vorgesehen ist. Der Grund dafür ist, dass viele Menschen nicht am Wohnort, sondern am Ort der Berufstätigkeit zum Facharzt gehen (Mitversorgungseffekte). Schneider: „Beispielsweise für die kinderärztliche Versorgung halten wir diese Annahme allerdings für fragwürdig, da bei Kindern eine Versorgung vor Ort gewährleistet sein muss – wie zum Beispiel bei den Hausärzten schon heute praktiziert.“

Momentan ist aus Sicht der KV die ambulante Versorgung im Rheinland, und damit auch im Kreis Kleve, noch gut. Doch sie sieht Handlungsbedarf, aktuell allerdings in erster Linie in der hausärztlichen Niederlassung. Bereits heute seien im Rheinland mehr als 250 hausärztliche Stellen unbesetzt – davon allein im Kreis Kleve über 30. Und angesichts der Altersstruktur der nordrheinischen Hausärzte rechnet die KV damit, dass sich perspektivisch die Anzahl freier hausärztlicher Zulassungsmöglichkeiten im ganzen Rheinland noch weiter erhöhen wird. Denn etwa jeder dritte heute aktive Hausarzt in Nordrhein ist über 60 Jahre alt und wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich einen Praxisnachfolger suchen.

Um den drohenden Ärztemangel entgegenzutreten, braucht es deshalb aus Sicht der KV in erster Linie mehr junge Nachwuchsmediziner – vor allem in der hausärztlichen Basisversorgung, aber zum Beispiel auch im Bereich der Neurologie, die durch den demographischen Wandel der Patientenschaft stetig steigenden Zulauf erfährt. Schneider: „Deshalb begrüßen wir auch ausdrücklich die im vergangenen Jahr getroffene Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zur Reform der Medizin-Studienplatzvergabe (Modifikation des NC) sowie die von der NRW-Landesregierung unlängst auf den Weg gebrachte Einführung der ,Landarztquote’ beim Medizinstudium als zusätzliche, allerdings erst langfristig wirksame, Bausteine. Wir hoffen, dass diese Pläne zukünftig zu mehr Absolventen und damit perspektivisch zu mehr Ärztinnen und Ärzten im Rheinland führen.“ Die KV selbst ist beim Werben um Mediziner fürs flache Land nicht untätig. Um Haus- und Fachärzte in jene Regionen zu locken, in denen ein hoher Bedarf an ärztlichem Nachwuchs besteht, veranstalten sie unter anderem seit 2008 regelmäßig Praxisbörsentage.