Auschwitz-Gedenktag: Zwei Stolpersteine für das Ehepaar Sanders

Straelen: Zwei Stolpersteine am Auschwitz-Gedenktag

In Straelen werden am Dienstag an der Klosterstraße 3 zwei Gedenksteine verlegt. Vor 73 Jahren wurde das Ehepaar Sanders von dort nach Theresienstadt deportiert. Das Gedenken an das Paar soll wachgehalten werden.

Fast triumphierend hält Straelens Stadtarchivar Bernhard Keuck ein kleines, blaues Buch hoch. Denn viel mehr ist auch nicht übrig geblieben vom Leben des Ehepaars Johanna und Josef Sanders. 1942 wurden sie aus ihrem Haus Klosterstraße 3 deportiert, ihr Leben danach ausgelöscht, wie das so vieler Juden.

Johanna und Josef Sanders vor dem Haus an der Klosterstraße 3 in Straelen. Dort werden werden am heutigen Auschwitz-Gedenktag zwei Stolpersteine zum Gedenken an ihre Deportation verlegt. Foto: Stadtarchiv Straelen

Heute, am Auschwitzgedenktag, werden vor dem ehemaligen Wohnhaus der Sanders an der Klosterstraße 3 zwei Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig verlegt. Auf der Messingplatte sind ihr Geburts- und das Deportationsdatum vermerkt. Wann sie in Treblinka ermordet wurden, ist nicht zu datieren.

Um so wichtiger ist das kleine, blaue Buch. Das erreichte das Straelener Stadtarchiv, nachdem am 11. Dezember 2013 die ersten 17 Stolpersteine in Straelen verlegt worden waren. Im Buch hat Johanna Sanders den Hausverkauf, der in Raten vor sich ging, festgehalten. Ein Teil des Geldes wurde genutzt, um die Schiffspassage der Schwiegertochter Franziska zu bezahlen. Sie schaffte den rechtzeitigen Absprung nach Amerika mit dem Sohn der Familie Sanders, Salomon, genannt Sally. Andere Unterlagen weisen nach, dass die Familie eine "Judenvermögensabgabe" leisten musste. Umso wichtiger sind solche "Schnipsel der Zeitgeschichte", weil sämtlich belastende Akten aus der NS-Zeit gezielt vernichtet wurden. "Es gibt viele Dinge, die wir nur ahnen können", sagt der Stadtarchivar Keuck. Zum Beispiel, ob Johanna und Josef Sanders, die beide schon über 70 Jahre alt waren, selbst vorhatten, nach Amerika zu reisen. "Als sie in den 1930er Jahren ihr Haus verkauften, sahen sie vielleicht schon das Unheil kommen", sagt Keuck.

  • 70 Jahre Auschwitz-Befreiung : Von der Rampe zur Gaskammer auf der Spur der Opfer

Die letzte Eintragung im kleinen blauen Buch macht sehr nachdenklich. Sie stammt vom 2. Juli 1942. "Ich bescheinige hiermit, dass ich 100 Mark erhalten habe für die Reise", steht dort über eine weitere Rate, die die Familie für das Haus bekommen hat. Es sollte eine Reise ohne Wiederkehr sein. Am 14. Juli 1942 erfolgte die Deportation nach Theresienstadt. "Der Weltöffentlichkeit verkauften die Nazis das als berühmtes Altersghetto", erklärt Keuck. Aber auch Kinder wurden dorthin deportiert. Für das Straelener Ehepaar Sanders war es eine Durchgangsstation, bis sie im Vernichtungslager Treblinka ermordet wurden.

Um an ihr Schicksal zu erinnern, werden heute zwei Stolpersteine verlegt. Für den Stadtarchivar ist das eine moderne Art des Gedenkens. Einen Schlussstrich ziehen, an die Judenverfolgung nicht mehr zu denken, das kommt für ihn nicht in Frage. "Es gibt offensichtlich immer noch Leute, die etwas gegen Juden haben", sagt er angesichts der heftigen Bewegungen in Frankreich, unter anderem den Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt. Mit der Verlegung der Stolpersteine wird Geschichte greifbar. Der Judenhass, der war nicht weit weg, sondern nur wenige Schritte entfernt. Deswegen: Gedenken, Gedanken machen, wie Zusammenleben friedlich funktioniert.

(RP)
Mehr von RP ONLINE