Alexandros Kypriotis aus Griechenland ist in Straelen.

Translator in Residence : Blick in das Herz eines Übersetzers

Drei Monate arbeitet Alexandros Kypriotis im weltweit größten Arbeitszentrum für literarische Übersetzer. Der Grieche erzählt von seinem eigenen Theaterstück, angelehnt an Goethes Werther, „Lotte und Sauerkraut“.

Gibt es etwas „Deutscheres“ als Sauerkraut? Auf jeden Fall spielt das verarbeitete Gemüse eine tragende Rolle in dem Stück „Lotte oder Sauerkraut“. „Es ist mein erstes Theaterstück“, sagt Alexandros Kypriotis, der in einem Zimmer des Europäischen Übersetzer-Kollegiums (EÜK) in Straelen sitzt und beim Gedanken an das Stück lächeln muss. Es gab nie eine Aufführung, aber 1995 den Preis vom Kultusministerium Griechenlands.

Geschrieben hat der Autor es aus einer Spur schlechten Gewissens heraus. „Auf eine komische Art fühlte ich, dass ich die Person des jungen Werther verraten habe“, sagt der Grieche. Weil er annahm, dass die Liebe zu Lotte nur eine Ausrede sei für den Freitod, den Goethe da beschreibt. Um dem Ganzen eine Geschichte folgen zu lassen, schrieb Kypriotis die Tragikkomödie „Lotte oder Sauerkraut“. Sie beleuchtet, wie das Leben der jungen Frau weitergegangen sein könnte, obwohl sich ein junger Mann augenscheinlich ihretwegen das Leben nahm. In den Stellen, wo es schwer wird im Stück, wird über Sauerkraut gesprochen, „was Lottes Mann nicht schmeckt“.

Sich eigene Gedanken zu machen, ist das eine. Übersetzer zu sein, noch etwas völlig anderes. „Man muss sehr offen sein, dass die fremde Stimme, die Stimme des anderen zu einem kommt“, sagt Kypriotis. Es gehe darum, den richtigen Ton zu finden und in die eigene Muttersprache zu übertragen. „Es ist nicht leicht, mit den Jahren wird es leichter“, sagt der Grieche. Allerdings bedeutet es nicht, dass Übersetzen auf Knopfdruck funktioniert, wie bei einem Computer. Es braucht schon viel mehr Fingerspitzengefühl.

Das schwierigste Buch? Der Übersetzer überlegt. „Komischerweise das, was ich jetzt gemacht habe.“ Er berichtet, wie er vor den Erzählungen von Thomas Mann saß. „Den ersten Satz konnte ich nicht übersetzen.“ Da hat er den Satz mehrmals in Handschrift geschrieben. „Wir haben zwei Wörter für Erinnerung“, nennt er seinen inneren Kampf. Im Endeffekt habe er sich für den älteren Begriff entschieden. Dann konnte er weiter arbeiten. Die Arbeit floss vor sich hin.

Manche Autoren machen es einem nicht leicht. „Jenny Erpenbeck ist sehr schwierig zu übersetzen“, sagt er nachdenklich. „Es ist die Art, wie sie selbst Sprache benutzt, manchmal sind es Wörter, die nicht so gut zusammenzupassen scheinen.“ Als Beispiel nennt er „Geschichte vom alten Kind“. Er erinnert sich daran, einmal wegen einer Stelle einen seiner Professoren gefragt zu haben, der ihm sagte: „Nein, das kann nicht so sein, das ist ein Druckfehler.“ War es aber nicht, sondern eine weitere Denksportaufgabe für den Übersetzer. Deswegen sind die Atriumsgespräche im EÜK so wichtig. Dann kommen Autor und Übersetzer zusammen und können über die Feinheiten und Gewichtung sprechen.

Mindestens genauso nervenaufreibend ist dann die Zeit, bis das übersetzte Buch erscheint. Wie der Künstler den Applaus, so braucht der Übersetzer die Rückmeldung. Obwohl, Kypriotis schwankt noch. Einerseits sei es einfach der Job, die Arbeit, gute Übersetzungen, die den Ton des Autors wiedergeben, abzugeben. Andererseits erzählt er mit strahlenden Augen von dem halbstündigen Telefongespräch, das ihn erreichte nach der Übersetzung von Jenny Erpenbecks „Gehen, ging, gegangen“.

Der Mann, am Ende des Telefons, der die griechische Übersetzung gelesen hatte, war überzeugt davon, dass es das beste Buch der Autorin war. „Ich finde, so eine Rückmeldung ist wichtig. Dann versteht man, es ist wichtig, was ich mache. Es gibt Leute, die das merken.“ Und: „Für ein Buch reicht ein begeisterter Leser. Aber: Je mehr, desto besser“, sagt er lachend.

In seiner Heimat Griechenland werde viel deutsche Literatur gelesen. Gleich nach den englischsprachigen Büchern kämen die Übersetzungen aus dem Deutschen. Sein Land leidet immer noch unter der Krise, die 2010 begann. „Man sagt auch, Bücher sind teuer.“ Das ist nicht alles. „Die Renten sind alle verkürzt, und das, obwohl traditionell gerade Oma und Opa den Enkeln immer helfen wollen.“ Es gibt Arbeitslosigkeit, Obdachlose und viele Flüchtlinge in seiner Heimatstadt Athen. Das ist der Nährboden für Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus.

Kypriotis hat ein neues Bühnenstück verfasst. Es heißt „Glory Days“ und beschäftigt sich genau mit diesen Themen. Aufgeführt wurde es in Thessaloniki.

Mehr von RP ONLINE