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Dorfspaziergang in Corona-Zeiten: Im Spargeldorf wachsen neue Stars

Serie Dorfspaziergang in Corona-Zeiten : Im Spargeldorf wachsen neue Stars heran

In Walbeck hat die Pandemie die Nachfrage nach dem „weißen Gold“ einbrechen lassen. Hoffnungen ruhen jetzt auf Blaubeeren.

Die blau-gelben Wimpel wehen über der Hochstraße in Walbecks Dorfmitte. Jährlich werden sie zum Auftakt der Spargelzeit entlang der Hauptzufahrt gespannt. Jetzt wirken sie wie ein Relikt aus einer abgelaufenen Zeit. Aus der touristischen Hochphase, in der die Reisenden freundlich begrüßt werden, um in Walbeck die kulinarische Besonderheit, den Spargel, zu genießen.

Zwei Monate im Jahr steht Walbeck sonst im Fokus der Gäste. Dieses Jahr war anders. Ruhiger. Die Flügel der Steprather Mühle stehen immer noch still. Das Mühlencafé bleibt voraussichtlich in diesem Jahr ganz geschlossen, weil die Hygienebedingungen nicht umgesetzt werden können und zudem die Ehrenamtlichen vielfach zur Risikogruppe gehören. Es ist ruhiger in den Sommerferien. Fast so, als würde der Ort gegenüber der sonstigen Geschäftigkeit noch im Halbschlaf schlummern.

 Der Walbecker Spargelbauer Stephan Kisters hat Blaubeeren in seinem Hofladen im Angebot.
Der Walbecker Spargelbauer Stephan Kisters hat Blaubeeren in seinem Hofladen im Angebot. Foto: Monika Kriegel

Die Türen im Hofladen von Familie Kisters an der Kevelaerer Straße stehen offen. Auch dort: leere Regalwände, wo sich sonst das „weiße Gold“ stapelt. Im Kühlfach türmen sich die neuen Stars der Saison, von dem die Etiketten verheißen: „Blaubeeren machen süchtig“. Nebenan, in der Sortierhalle, herrscht emsiges Treiben. „Wir haben eine neue Sortiertechnik für die Blaubeeren bekommen und stellen sie gerade auf“, erklären Annette und Stephan Kisters. Nach dreijähriger Erprobungsphase mit den Strauchfrüchten sei es an der Zeit für eine neue Investition. Zeit, den Blick nach vorne zu richten. Der Blick zurück in die Spargelzeit? „Wir hatten ganze fünf Busse gegenüber rund 140 in den vergangenen Jahren. Der Bedarf der Gastro war gleich null. Aber wir hatten unheimlichen Zuspruch im Hofladen“, berichtet der Spargelbauer. Gute Erfahrungen habe er mit den hiesigen Aushilfen, meist Schüler und Studenten, gemacht. Anders verlaufe jetzt die Direktvermarktung der Blaubeeren. Kontaktlos, fast zu jeder Zeit. Wenn das Werbeschild am Straßenrand steht, können die Früchte eingekauft werden. Ab und an, so Stephan Kisters, melde sich jemand bei ihm persönlich, weil er kein Wechselgeld habe. Eine schöne Gelegenheit zum Plaudern, findet er.

 Die Galerie der Spargelprinzessinnen auf dem Marktplatz versammelt die bisherigen Amtsinhaberinnen auf einen Blick.
Die Galerie der Spargelprinzessinnen auf dem Marktplatz versammelt die bisherigen Amtsinhaberinnen auf einen Blick. Foto: Monika Kriegel
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Unübersehbar führt der Weg durch Walbeck an verschiedenen Gastronomiebetrieben vorbei, die immer noch ihren Abholservice anbieten. Inzwischen sind die Sitzplätze wieder belegt, wie auch in der Eisdiele am Markt, wo der Eisbecher und der Kaffee wieder am Tisch verzehrt werden dürfen. Der neue Imbiss hat eine moderne Fassade erhalten.

 Einen formvollendeten Corona-Gruß entbieten sich die Doktoren Wolfgang Hoffmann und Meinrad Klein-Walbeck.
Einen formvollendeten Corona-Gruß entbieten sich die Doktoren Wolfgang Hoffmann und Meinrad Klein-Walbeck. Foto: Monika Kriegel

Corona veränderte das Arbeiten auch im Radio- und Fernsehgeschäft von Johannes Quinders. „Die Aufgaben bei uns sind aus dem Kraut gewachsen“, berichtet der Geschäftsmann. Dass die Peripherie fürs Homeoffice eingerichtet werden musste, der PC auf schnelle Übertragungsleistung aufgerüstet wurde. „Unsere Werkstatt wurde als systemrelevant eingestuft. Wir haben inzwischen im Geschäft zwei Beratungszonen eingerichtet. Teils haben die Kunden vor der Tür gewartet, hineingerufen zu werden”, erzählt Lucia Quinders. Ein besonderes Augenmerk haben sie auf die Bedürfnisse älterer Kunden, die durch den Lockdown anfangs fürchteten, von der Außenwelt abgeschnitten zu werden. Schade finden beide, dass die Abstandsregeln traditionelle Feste im Dorf unmöglich machten. Andererseits bedeute dies, so das Ehepaar, ruhigere Wochenenden ohne Freizeitstress.

Urlaub? Nein, der sei im Moment nicht planbar, dafür gebe es einen zu dichten Terminkalender. „Wir machen schon mal ausgedehnte Wochenendtouren. Wenn man selbstständig ist, kann man ja den ganzen Jahresurlaub an einem Wochenende nehmen”, beschreiben die Walbecker.

Ein Hinweis auf Verhaltensregeln für Kirchenbesucher am verschlossen Portal der St.-Nikolaus-Kirche konfrontiert die Gläubigen mit den aktuellen weltlichen Problemen. Im Walbecker Hofgarten herrscht fast schon friedliche Ruhe, ein Blick durch verschlossene Tore des Innenhofs zeigt die Blütenfülle in voller Pracht.

Hausarzt Meinrad Klein-Walbeck fährt auf seinen Parkplatz am Gildenweg. Er kehrt vom Hausbesuch seiner Patienten zurück. Nach einem Blick auf die Uhr („Ja, fünf Minuten bleiben mir noch bis zur Sprechstunde”) will er gerne schildern, wie sich sein Leben auf Corona umgestellt hat. Die Leute seien sehr aufmerksam. Er beschreibt es so: „Aber Corona hat die ganze Welt verändert, nicht nur uns. Die Menschen gehen wie auf Zehenspitzen, also so vorsichtig.” Er habe sofort auf Maskenpflicht in der Praxis bestanden und konsequent durchgesetzt. Seine Beobachtung: Die Patienten reagieren sehr sensibel, manchmal ängstlich.

Fast schon wäre Dr. Wolfgang Hoffmann vorbeigeradelt. Doch stoppt er kurz zur Begrüßung. Der Zahnarzt im Ruhestand kennt die meisten Bewohner und ihre Mentalität. „Walbeck ist für mich noch ein Dorf, wo man in Ruhe leben kann. Hier gibt es sie noch, die kleine heile Welt. Und wir haben alles, was wir brauchen: Arzt, Apotheke, Lebensmittelgeschäft und das schöne Eiscafé in der Nähe. Ich wohne in einem Ort, in dem die Kinder angstfrei aufwachsen. Nicht wie in der Stadt, in der Clans teils das Straßenbild dominieren“, schildert der aktive Rentner.

Aktiv sein für Jung und alt – das scheint auch das Motto der „Grünen Gruppe“ zu sein, die sich das ganze Jahr über am Waldfreibad einfindet. Und ja, das Waldfreibad Walbeck hat unter Corona-Bedingungen geöffnet. Dort fühlen sich Familien ein wenig wieder wie im Sommerurlaub – nur in heimischen Gefilden. Und da rückt dann der Gedanke an Corona für eine kurze Zeit in den Hintergrund.