Bergmann aus dem Erzgebirge von Greta Wehner

Rarität aus dem Umzugskarton : Hölzerner Bergmann mit Geschichte

Die Figur ist ein Geschenk von Greta Wehner, der Frau des langjährigen SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner. Klaus Reiners aus Geldern und Jochen Porbeck aus Sevelen begeben sich auf Spurensuche.

Die Figur, die auf dem Wohnzimmertisch des Seveleners Jochen Porbeck steht, gibt einige Rätsel auf. Zunächst lässt sie aber das Herz des Ingenieurs höher schlagen, der jahrelang im Steinkohlenbergbau gearbeitet hat. Vor ihm steht nämlich ein Kumpel, auch wenn der ziemlich hölzern daherkommt. Mitgebracht hat das Erzeugnis der erzgebirgischen Handwerkskunst Klaus Reiners. Der Gelderner erhofft sich vom Bergbau-begeisterten Porbeck einige Informationen zum Hintergrund dieser Figur. Die ist ein Weihnachtsgeschenk von Greta Wehner. Sofort geht Reiners auf eine politische Zeitreise. Die Schenkende war mit Herbert Wehner verheiratet. „Langjähriger SPD-Fraktionsvorsitzender, er war Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus und neben Willy Brandt Baumeister der Ostpolitik“, zählt Reiners auf. „Wehner, der war einer der Typen, die mich beeindruckt haben.“ Legendär ist sein politischer Schlagabtausch mit Franz-Josef Strauß. „Wehner war damals schon eine Legende“, sagt Reiners, der das Herbert-Wehner-Bildungswerk aufbaute. Die Holzfigur zu Weihnachten aus den Händen von Greta Wehner: „Das war wie der Ritterschlag.“

Unvergleichlich ist der Brief, der mitgeschickt wurde. „Lieber Klaus, liebe Claudia und lieber Jung-Reiners“, beginnt er. Mit „Jung-Reiners“ ist kein anderer als Till Reiners gemeint, der heutzutage als gefragter Polit-Kabarettist auf der Bühne steht und als Poetry-Slammer in Geldern vorbeischaut.

Die nächsten Zeilen des beigefügten Briefes enthüllen, woher die Figur kommt, und geben wiederum neue Rätsel auf. „Mit diesem Bergmann aus dem Erzgebirge, den ich auf Öland von einem Brett abgesägt habe, möchte ich Euch frohe Weihnachten wünschen“, schreibt Greta Wehner. Nicht verwunderlich ist der Ort, Öland. Das Kleinod vor der Küste Schwedens war erklärtes Urlaubsziel der Wehners. Wehner selbst war nach seiner Zeit des Exils in Moskau (1937 bis 1941) nach Schweden gegangen. Politisch Andersdenkende waren im nationalsozialistischen Deutschland nicht sicher. Die Affinität zu der Figur aus dem Erzgebirge liegt auch nahe. Wehner wurde am 11. Juli 1906 in Dresden geboren. Die Stadt liegt unweit des Erzgebirges. Warum und wieso die Figur von einem Brett abgesägt wurde, das wird vielleicht immer ungeklärt bleiben.

Bereits auf den ersten Blick fällt auf, wie handwerklich aufwendig die Figur gearbeitet ist. Selbst auf dem Ehrenhäckel, einer Art Stock mit Griff, den das Männchen in der Hand hält, sind kleine Verzierungen eingearbeitet. Der Ehrenhäckel wurde zu besonderen Gelegenheiten mitgenommen, zum Beispiel zu Festumzügen. Der 4. Dezember, Tag der Heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, ist prädestiniert für einen solchen Umzug. Die Figur aus dem Erzgebirge sieht auch sonst festlich aus. Um den Hals trägt der Bergmann einen weißen, weiten Kragen, die Jacke ist goldfarben, die Hose hellgelb, wie der Federbusch auf dem Hut. Während er in der einen Hand den Häckel hält, ist in der anderen Platz für eine Kerze. Der Bergmann wird so zum Lichterträger. Die Figur wird zu dem, was man aus dem Erzgebirge kennt, eine Dekoration, die man ins Fenster stellt. Oder die einem erst dann wieder in die Hände fällt, wenn man umzieht, so wie Reiners. Er zieht nach Berlin. Statt in den Umzugskarton und wieder in den Schrank soll das Erinnerungsstück „dahin, wo Leute sich den Bergmann auch angucken können“.

„Der darf aber nicht einfach rumstehen, auch nicht bei mir“, sagt Porbeck, der sich eingehend mit der Geschichte des hölzernen Burschen beschäftigt hat. Zwei Museen haben schon Interesse bekundet, die Wehnersche Figur, die als Weihnachtsgeschenk bei Reiners ankam, auszustellen. Der Brief, der soll mit ausgestellt werden.

Und dann gibt es auch noch ein passendes Foto von Wehner, vor der Zeche Monopol stehend, in Bergkamen.

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