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Dorfspaziergang in Corona-Zeiten: Wetten hat eine „Jammerfreie Zone“

Dorfspaziergang in Corona-Zeiten : Wetten hat eine „Jammerfreie Zone“

Sogar eine Glücksstraße gibt es im Dorf. Beim Moosbur gibt es einiges über deutsche Bürokratie zu erzählen. Das Virus macht es auch für Clemens Jeuken von der Straußenfarm Jeukenhof schwierig.

Die erste Botschaft am Dorfeingang zu Wetten kommt direkt aus der Luft in Form eines Fußballs. Den hatten die Jungen nämlich hoch über die Absperrung des Fußballplatzes vom SV Union hinaus gekickt. Zum Auftakt des Dorfspaziergang in Wetten ergibt sich also eine schöne erste Gelegenheit, die Dorfjugend zu Wort kommen zu lassen. Die 16-und 17-Jährigen hatten drei Monate die übliche corona-bedingte Pause in Schule und Freizeit, sind nicht in die Ferien gefahren. Jos, Martin, Pascal, Max, Leon und Ben sind froh, dass sie jetzt auf dem sattgrünen Rasenplatz ihres Vereins den Ball wieder in Richtung Tor treten dürfen. „Für uns war es eine Riesenfreude, jetzt nach so langer Zeit die Freunde wiedersehen zu dürfen. Sich persönlich was zu erzählen, das ist schon war anderes als nur per Handy. Und die erste kleine Partyrunde, das war super“, sind sich die Wettener aus der A- und B-Jugend einig. Mit dem Ferienende startet für die jungen Leute langsam wieder das Altbekannte: Schule und Training mit der Mannschaft – soweit möglich. Aber heute wollen sie sich erst einmal ausgiebig austoben.

Bei solch’ hohen sommerlichen Temperaturen hat Wasser eine ganz eigene Anziehungskraft. An der Anlegestelle von „Paddeln auf der Niers“ liegt ein umgedrehtes Kajak. Ansonsten ist weit und breit keine Aktivität auf der Niers zu erkennen. Die Treppe hinunter wirkt wie eine Einladung, dort unten mal kurz die Füße ins kühlende Wasser einzutauchen. Diese neue Perspektive öffnet den Blick für die Schönheit der Wasserlandschaft. Libellen schwirren am Ufer entlang, lange Weidenzweige bieten Schatten.

Es scheint, als hätten sich Mensch und Tier um diese Tageszeit in kühlere Ecken verzogen. Der Dorfplatz ist menschenleer. Eine Hinweistafel mit tieferer Bedeutung fällt ins Auge: „Jammerfreie Zone“. Dort wird das Jammern über Alles und Jedes in Reimform verfasst, schließlich der Wettener Marktplatz zur „Jammerfreien Zone“ deklariert. Wie zeitlos, die letzte Erkenntnis: „Und wenn man es sich recht überlegt, geht es uns doch gar nicht so schlecht, oder?“

Die Fußballjugend in Wetten jagt begeistert dem Ball nach. Foto: Kriegel/Monika Kriegel

Der Abzweig in Höhe des Hospizes in Richtung Gewerbegebiet führt entlang an der ursprünglichen Adresse vom Futtermittelhersteller Merulin. Die riesigen Fertigungshallen und Verwaltung im Kevelaerer Gewerbegebiet bilden von dort aus Silhouetten hinter Maisfeldern. Die nächste Station ist schließlich zur Kornbrennerei Moosbur an der Wettener Straße. Ein Teil des Hofgebäudes ist eingerüstet. Luzia Deselaers erklärt, dass es sie in diesem Jahr schwer getroffen hat mit einer Windhose, die sich unter das Dach des alten Anbaus geschoben hat. „Wir haben im Februar 14 Tage lang nur aufgeräumt“, schildert sie. Ja, und dann kam Corona. Zu Beginn hatten die Eigentümer mit einer speziellen Idee auf sich aufmerksam gemacht (Die RP berichtete). Sie hatten alle Menschen im Umland aufgerufen, Alkoholika zum Brennen von Desinfektionsmitteln zu bringen. „Mit einer solchen Resonanz hatten wir nicht gerechnet“, beschreibt die Hausherrin den umwerfenden Erfolg ihre Aktion. Allerdings gab es da zwei Aspekte, die sie nicht bedacht hatten. Das war zum Einen die ungeheure Menge an Leergut, die es danach zu entsorgen galt. Einen Glascontainer bekamen sie nicht. Als „Erste Hilfe“ fuhren sie alle Flaschencontainer im Umkreis ab, um das Leergut dort zu entsorgen. Schließlich habe sich die Firma Opwis in Kevelaer des Problems angenommen. „Die mussten die Entsorgung allerdings bezahlen, weil das Glas nicht farbig sortiert war. Das haben sie auf eigene Kosten übernommen. Danke dafür“, beschriebt Luzia Deselaers die Lösung des Problems. Der zweite „Pferdefuß“ war, dass sich der Zoll bei ihnen meldete. „So geht das aber nicht“, hatten die Beamten den Eheleuten Deselaers signalisiert, dass die steuerliche Seite bei der unentgeltlichen Abgabe von „Branntwein“, wenn auch als Desinfektionsmittel eingesetzt, nicht bedacht worden war. Aus der unentgeltlichen Weitergabe von Desinfektionsmittel wurde also nichts. Es blieb den Wettenern nichts anderes übrig, als die sterile Flüssigkeit günstiger weiterzuverkaufen, weil die Steuer – in einer vereinbarten Sonderregelung – auch für diese Spendenaktion unumgänglich war. Wirtschaftlich gesehen gab es noch viele Rückzieher bei den Vereinen und Bruderschaften, die für ihre Kirmesfeiern und Ereignisse Geschmacksmischungen und Sonder-Etikettierungen bei Moosbur geordert hatten. Probenabende seien eher wieder im Herbst angedacht, sagt Luzia Deselaers

Der Weg zurück ins Dorf führt in ein Baugebiet, dessen Straßenbezeichnung belustigt. Wohnen auf der „Glücksstraße“ die glücklicheren Menschen in Wetten? Die Frage ließ sich leider nicht von einem Anwohner klären. Auf jeden Fall weniger erfreulich verlief das Jahr bisher für Clemens Jeuken von der Straußenfarm Jeukenhof. „Das Ostergeschäft war schwierig, im Moment habe ich 100 Tiere mehr als normal, die alle was zu fressen haben möchten. Es ist ja zudem noch sehr trocken. Der Metzger im Ruhrgebiet hat bisher nicht geschlachtet“, zählt der Landwirt seine Probleme auf, dass ihm das Straußenfleisch zum Hofverkauf fehlt. Und der angrenzende Partyraum werde nicht angefragt.

Luzia Deselaers zeigte die Spirituose zum Lightwalk. Auch der hat in diesem Jahr nicht stattgefunden. Fotos: M. Kriegel Foto: Kriegel/Monika Kriegel

Mit sechs Wochen dauere das Ausbrüten eines Straußeneis, das bis zu 1600 Gramm schwer wird, doppelt so lange wie ein Hühnerei. Die jungen Kälber im Außengehege werden allerdings in den kommenden Tagen zur Aufzucht abgeholt. Ganz schön neugierig stolziert dieses Jungvolk dem Landwirt entgegen, der eigentlich nur nach dem Rechten sehen will. Sofort folgt der Impuls, ob man so ein Straußenjunges mal streicheln darf? Ausnahmsweise. Der Körper mit dem Ansatz von dunkeln Federkielen fühlt sich rauh an, der Hals dagegen flauschig weich. Es gibt sicherlich angenehmere Kuscheltiere, zum Beispiel die Jungkatzen, sich im Innenhof einen Platz zum Dösen gesucht haben. Ein lauschiger Schattenplatz, das wäre das Stichwort zum Ende des Dorfspaziergangs in Wetten. Die nächste Bank ist reserviert für einen kühlen Schluck aus der Wasserflasche. Schön war’s in Wetten an diesem Sommertag.