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Besuch in Coronazeiten auf dem Wochenmarkt in Geldern

Wochenmarkt und Corona : „Danke, dass ihr die Stellung haltet“

Auf dem Wochenmarkt in Geldern erfahren die Händler von den Kunden hohe Wertschätzung in Zeiten der Corona-Krise.

Kurz nach 9 Uhr, Nieselregen, nasskalt. Die Stimmung auf dem Gelderner Wochenmarkt ist aber besser als das Wetter. Hier und da ist Lachen zu hören, man plaudert miteinander. Das Thema, kaum verwunderlich: Corona. Über Sinn und Unsinn der zur Rede stehenden Sonntagsöffnung für Supermärkte wird diskutiert. Die sind in Zeiten der Krise ebenso systemrelevant wie Wochenmärkte.

„Ich denke, dass Wochenmärkte bis zum Ende der Krise auch geöffnet bleiben müssen“, meint Fischhändler Thomas Schmutz aus Xanten. Nicht ganz so fest davon überzeugt ist Marcel Niersmann vom Käsestand ein paar Schritte weiter. Er sieht außer der Lebensmittelversorgung eine weitere wichtige Funktion des Wochenmarktes. „Für die Leute ist das ein Treffpunkt von sieben bis eins.“ Schmutz sieht eine Pluspunkt darin, dass die Ansteckungsgefahr im Freien niedriger ist.

Marcus hat ein „doofes Gefühl“, weil Cafés und Restaurants schließen müssen. Foto: Ja/Norbert Prümen (nop)

Wenn sich denn alle an die Vorsichtsmaßnahmen halten. „Denkt an eure Gesundheit, haltet Abstand“, hat ein Marktbeschicker mit grüner und roter Kreide auf eine Tafel geschrieben. An jedem Stand liegen oder hängen Zettel mit den Hygiene- und Abstandsempfehlungen. Die Händler empfinden die Theke als einen gewissen Schutzwall. Die Kunden seien diszipliniert im Großen und Ganzen, lautet ihr Tenor. Aber nicht alle und nicht immer. Eine Marktfrau hat am Donnerstag in Issum beobachtet, dass morgens noch alles im grünen Bereich war. „Da hatten wohl alle noch die Rede von Bundeskanzlerin Merkel im Kopf.“ Mittags gegen Marktende jedoch seien viele nicht mehr so auf Distanz geblieben.

Bekommen Dank von den Kunden: Renate Leuker, Anita Peters und Ilse Pahlisch von Obst und Gemüse Baumanns. Foto: Ja/Norbert Prümen (nop)

Manche kommen aus Nachbarstädten auf Gelderns Markt. „Meinen Lieblingskäse finde ich nur hier“, erklärt ein 77-Jähriger aus Straelen, der immer früh unterwegs ist und auch „immer die Selben“ an den Ständen trifft. Eine Frau hat eine Bekannte zum Augenarzt gebracht und verbindet einen Termin bei der Sparkasse mit dem Gang über den Markt. Nicht wenige erledigen die Einkäufe für andere gleich mit. Eine Ponterin besorgt Lebensmittel für sich und ihre zwei Mitbewohner. „Dann sind wir für sieben bis zehn Tage autark“, sagt die 64-Jährige. Eine Caritas-Mitarbeiterin arbeitet den Einkaufszettel für einige Senioren ab.

Gekauft wird mehr als gewohnt, von Hamstern spricht aber von den Beschickern keiner. „Da hat eine Oma statt drei Scheiben Käse ein Kilo am Stück gekauft“, berichtet Niersmann. Bei Obst und Gemüse Baumanns aus Keylaer werden mal statt einem zwei Kilo Äpfel eingepackt. „Unser Chef ist seit 4 Uhr unterwegs“, sagt Ilse Pahlisch über das Pensum von Stefan Baumanns, der zum Zeitpunkt des Gesprächs schon wieder auf Tour ist. „Möhren holen“, gibt Anita Peters Auskunft. Immer wieder muss Nachschub her. „Am Donnerstag in Issum waren wir komplett ausverkauft.“  Fischhändler Schmutz hatte am Dienstag Lücken in seiner Stammkundschaft. „Die Backfisch-Esser aus den Büros haben gefehlt.“

Nicht nur Lebensmittel sind gefragt auf Gelderns Wochenmarkt. „Die Leute brauchen auch Balsam für die Seele“, sagt Andrea Wientjens. Sie steht im Wagen von „Floranta’s“ von Haus Freudenberg. Deko-Artikel und Blumen gehören zu ihrem Sortiment. „Alles selbstgemacht“, wie sie betont. Die Menschen seien sehr unsicher in diesen Zeiten, aber auf dem Markt sei alles entzerrt. „Und wenn wir die Leute ansprechen, dass sie etwas Schöne für ihr Zuhause brauchen, dann sehen die das auch so.“ Wie die Frau aus Walbeck, die sich gerade dem Stand nähert. „Ich nehme mir ein paar Blumen mit.“

Ob Fleischverkäuferin, Käsemann oder Fischhändler: Alle erfahren höchste Wertschätzung von den Kunden. „Viele bedanken sich, dass wir die Stellung halten“, sagt Fischexperte Schmutz. „Die Kunden zeigen große Dankbarkeit“, bestätigt Ilse Pahlisch. Die Arbeit der Marktbeschicker werde umso höher bewertet, weil den Käufern bewusst sei, dass die Männer und Frauen hinter der Theke Gefahren ausgesetzt sind, so Geflügelhändlerin Stefanie Kannenberg.

Kritik hingegen wird an dem Verhalten der Behörden laut. „Es ist ein doofes Gefühl, dass Restaurants und Cafés schließen müssen“, sagt Marcus vom Biobäcker, der sich selbst als „Querdenker“ bezeichnet. Einer seiner Kunden, von Beruf Krankenpfleger, versteht nicht, dass Friseure mit ihrem engen Kontakt zu anderen weiterarbeiten dürfen. Zu Gelassenheit rät ein Passant: „Locker bleiben und die offiziellen Warnungen zu Herzen nehmen.“