Geldern: Bei Wolters geht der Backofen aus

Geldern: Bei Wolters geht der Backofen aus

Nach 221 Jahren ist Schluss: Samstag gibt es in der Filiale bei Netto zum letzten Mal das doppelt gebackene Steinofenbrot oder den Christstollen. Die Unternehmensgeschichte begann 1795 in Goch. Letzte Bäckerei in Geldern.

Die Postkarte kam aus Köln. Begeistert bedankt sich eine treue Kundin aus der Großstadt für den Christstollen, den man immer nur bei Wolters in Geldern gekauft habe. "Wir verbeugen uns vor Ihrer Backkunst" heißt es in dem Gruß. Doch nach 221 Jahren ist nun Schluss: Samstagmorgen wird Hubertus Wolters den Backofen ausschalten, nur noch dann kann man in der letzten verbliebenen Filiale bei Netto die Spezialitäten wie das Hausbrot, das doppelt gebackene Steinofenbrot, bekommen. Mit Wolters schließt zugleich Gelderns letzte Bäckerei mit Backstube vor Ort.

Die Unternehmensgeschichte begann 1795. Auf der Steinstraße 22 in Goch eröffnete Christian Opgenoorth seine Bäckerei. Sein Sohn Wilhelm heiratete in eine Kevelaerer Bäckerfamilie ein. An das Geschäft auf der Amsterdamer Straße erinnert noch das Geschäftsschild "Zur Rose", das vor dem niederrheinischen Museum hängt. Dort sind auch noch der Brotstempel mit dem Zeichen W. O. und Lebkuchenformen erhalten. Matthias, einer der Söhne von Wilhelm, zog es dann nach Geldern - auch der Liebe wegen. Er übernahm in der Veerter Straße das Geschäft von Konditor Franzen. Im Winter zog er mit der Kiepe auf dem Rücken durchs Land, im Sommer stand er mit Backwaren ("Moppekrom") auf den Kirmesmärkten. Seine Tochter Thea heiratete den Bäckermeister Hubert Wolters, der ebenfalls aus einer Bäckerfamilie stammt - aus Nieukerk. In der sechsten Generation setzte dann Hubertus Wolters, 1950 geboren, die Tradition fort. Seine Frau Ursula stammt aus Köln und kam als Schülerin ins Internat der Liebfrauenschule nach Geldern. Natürlich kommt auch ihre Familie aus dem Bäckerhandwerk, ihre Eltern betrieben eine Konditorei mit Café. Ab 1975 arbeitete sie in Geldern mit, 1980 übernahm das Ehepaar von Thea Wolters allein die Verantwortung für den Betrieb. Da ihre Kinder andere Berufe gewählt haben und auch sonst kein Nachfolger in Sicht war, endet nun mit dem Weihnachtsfest die lange Geschichte des Familienunternehmens.

Kein leichter Schritt - das merkt man, wenn man mit beiden durch das Fotoalbum voller Erinnerungen blättert.

Ursula und Hubertus Wolters mit der Fotomontage, die an die Vorgänger erinnert. Foto: möw

Viele Hochzeiten von Mitarbeitern, die sich im Betrieb kennengelernt hatten, gab es zu feiern, auch eine Festnahme in der Backstube erlebten die Wolters', nachdem der Fahrer bei der morgendlichen Brötchenrunde eine Frau mit einem Messer bedroht haben soll. Es gab Veränderungen wie das erste Mehlsilo, das den Bäckern das mühselige Schleppen der Mehlsäcke ersparte, der erste Gas-geheizte Ofen im Jahr 1960 und dann - von RWE mit viel Werbung begleitet - der erste Ofen mit Strom.

Generationen von Schülern dürften sich an die Pausen bei Wolters erinnern, wenn sie sich im Hauptgeschäft an der Kapuzinerstraße vor der Backstube belegte Brötchen oder die beliebten Nusshappen holten. Viele Kindergärten und Schulen besuchten die Backstube, mit viel Freude verkaufte man auch auf dem Gelderner Nikolausmarkt Stollen, Spekulatius und frische Püfferchen.

Auch die Ausbildung von jungen Menschen spielt für Hubertus Wolters stets eine große Rolle. Der stellvertretende Lehrlingswart der Innung, auch für die Abnahme von Prüfungen verantwortlich, hat gut 30 jungen Menschen die Ausbildung zum Bäcker oder zur Fachverkäuferin ermöglicht.

Ab Weihnachten heißt es für das Ehepaar Wolters, sich an einen neuen Lebensrhythmus gewöhnen und erstmals ausschlafen. Auf Trab halten dürfte sie die junge Dogge, die als neueste Bewohnerin des Hauses dafür sorgen wird, dass keine Langeweile aufkommt.

(RP)