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A40 bei Straelen: Vier Geflüchtete erfrieren fast in Kühltransporter

Fahrer hört Klopfen auf Parkplatz : Geflüchtete Afghanen erfrieren fast in Kühltransporter am Niederrhein

Vier Geflüchtete wollten aus dem französischen Calais nach England. Doch sie kletterten auf einen Lastwagen aus Straelen und statt auf die Insel ging es an den Niederrhein. Die Fahrt in dem bitterkalten Kühlraum überlebten sie nur mit viel Glück.

Die Polizei ist sich sicher: „Die vier Jungs haben unheimliches Glück gehabt. Die Fahrt hätte für sie auch tödlich ausgehen können“, sagt Uwe Eßelborn, Sprecher der Bundespolizei Kleve. Die jungen Männer verdanken ihr Leben vermutlich dem aufmerksamen Fahrer eines Lkw, der nach dem Anhalten ein Klopfen hörte und vier Geflüchtete aus Afghanistan auf seiner Ladefläche entdeckte.

Nach den bisherigen Ermittlungen der Polizei hat die Geschichte ihren Anfang in Calais an der französischen Küste genommen. Hier hatte der Fahrer aus Straelen seinen Lastwagen am Samstagabend abgestellt, in dem gut gekühlt Lachs transportiert wurde.

Der Mann ließ seinen Wagen stehen, um duschen zu gehen. Als er zurückkam, bemerkte er nichts Besonderes und machte sich auf die etwa 400 Kilometer lange Fahrt von Calais nach Straelen. Nach mehreren Stunden kam er am Niederrhein auf einem Parkplatz in der Nähe der Autobahn 40 an und stellte seinen Wagen dort am frühen Sonntagmorgen um 3.25 Uhr ab. Und eben in diesem Moment hörte er das Klopfen aus dem Laderaum.

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Der Fahrer verständigte daraufhin die Polizei. Kurze Zeit später traf eine Streife der Bundespolizei auf dem Parkplatz ein. Die Beamten stellten fest, dass die hintere Tür des Lkw aufgebrochen und die Versiegelung entfernt war.

Als die Polizisten die Tür öffneten, fanden sie auf der Ladefläche vier Afghanen im Alter von 13, 16, 17 und 19 Jahren. Sie hatten Lachskisten vor die Klappe geschoben, um sich dahinter zu verstecken. Als sie die Beamten sahen, wird ihnen ein Stein vom Herzen gefallen sein. „Sie waren sicher froh, dass sie entdeckt wurden. Denn in dem Wagen muss es bitterkalt gewesen sein“, so der Polizeisprecher. Im Laderaum herrschte zu diesem Zeitpunkt eine Temperatur von Minus einem Grad. Dort hatten sie mehrere Stunden verbracht.

Sie hatten bereits während der Fahrt versucht, Hilfe zu rufen. Aus dem Wagen heraus hatten sie per Handy drei Notrufe abgesetzt und waren bei der belgischen Polizei gelandet. „Unsere Kollegen dort wollten den Männern auch helfen, doch die Flüchtlinge im Lkw konnten ja keinerlei Angaben dazu machen, wo sie sich gerade aufhalten“, berichtet Eßelborn. Die Beamten hatten versucht, den Lastwagen zu orten. Die Ortung des Handys schlug allerdings fehl und so verlor sich die Spur des Hilferufs für die Beamten.

Im Zuge der Ermittlungen stellte sich heraus, dass es sich bei den Männern, die per Handy um Hilfe gerufen hatten, tatsächlich um das Quartett handelte, das in Straelen im Lkw gefunden wurde. Ein Notarzt untersuchte die Männer unmittelbar nach Verlassen der Ladefläche. Anschließend wurden alle Personen in Gewahrsam genommen und zum Bundespolizeirevier Kempen gebracht.

Bei der Vernehmung gaben die Afghanen an, dass sie in Calais  in den Lastwagen gestiegen waren. Eine Auslesung des Kühlprotokolls durch die Bundespolizei mit einer Temperaturabsenkung zum Zeitpunkt des Zustiegs in den Kühlanhänger deckte sich mit den Aussagen der Männer. „Die wussten offenbar nicht, dass sie in einem Kühlwagen einsteigen“, so der Polizeisprecher.

Zudem hatten die Männer auch ein ganz anderes Ziel. Sie wollten nach England und dachten, dass der Lastwagen nach Dover unterwegs war. Doch statt auf die britische Insel, wo sie auf Arbeit und Asyl hofften, ging es für die jungen Leute nach Straelen. Dass sie in die falsche Richtung unterwegs waren, hätten sie vermutlich erst nach dem Aussteigen gemerkt, so die Bundespolizei.

Nach Rücksprache mit der Staatsanwaltschaft in Kleve durfte der Fahrer des Lastwagens gehen. Ihn treffe in dem Fall keinerlei Schuld, er habe nicht gemerkt, dass die vier Männer auf seinen Wagen gestiegen waren. Zudem würden sie ihm vermutlich ihr Leben verdanken. Wenn sie noch länger in dem Kühlraum geblieben wären, hätten sie an Unterkühlung sterben können.

Die 13, 16 und 17-jährigen Afghanen wurden dem zuständigen Jugendamt übergeben.

Der 19-jährige Afghane war bereits anhand seiner Fingerabdrücke in Bulgarien, Österreich und Rumänien bekannt. Er soll dem zuständigen Haftrichter vorgeführt werden. Beantragt ist Haft für die Abschiebung.

Dass Geflüchtete im Lastwagen entdeckt werden, komme immer wieder mal vor, so Uwe Eßelborn. Auch dass die Menschen eigentlich nach England wollen und dann in eine ganz andere Richtung fahren. In Straelen habe es einen solchen Fall vor einiger Zeit schon einmal gegeben. Vor einigen Jahren war zudem in Bocholt ein Lkw aufgefallen, der zu einem Fleischhof fuhr. Als sich die Ladefläche öffnete, seien dort mehrere Menschen aus dem Lastwagen gesprungen und geflüchtet. Sie waren kurze Zeit später von der Polizei gefunden worden.

„Glücklicherweise hat es bei diesen Vorfällen hier noch keine Toten gegeben“, sagt Eßelborn. Auch diesmal hätten die Männer unheimliches Glück gehabt.