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Bisher ungeklärt: Mordfall in Schaephuysen wird neu aufgerollt

Mord in Rheurdt auch 23 Jahre später ungelöst : Der unbekannte Tote aus der Sandkuhle

Vor fast 23 Jahren findet ein Jäger eine Leiche im Wald in Schaephuysen. Es gibt keinerlei Spuren, und niemand scheint den Toten zu kennen. Es ist der einzige Mord im Kreis Kleve, den die Ermittler nie aufklären konnten. Nun rollt die Polizei den Fall neu auf.

Fast eine Woche lang hatte es geregnet, da kam an diesem kalten Sonntag, es war der 8. Dezember 1996, die Sonne heraus. Heinz Sprung, ein Jäger mit Schnauzbart und grauem Haar, hat seinen Hund an die Leine genommen und ist mit ihm ins Grüne gelaufen. In der Kiesgrube in Schaep­huysen, die seit Jahren stillgelegt und zugewuchert ist, will der Mann seinen Jagdhund trainieren. Heinz Sprung sollte später sagen, dass er glaubte, eine Puppe zu sehen, die da nackt auf dem Waldboden lag. Doch eine Puppe, das weiß der Jäger sofort, hätte sein Hund nicht gewittert.

Der Tote liegt nackt im Gestrüpp, seine Arme und Beine unnatürlich vom Körper abgespreizt, mit den Ästen auf dem Waldboden verschlungen. Ein Oberschenkel ist zerschlagen, der Oberkörper malträtiert. Das Gesicht zugeschwollen und entstellt. Allein auf den Kopf hat der Täter 16 Mal zugeschlagen, vermutlich mit einem Stahlrohr.

Gerd Hoppmann ist als einer der ersten Polizisten in der Sandkuhle. Hoppmann trägt damals einen Schnauzbart und eine Frisur, wie sie die meisten Männer in den 90er Jahren hatten. Heute sind Gerd Hoppmanns Haare kurz, etwas ergraut. Nur noch ein Jahr wird er das KK11, zuständig für Tötungsdelikte, in Krefeld leiten, dann geht er in den Ruhestand – mit einer guten Bilanz. Die Aufklärungsquote liegt bei beinahe 100 Prozent, fast jeden der elf Fälle im Kreis Kleve hat er mit seinem Team lösen können. Doch dieser eine, der Tote in der Sandkuhle, ist noch ungeklärt.

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Normalerweise, sagt Hoppmann, beginnt er als Ermittler mit der Suche nach Zeugen. Doch nicht in der Sandkuhle. Drumherum gibt es keine Häuser, keine Nachbarn. Es hatte tagelang geregnet, kaum jemand war draußen im Wald gewesen. Und der Regen hatte auch jegliche Spuren weggewaschen. Der Waldboden ist aufgeweicht, Reifenspuren haben sich aufgelöst.

Und auch an dem Toten finden die Ermittler nichts. Keine Kleidung, kein Schmuck, keine Spuren. Lediglich eine lange Narbe am Bein ist markant. Der Täter, sagt Hoppmann, hat den Mann all seiner Merkmale beraubt. Nichts sollte darauf hinweisen, wer er ist und woher er kommt, nichts sollte ihn identifizieren. Ohne Zeugen, sagt Hoppmann, seien Rückschlüsse auf den Täter beinahe unmöglich. Dass sich Täter und Opfer kannten, ist für den Ermittler klar. Wenn Hoppmann wüsste, wer der Tote war, könnte er wahrscheinlich auch seinen Mörder finden.

Dass sich Täter und Opfer kannten, Streit hatten, dass es sich um eine Beziehungstat handelt, zeigt auch das „Übertöten“, von dem der Ermittler spricht. Der Täter hat häufiger zugeschlagen, als es nötig gewesen wäre. Beim 16. Hieb war der Mann längst tot. So schlage keiner zu, um einen Menschen auszurauben.

Was Hoppmann noch sicher weiß ist, dass der Fundort nicht der Tatort ist. Das zeigen die Totenflecken. Sie beweisen, dass die Leiche mehrere Stunden gelegen hat und dann transportiert wurde. Vermutlich mit einem Auto sei der Täter, vielleicht waren es auch mehrere, so nah wie möglich an die Sandkuhle herangefahren und habe den Mann eine Böschung hinabgeworfen.

Das einzige, was die Ermittler an der Leiche finden, ist eine Faser, Polyester, bordeauxrot. Daran hängen Hundehaar und Dreck. Es ist wahrscheinlich, dass die Faser zu einer alten Hundedecke gehört, in die der Leichnam für den Transport eingewickelt wurde.

Sieben Tage lang hat der Tote dann im Regen auf dem Waldboden gelegen, schätzt Dr. Jürgen Bartz, damals Rechtsmediziner der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Er findet bei der Obduktion auch schwere Verletzungen an den Händen. Sie sprechen dafür, dass der Mann versucht hat, sich vor den Schlägen auf den Kopf zu schützen.

 Zum Vergleich: So sah das Fahndungsfoto der Polizei Krefeld zu dem Mordfall im Jahr 1996 aus.
Zum Vergleich: So sah das Fahndungsfoto der Polizei Krefeld zu dem Mordfall im Jahr 1996 aus. Foto: Polizei Krefeld

Bartz schätzt, dass der Mann bei seinem Tod etwa 40 Jahre alt war. Das dunkelbraune Haar hat graue Ansätze und Geheimratsecken. Auffällig sind seine Zähne, die vorne sind braun und von Karies durchlöchert, hinten trägt er Zahnersatz. „Das spricht dafür, dass der Mann nicht viel Geld hatte“, sagt Hoppmann. „Sonst hätte er alles machen lassen.“ Bei den Prothesen hat der Zahnarzt ein Amalgam mit hohem Quecksilberanteil verwendet. Das ist in Deutschland 1996 verboten, in Osteuropa aber noch weitestgehend erlaubt. Da auf den Höfen in der Nähe viele polnische Erntehelfer arbeiten, geht die Polizei davon aus, dass der Tote aus Polen stammt.

Irgendwo in einer polnischen Stadt gibt es also wahrscheinlich eine Familie, die ihren Sohn, Mann, Freund oder Vater vermisst. Die wahrscheinlich auch eine Vermisstenanzeige aufgegeben hat. Ein Abgleich mit den Behörden in Polen sei Mitte der 90er Jahre aber noch fast unmöglich gewesen, sagt Hoppmann, eine zentrale Kartei gab es nicht. Ob irgendwo in einer kleinen Polizeistation in einer Schublade eine Vermisstenmeldung mit dem Namen des Toten aus der Sandkuhle liegt, wisse man nicht.

Gerd Hoppmann und seinen Kollegen blieb also nur, rund um Schaep­huysen zu ermitteln. Sie schauen sich auf den umliegenden Höfen um, beobachten die polnischen Gastarbeiter, durchsuchen Autos und durchkämmen Kofferräume nach der bordeauxrote Hundedecke – ohne Erfolg. Heute könnte man ganz anders fahnden, sagt Hoppmann. Die polnischen Behörden seien besser vernetzt, die Kommunikation einfacher. Auch Hautschuppen ließen sich analysieren, damals habe man nur die Fasern untersucht. Fände sich nur eine Hautschuppe, sagt Hoppmann, könnte man damit eventuell den Fall lösen. Doch ob es noch Proben von der Decke gibt, ist nicht klar.

Nun will Jenna Leuchter, eine junge Kriminalkommissarin, den Fall neu aufrollen. Was damals noch nicht möglich war, hat sie veröffentlicht: Ein digitales Phantombild, das anhand der Fotos des Toten rekonstruiert wurde. Nun ist es, als schaue man nicht mehr auf eine Zeichnung, sondern auf ein Foto. Als stünde man dem Menschen, der damals tot in der Sandkuhle lag, gegenüber. Die Fotomontage soll sich im Internet verbreiten, vor allem über Facebook, und vielleicht klären, ob irgendwo in Polen vor 23 Jahren ein Mann nicht mehr nach Hause gekommen ist.

Der Tote aus der Sandkuhle liegt in einem anonymen Grab auf dem Friedhof in Rheurdt, es gibt keinen Grabstein, aber Gerd Hoppmann kennt die Stelle. „Statistisch gesehen ist es nur ein Fall“, sagt der Ermittler. „Aber so einen Fall vergisst man nicht.“ Die Akte bleibt geöffnet. Und sobald es nur einen neuen Hinweis gibt, wollen Gerd Hoppmann und Jenna Leuchter dem nachgehen.