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Der Historische Verein Geldern nimmt die Zukunft in Angriff

Interview mit Gerd Halmanns : „Sind besser dran als unsere Vorfahren“

Der Vorsitzende des Historischen Vereins wirft auch in Sachen Corona einen Blick in die Geschichte. Im nächsten Jahr wird das neue Domizil im ehemaligen Rittersitz Haus Ingenray bei Pont eröffnet.

Die für Anfang September geplante Geschichtswoche zwischen Weeze und Wachtendonk musste abgesagt werden, die Geschäftsstelle an der Hartstraße ist bereits seit Monaten geschlossen. Selbstverständlich ist auch der Historische Verein für Geldern und Umgegend von der Pandemie betroffen. Den Tatendrang des Vorsitzenden Gerd Halmanns und seiner Mitstreiter kann das Virus allerdings nicht bremsen.

Ist das Coronavirus für einen Historiker Anlass, einen Blick in die Geschichte zu werfen und sich mit Krankheiten aus der Vergangenheit zu beschäftigen ?

Gerd Halmanns Das ist in der Tat so. Pandemien hat es immer schon gegeben, in allen Zeiten. Beispielsweise die große Pest im Jahr 1349, die im Gelderland verheerende Auswirkungen hatte. Aber man muss gar nicht so weit zurückgehen. Jeder wird schnell feststellen, dass wir heutzutage wesentlich besser dran sind, als unsere Vorfahren, die einer Pandemie oftmals hilflos ausgeliefert waren. Wir dürfen uns berechtigte Hoffnungen machen, dass in den nächsten Monaten ein Impfstoff gefunden wird. Im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten befinden wir uns in einer komfortablen Situation.

Die meisten Menschen haben in den vergangenen Monaten zwangsläufig viel Zeit in den eigenen vier Wänden verbracht. Haben Sie den Eindruck, dass aktuell auch ernstere Themen Konjunktur haben ?

Halmanns Das weiß ich nicht und kann ich nicht beurteilen. Persönlich kann ich sagen, dass die ganzen Vorsichtsmaßnahmen in Zusammenhang mit Corona bei mir zu einer ungeheuren Entschleunigung geführt haben. Ich habe mehr als sonst lesen und ,fietsen’ können und auch die Zeit zum Schreiben genutzt. Als Pensionär bin ich im Vergleich zu vielen Menschen, die sich momentan Sorgen machen müssen, allerdings auch privilegiert. Auch für mich gab’s eine Schattenseite. Ich war traurig, dass ich meine Enkelkinder nicht sehen konnte.

Sie mussten die Geschäftsstelle des Historischen Vereins bereits im März schließen. Wann werden Sie wieder Geschichtsfreunde willkommen heißen ?

Halmanns Da in den Sommerferien nach unseren Erfahrungen ohnehin wenig los ist, warten wir vorsichtshalber noch einige Wochen ab. Wir öffnen wieder am Dienstag, 11. August. Das ist der letzte Tag der Sommerferien.

Wie hoch fällt der finanzielle Verlust aus, der dem Verein durch die lange Corona-Zwangspause entstanden ist ?

Halmanns Genau können wir den noch nicht beziffern. Aber es ist ganz einfach so, dass wir deutlich weniger Bücher und Filme verkauft haben als in normalen Zeiten. Wir werden das aber verkraften, zumal wir uns auf unsere großen Sponsoren wie Sparkasse, Volksbank und Stadtwerke immer verlassen konnten und können.

Das Jahr 2020 wird als das Jahr der Absagen in die Geschichte eingehen. Ist denn zumindest etwas Vorfreude auf 2021 gestattet ?

Halmanns Das wollen wir doch alle einmal hoffen. Wenn man bis dahin die Pandemie weitgehend in den Griff bekommen hat, dürfen sich unsere gut 1.400 Mitglieder und alle Freunde des Historischen Vereins beispielsweise auf die Geschichtswoche, historische Rundgänge, Vorträge oder ein abwechslungsreiches Fahrtenprogramm freuen. So planen wir beispielsweise eine achttägige Reise nach Frankreich in die Freigrafschaft Burgund. In Köln möchten wir eine Synagoge und die Zentralmoschee besichtigen. Außerdem ist eine Exkursion in die belgische Stadt Mechelen beabsichtigt.

Für viele Menschen im Gelderland ist der ,Geldrische Heimatkalender’ Jahr für Jahr Pflichtlektüre. Verraten Sie schon, worauf die Leser in diesem Jahr gespannt sein dürfen ?

Halmanns Der neue Heimatkalender wird pünktlich am 5. November fertig sein – zumindest darauf hat Corona keinen Einfluss. Wie in jedem Jahr legen wir den Schwerpunkt auf einen Ort. Diesmal ist Weeze an der Reihe. Wie immer reicht die Palette von der Archäologie bis hin zur Moderne. Kleine Gedichte sind ebenso dabei wie lange Beiträge mit ausführlichen Informationen. 40 Autorinnen und Autoren sind am Buch beteiligt.

Die jüngsten Jahresgaben des Historischen Vereins waren jeweils volle Erfolge. Sowohl die ,Ritter von Geldern’ in Comic-Gestalt als auch die DVD-Box mit der Gelderland-Doku aus dem niederländischen Fernsehen wurden begeistert aufgenommen. Welches Präsent gibt’s für die Mitglieder 2021 ?

Halmanns Es handelt sich um ein Buch über eine Herzogin von Geldern, für die ein berühmtes Stundenbuch verfasst worden ist. Sie brachte als Prinzessin Maria d’Harcourt französischen Einfluss ins Gelderland. Ihre Spuren sind bis heute in Geldern sichtbar. An der Stelle, an der sich die Heilig-Geist-Kirche befindet, ließ sie beispielsweise im Jahr 1415 die Heilig-Geist-Kapelle errichten. Und ich bin mir sicher, dass uns die Jahresgabe 2022 aus den Händen gerissen wird. Wir planen einen Bildband über die 70er Jahre im Gelderland. Unsere Bildbände über den langjährigen RP-Fotografen Ulrich Engelmann und über die 50er Jahre waren schnell ausverkauft.

Und ganz nebenbei steht dem Historischen Verein ja im kommenden Jahr auch noch ein großer Umzug ins Haus.

Halmanns Das stimmt. Nach 20 Jahren ist der Mietvertrag mit dem Haus Lawaczek in Nieukerk ausgelaufen. Das war für uns eine ideale Tagungs- und Begegnungsstätte und Schauplatz unvergesslicher Konzert- und Kabarett-Aufführungen. Jetzt freuen wir uns alle sehr auf den ehemaligen Rittersitz Haus Ingenray bei Pont. Das Gebäude ist Teil einer Stiftung unter unserer Treuhänderschaft und wird momentan noch umgebaut. Im nächsten Jahr werden wir unser neues Domizil eröffnen, das als Museum auch für die Öffentlichkeit interessant ist. Außerdem spielt es im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen eine wichtige Rolle in Sachen Geschichtsforschung.

Klingt alles nach einer erfreulichen Nach-Corona-Zeit.

Halmanns Diese wünsche ich uns allen. Wir sollten nicht vergessen, dass das Gelderland und seine Menschen in der Geschichte schon viele Krisen überstanden haben.