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Prozess um Betrug durch Schlüsseldienste: Fake-Adressen und fragliche Nebenjobs

Prozess um Betrug durch Schlüsseldienste : Fake-Adressen und fragliche Nebenjobs

Ehemalige Angestellte und Geschäftspartner der beiden Angeklagten im Schlüsseldienst-Prozess sagten am Dienstag aus. Eine IT-Expertin hatte aus Gewissensgründen gekündigt, weil der Arbeitgeber mit falschen Adressen arbeiten wollte.

Tag drei im Prozess gegen einen 57-jährigen Mann aus Geldern und einen 39-Jährigen aus Weeze, die sich mit einem Unternehmensgeflecht von Schlüsseldiensten um Millionen bereichert haben sollen: Die Strafkammer um den Vorsitzenden Richter Christian Henckel verhörte am Dienstag im Schwurgerichtssaal des Klever Landgerichtes acht Zeugen, die von der "Deutschen Schlüsseldienst Zentrale" der beiden Angeklagten beschäftigt worden waren oder mit den Angeklagten anderweitige geschäftliche Kontakte hatten.

So sagten mehrere Ex-Mitarbeiter aus, die in der Gelderner Telefonzentrale des Unternehmens tätig gewesen sind: 500 Euro habe ihr Grundgehalt betragen, zusätzlich sollen die Telefonisten für jeden vermittelten Schlüsseldienst-Auftrag eine Provision von drei Prozent des Rechnungsvolumens erhalten haben. Eine ehemalige Mitarbeiterin schilderte, dass sie täglich Anrufe von Kunden aus ganz Deutschland entgegennahm. Ihre Aufgabe sei es dann gewesen, einen Monteur aus dem betriebsinternen Verzeichnis zu beauftragen, der möglichst schnell beim Kunden sein kann.

Unter Nennung eines Firmennamens hätte sie die Kundenanrufe nicht entgegengenommen, so die ehemalige Telefonistin, lediglich unter Nennung ihres Namens. Zudem erklärte die Zeugin, sie sei von dem angeklagten Geschäftsführer noch in einem weiteren Unternehmen - einem von ihm gegründeten Schlüsseldienst - auf 450 Euro-Basis eingestellt worden. Sie habe im Rahmen dieser Beschäftigung jedoch wesentlich am selben Arbeitsplatz gearbeitet und dieselben Tätigkeiten ausgeführt, wie für ihren Hauptarbeitgeber.

Auch eine zweite ehemalige Angestellte erinnerte sich im Zeugenstand, die Anrufe in der Gelderner Zentrale gewöhnlich nicht unter Nennung eines Firmennamens entgegengenommen zu haben. Eine Praxis, die möglicherweise mit dem undurchsichtigen Geschäftsmodell der "Deutschen Schlüsseldienst Zentrale" zusammenhängt, das gestern eine weitere Zeugin näher beleuchten konnte: Die 49-jährige Systemadministratorin und IT-Expertin war 2012 von dem 57-jährigen Angeklagten als Gestalterin für Internetseiten angestellt worden. Im Zeugenstand erklärte die Frau, sie habe gekündigt, weil sie das Geschäftsmodell nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnte: "Man wollte ein Netzwerk aufbauen, das jedem Internetbenutzer, der einen Schlüsseldienst sucht, den Eindruck vermittelt, dass der nächste Monteur nur ein paar Meter entfernt sei." Diese unternehmerische "Strategie", die sie in ihrem Kündigungsschreiben als "Praxis der Fake-Adressen" bezeichnete, habe ihr der 57-jährige Angeklagte auf Nachfrage bestätigt.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten Betrug und Wucher, Steuerhinterziehung und Einbehalten von Lohnnebenkosten im großen Stil vor. Über hundert Zeugen sollen bis Juli in zahlreichen Prozesstagen gehört werden. Nächster Termin ist 31. Januar, 9.30 Uhr, in Saal A105 des Klever Landgerichts.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Schlüsseldienstbetrug - Prozessauftakt in Kleve

(RP)