Aldekerk - Eltern erheben Vorwürfe an die Polizei nach Tod von Sohn

19-Jähriger aus Aldekerk stirbt bei Unfall : Die Frage nach der Schuld

In der Nacht zu Karsamstag 2017 fährt der 19-jährige Sven Strelau aus Aldekerk mit seinem Auto in Venlo gegen einen Baum und stirbt. Hinter ihm: die Polizei. Die Eltern sind sich sicher, dass ihr Sohn in den Tod gejagt wurde.

„Ich hab richtig Scheiße gebaut
bin noch dicht und fahr gerade Auto und Polizei wollte mich anhalten und ich Idiot bin einfach weggefahren ich komme ins Gefängnis oder werde sterben.
Es tut mir leid“

Als Sven Strelau diese Worte weinend in sein Handy spricht, fährt er gerade mit dem Auto über die L140, eine rote Ampel ignoriert er, hinter ihm ein Streifenwagen. Sechs Minuten später kracht er mit dem Auto in einen Baum und stirbt. Seit dem Tod des 19-Jährigen aus Aldekerk ist für seine Eltern nichts mehr wie zuvor. Sie sind überzeugt, dass die Polizisten ihren Sohn in den Tod gejagt haben.

Kurz bevor Sven stirbt, will er sein Fachabi am Berufskolleg Geldern machen. Danach Groß- und Außenhandelskaufmann lernen, vielleicht auch Psychologie in Nimwegen studieren. Doch dann kommt die Nacht vom 15. April 2017. Sven besucht einen Freund in Kevelaer, fährt danach zum Bahnhof in Aldekerk. Sein Standlicht leuchtet, als er das Polizeiauto sieht. Sven hat gekifft, er bekommt wohl Panik. Es ist 2.17 Uhr. Also startet er den Wagen und fährt los, die Polizisten hinterher – mit Blaulicht, Martinshorn und einem Schild „Stopp Polizei“.

Doch Sven stoppt nicht. Er fährt auf die Heronger Straße. Nicht schnell, aber zweimal über Rot. Über die Niederdorfer Straße passieren die Autos die niederländische Grenze. Auf der Klagenfurtlaan misst ein Blitzer Tempo 75. Sven wendet und fährt zurück. Er drückt aufs Gas, diesmal blitzt es bei Tempo 140. In einer scharfen Rechtskurve kommt Sven mit seinem Auto von der Fahrbahn ab und prallt gegen einen Baum. Es ist 2.27 Uhr. Über 21 Kilometer haben die Polizisten das Auto verfolgt.

Dirk und Kerstin Strelau mit einem Bild ihres toten Sohnes Sven und der niederländischen Schlagzeile über seinen Tod. Foto: Klatt

Sechs Stunden später stehen zwei Polizisten und ein Pastor vor der Haustür der Strelaus, um ihnen zu sagen, dass Sven tot ist. Anfangs geben Dirk und Kerstin Strelau ihrem Sohn die Schuld – er hatte sich bekifft hinters Steuer gesetzt. Doch zehn Monate nach dem Unfall steckt ein Unbekannter den Strelaus den internen Abschlussbericht der Polizei in den Briefkasten. Und der wirft Fragen auf, auf die sie bis heute keine Antworten gefunden haben.

War die Verfolgung gerechtfertigt? Laut Bericht ist der Bahnhof Aldekerk dafür bekannt, dass sich dort am Wochenende junge Erwachsene treffen. Da Sven wegfuhr, sobald er die Polizisten gesehen hatte, bestand der Verdacht, dass er getrunken oder Drogen genommen hatte. Eine Verfolgung sei in diesem Fall „absolut normal und nachvollziehbar“ gewesen, sagt Achim Jaspers, Polizeisprecher und damals Seelsorger der Strelaus. „Wer nicht anhält, den lässt man nicht einfach fahren.“ Anlass und Risiko müssten die Polizisten abwägen. In diesem Fall sei Sven die meiste Zeit nicht zu schnell unterwegs gewesen und es habe keine Gefahr für andere Menschen bestanden. „Ob das ausgewogen war, kann und will ich aber nicht beurteilen“, sagt Jaspers.

Warum wurde das Auto nicht gestoppt? Auf der Meerkendonker Straße fährt der Polizeiwagen laut Bericht neben Svens Auto. Die Beamten öffnen das Fenster, geben Handzeichen und leuchten mit einer Taschenlampe ins Auto. Sven reagiert nicht und gibt Gas. Den Polizeiwagen in diesem Moment vor das flüchtende Auto zu setzen, sei keine Option, sagt Jaspers – zu gefährlich. Nagelgurte könne man nur innerorts bei geringerer Geschwindigkeit einsetzen.

Laut Jaspers habe man geplant, mit weiteren Streifenwagen die Wege für Sven optisch zu versperren und ihn zum Anhalten zu zwingen. Im internen Bericht steht von diesen Plänen nichts. Warum das Auto nicht einfach fahren lassen und anhand des Kennzeichens kontrollieren? „Leute unter Drogen und Alkohol sind eine Gefährdung. Deshalb war das nicht die erste Option“, sagt Jaspers. Der Abbruch einer Verfolgung sei für Polizisten immer die letzte Möglichkeit. Das kommt nur vor, wenn Menschen bei der Fahrt gefährdet sind. In Svens Fall entschieden sich die Beamten dagegen.

Wo sind die Kameraaufnahmen? In dem Polizeiwagen läuft während der Verfolgungsfahrt eine Kamera. „Die Aufnahmen hat die niederländische Polizei im Auftrag der holländischen Staatsanwaltschaft aber vernichtet“, sagt Marcel Heuvelmans, Anwalt der Strelaus. Das geht aus dem niederländischen Polizeibericht hervor, der Heuvelmans vorliegt. Klar sei aber nicht, ob das Video vorher analysiert wurde. „Das Video ist wichtig, denn es lügt nicht“, sagt Heuvelmans. Ohne Bilder habe der Fall vor Gericht kaum eine Chance.

Hatte Sven Drogen dabei? Nach dem Unfall melden die Polizisten, dass Sven angeblich ein Tütchen – wahrscheinlich mit Drogen – aus dem Autofenster geworfen hat. Es wird nie gefunden. Die Strelaus haben den Verdacht, dass die Polizisten das Drogentütchen erfunden haben, um die Verfolgungsfahrt zu rechtfertigen.

Warum haben die Polizisten kaum gefunkt? Als Sven die roten Ampeln und Stoppschilder missachtet, sei aus dem Hinterherfahren eine Verfolgungsjagd geworden, sagt Jaspers. Das bedeute für die Polizisten: Sie müssen die Verfolgung sofort der Leitstelle melden und ständigen Kontakt halten. Das ist aber nicht passiert, wie aus dem Abschlussbericht hervorgeht. Die Fahrt wurde nicht rechtzeitig als Verfolgung deklariert und generell haben die Beamten zu wenig gefunkt. Die interne Begründung: Svens Fahrweise sei unspektakulär gewesen. Als die Polizisten über die Grenze fahren, melden sie das zwar den niederländischen Kollegen – allerdings der falschen Leitstelle. Während des Telefonats mit der richtigen Leitstelle kommt es zum Unfall. Die niederländische Polizei wusste also nichts von der Verfolgungsfahrt.

War es eine Jagd? Dem Polizeisprecher zufolge gab es „keine Hinweise auf geringe Abstände“. Die deutschen Polizisten haben laut Marcel Heuvelmans ausgesagt, dass sie etwa 50 bis 100 Meter von Sven entfernt waren, als er mit dem Auto gegen den Baum prallt. Sie hätten den Knall von Weitem gehört. In der niederländischen Akte liege jedoch ein Blitzerfoto von der Klagenfurtlaan vor: Bei Tempo 140 waren die Polizisten demnach weniger als 40 Meter hinter Sven – bei der Geschwindigkeit nur eine Sekunde Abstand.

Was passierte nach dem Unfall? Die Strelaus müssen nach Venlo, um ihren toten Sohn zu identifizieren, denn man habe keine Papiere gefunden. Als Dirk und Kerstin Strelau später selbst zur Unfallstelle fahren, finden sie nach eigener Aussage sofort den Ausweis. Sie fragen sich: Was haben die Beamten sechs Stunden lang gemacht, bis sie die Eltern informierten?

Ob die Polizisten mitverantwortlich sind für den Unfall, prüft die niederländische Staatsanwaltschaft. „Das hat sehr, sehr lange gedauert“, gibt Achim Jaspers zu. Das erste, was die Strelaus von amtlicher Seite bekommen, sind die Bußgeldbescheide aus den Niederlanden fürs zu schnelle Fahren.

Die Mitteilung, dass die Ermittlung eingestellt wurde, kommt erst Monate später. Kondoliert haben weder die deutsche noch die niederländische Polizei.

Dirk und Kerstin Strelau sind sich sicher, dass ihr Sohn Sven noch leben könnte, wenn die Polizisten anders gehandelt hätten. Sie erzwingen eine Klage vor dem niederländischen Bundesgerichtshof in Den Bosch. Im August bekommen die Strelaus das Ergebnis: Die Klage auf fahrlässige Tötung wird abgewiesen, es besteht kein hinreichender Tatverdacht.

Doch die Strelaus wollen keine Ruhe geben, sie wollen in Deutschland klagen – und vielleicht Antworten auf die offenen Fragen finden.

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