Gerichtsverhandlung in Erkrath : Freispruch zweiter Klasse

Ein 64-jähriger aus Düren hatte sich wegen Vergewaltigung vor dem Kölner Landgericht zu verantworten. Der Angeklagte soll im Dezember 2012 seine Ex-Partnerin unter anderem in einer Wohnung in der Kastanienstraße schwer körperlich misshandelt und vergewaltigt haben. Nun wurde das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt

VON SABINE MAGUIRE

ERKRATH/KÖLN Entführung, Folter und Vergewaltigung: Die Anklage gegen einen Kölner wog schwer. Dem 64-Jährigen war von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen worden, seine Ex-Partnerin im Dezember 2012 nach dem Ende einer drei Monate andauernden Beziehung körperlich schwer misshandelt und vergewaltigt zu haben - ihm drohte eine mehrjährige Haftstrafe. Einer der Tatorte: Die Wohnung eines Bekannten in der Kastanienstraße – später soll sich das Geschehen nach Wesseling in die Wohnung des Opfers verlagert haben.

In der Anklageschrift ist zu lesen, dass die Frau am 28. Dezember 2012 um 4.20 Uhr von einem Bordell in der Kölner Hornstraße abgeholt und nach Erkrath gebracht worden sein soll. Dort soll sie durch die Türe in die Wohnung geschubst worden sein, in der schon der Angeklagte und zwei weitere vermummte, bislang unbekannte Männer auf sie gewartet hätten. Nachdem auf sie eingeschlagen worden sei, soll die Frau auf den Boden gestürzt sein. Der Angeklagte und seine beiden Komplizen sollen sie auf die Knie gezwungen haben, um ihr mit Messern und einer Schere die Haare abzuschneiden. Nach einem Schlag ins Gesicht soll ihre Lippe geblutet haben, weitere Schläge gegen den Kopf und den Rücken sollen beim Opfer zu Verletzungen geführt haben.

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Der Angeklagte soll mit der Ex-Partnerin die Wohnung in der Kastanienstraße verlassen und sie dazu gedrängt haben, mit ihm nach Wesseling in ihre eigene Wohnung zu fahren. Nachdem er dort ihre Hände mit Kabelbinder auf dem Rücken gefesselt hatte, soll er versucht haben, sie mit einer Taschenlampe zu vergewaltigen. Nach der Ankündigung, ihr jetzt mal eine richtige Foltermethode zeigen zu wollen, soll er ihr eine Plastiktüte über den Kopf gezogen haben. Nachdem ein Fluchtversuch des Opfers wegen der verschlossenen Wohnungstür misslang, soll die Frau im Schlafzimmer in eine Ecke gekauert und den Angeklagten flehentlich darum gebeten haben, mit den Misshandlungen aufzuhören. Der soll daraufhin zu ihr gesagt haben, dass sie ihm gehöre, solange sie keine Ablösesumme von 20 000 Euro bezahlen könne. Stattdessen soll er sich auf die Couch gesetzt und die Ex-Partnerin zum Oralverkehr genötigt haben. Während des gesamten Tatablaufs soll er ein Messer mit einer 20 Zentimeter langen Klinge bei sich getragen haben. Gegen zwölf Uhr mittags soll der Angeklagte die Wohnung des Opfers verlassen haben – die geforderte Ablösesumme soll nicht gezahlt worden sein.

Von Beginn an war klar: Die Beweislage ist schwierig. Nicht nur deshalb, weil die angeklagte Tat beinahe acht Jahre zurückliegt. Sondern auch, weil das Opfer nicht mehr im Zeugenstand aussagen wollte. Die Frau hatte dem Gericht ein Attest vorgelegt, in dem ihr der Hausarzt eine posttraumatische Belastungsstörung bescheinigt hatte. Sie sei außerdem in einer schwierigen persönlichen Lage – auch deshalb, weil sie sich um ein behindertes Baby kümmern müsse. Hinzu kam, dass die Anklage erst etwa zwei Jahre nach der Tat erhoben worden, und der Angeklagte auf freiem Fuß geblieben war. Weil die Strafkammern ohnehin überlastet sind und Haftsachen wegen einzuhaltender Fristen vorgezogen werden müssen, gehörte die Akte zu denen, die erst jetzt abgearbeitet werden.

Nach fünf Verhandlungstagen der 13. Großen Strafkammer am Kölner Landgericht stand nun am Ende kein Urteil, sondern ein Beschluss: „Mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft wird das Verfahren eingestellt, weil es ein Vergehen zum Gegenstand hat, die Schuld als gering anzusehen ist und kein öffentliches Interesse an der Verfolgung besteht.“ Juristische Grundlage ist Paragraph 153 der Strafprozessordnung, auf den sich Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung verständigt hatten. Im Klartext heißt das: Die Anklage geht nach der Beweisaufnahme nicht mehr von einem Verbrechen, sondern „nur noch“ von einem Vergehen aus. Möglicherweise auch deshalb, weil dem Angeklagten seine Schuld nach acht Jahren und ohne Aussage des Opfers nicht nachzuweisen ist.