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Behinderte Menschen dürfen wegen Corona nicht in die Werkstätten

Haus Freudenberg ist wegen Corona geschlossen : Behinderten Menschen fehlt ihre Arbeit

Seit Mitte März sind die Werkstätten von Haus Freudenberg wegen der Corona-Krise geschlossen. Eine Vielzahl der Beschäftigten lebt in betreuten Wohneinrichtungen. Für sie hat sich der Alltag drastisch verändert.

Menschen mit Behinderung blieben während der Corona-Krise von der Politik und der öffentlichen Wahrnehmung nahezu unbeachtet und gerieten bei den Diskussionen rund um das Virus scheinbar in Vergessenheit. Doch gerade diese Menschen sind von der Pandemie mit einer ganz anderen Härte getroffen worden. Bei der Haus Freudenberg GmbH arbeiten mehr als 2000 Menschen mit Behinderung (Beschäftigte) und rund 450 Mitarbeiter in der Betreuung und Verwaltung. Seit dem 18. März sind die Werkstätten geschlossen. Arbeiten ist für sie aktuell nicht möglich. Sowohl Betreute als auch die Betreuer stehen vor einer immensen Herausforderung, und die Probleme sind vielfältig. „Der größte Teil unserer Beschäftigten lebt in Wohnheimen, in denen sie nach Feierabend betreut werden“, erklärt die Geschäftsführerin von Haus Freudenberg, Barbara Stephan. „In der Zeit von 8 bis 16 Uhr sind sie bei uns auf der Arbeit. Doch nun können sie nicht mehr arbeiten und müssen rund um die Uhr betreut werden. Auf so eine Situation konnten die Träger der Wohneinrichtungen nicht vorbereitet sein.“

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Frau Stephan machte deutlich, dass es zum Selbstverständnis gehört habe, gemeinsam mit den Trägern der Wohnheime flexible und kreative Lösungen zu finden ­– schließlich sei man mehr als nur ein Arbeitgeber. Diese Lösungen wurden schnell gefunden. Es fand eine sogenannte Verschiebung von Kapazitäten statt. Gruppenleiter aus den acht Standorten wurden für die Zeit, in der die Beschäftigten sonst auf der Arbeit waren, mit der Betreuung in den Unterkünften beauftragt. Des Weiteren werden die Bewohner aus den betriebseigenen Küchen mit Mittagessen beliefert, und ihnen werden auf Wunsch Produktionsmaterialien für einfache Konstruktionen zur Verfügung gestellt. Für alle Beschäftigten im Berufsbildungsbereich (Lehrlinge) wurden digitale Lernalternativen eingerichtet, um den erfolgreichen Abschluss ihrer „Gesellenprüfung“ nicht zu gefährden.

 Barbara Stephan, Geschäftsleitung Haus Freudenberg
Barbara Stephan, Geschäftsleitung Haus Freudenberg Foto: Heinz Spütz

Die Produktion wurde und konnte nicht „auf Null“ heruntergefahren werden, denn, so Frau Stephan, es werden in den Werkstätten Produkte hergestellt oder Dienstleistungen erbracht, deren Ausfall erhebliche negative Auswirkungen auf das öffentliche Leben hätte. Beispiele: Reinigung der Arbeitskleidung für den kompletten Rettungsdienst im Kreis Kleve, Pflege öffentlicher Anlagen, Leerung von Müllbehältern. Belieferung von Kantinenbetrieben in öffentlichen Einrichtungen. Zudem drohen Vertragsstrafen, falls bestimmte Produktionsbereiche nicht aufrecht gehalten werden. Alles Arbeit, die nun die verbliebenen Gruppenleiter mit den insgesamt 40 Beschäftigten, die in der Notbetreuung aufgenommen werden mussten, erledigen.

Falls der normale Arbeitsalltag in den Werkstätten wieder anlaufen kann, wird man diesen, so Frau Stephan weiter, in verantwortungsvollen, kleinen Schritten einkehren lassen, denn die Gesundheit stehe vor Schnelligkeit und Produktion.

Weshalb die Menschen mit Behinderung durch die Folgen der Pandemie mit einer ganz besonderen Wucht getroffen wurden, erklären Heilerziehungspflegerin Franziska Pickers von Haus Freudenberg und die stellvertretende Wohnbereichsleiter der Lebenshilfe Gelderland, Sabrina Heißenberg.

Auf Grund der geltenden Schutzbestimmungen darf diese Personengruppe die Einrichtung nicht verlassen, und wenn, dann nur begleitet. Und sie dürfen keinen Besuch empfangen. „Das Schlimmste, was passieren kann, wäre, wenn sich das Virus hier einschleichen würde“, mahnt Sabrina Heißenberg. „Unsere Bewohner zählen auf Grund ihres Alters, ihrer Vorerkrankungen und des angegriffenen Immunsystems allesamt zur Risikogruppe.“

Ein weiteres großes Problem ist das Wegbrechen der enorm wichtigen Tagesstruktur. „Menschen, deren Lebensqualität aufgrund ihrer Behinderung ohnehin eingeschränkt ist, vermissen ganz stark das Gefühl, durch ihre Arbeit in der Werkstatt gebraucht zu werden. Die Werkstätten sind auf Grund der fehlenden Selbständigkeit ihre einzigen sozialen Kontakte außerhalb des Wohnbereichs“, erklärt Franziska Pickers.

Die soziale Isolation wirkt sich natürlich auch auf die Stimmung der Bewohner aus. „Sie fragen mehrmals am Tag, wann sie wieder arbeiten können“, schildert Franziska Pickers. „Ihnen fehlt ganz einfach die Vorstellungskraft, dass ein Virus für ihr Dilemma verantwortlich ist. Das löst bei ihnen permanenten Stress aus.“ „Und dadurch wird ihre Laune nicht besser“, wirft Sabrina Heißenberg ein. „Die kann durchaus von normal über gereizt bis leicht aggressiv umschlagen, und dann sind wir als Fachkräfte gefordert.“

Die Wohneinheit ist eigentlich eine Teilzeiteinrichtung, die auf Grund der fehlenden Arbeit der Bewohner nun erst einmal zu einer Vollzeiteinrichtung geworden ist. Die dadurch resultierenden personellen Probleme können trotz der Unterstützung durch Haus Freudenberg von allen nur mit ganz viel Herzblut für ihre Arbeit bewältigt werden, denn seit Corona heißt es: 24/7. 24 Stunden betreuen, begleiten, versorgen, hauswirtschaftliche Arbeiten übernehmen – und das sieben Tage in der Woche mit mittlerweile sieben Fachkräften plus einem Bufdi.