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Erkrath: Der Tag, als die Mauer plötzlich auf war

Erkrath : Der Tag, als die Mauer plötzlich auf war

Kurz nach dem 9. November 1989 fassten Erkrather Schüler und Lehrer des Gymnasiums spontan den Entschluss, nach Berlin zu fahren. Noch 25 Jahre später schwärmen sie von der Reise, die eigentlich gar nicht genehmigt war.

Der 9. November 1989 - für 120 Schüler der Oberstufe des Erkrather Gymnasiums am Neandertal ein unvergessliches Erlebnis. Denn sie durften hautnah erleben, wie deutsche Geschichte geschrieben wird. In diesen Tagen jährt es sich zum 25. Mal, dass sie sich in zwei Reisebussen zusammen mit einer Handvoll Lehrern auf den Weg machten: Ziel Berlin und eine geöffnete Mauer.

Die Bedeutung des Augenblicks hatten die Lehrer erkannt. Und zwar in erster Linie die Lehrer, die ihre Heimat im Osten hatten. Das war zunächst Joachim Noack, der Geschichtslehrer, der aus dem Spreewald stammt. Rose Slotty, die Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Russisch, ist in Danzig geboren. Und der inzwischen verstorbene Eckart Grober, dessen Heimat in Thüringen liegt. Die Schüler sollten Geschichte erleben, waren sich die Lehrer einig. Nach der Idee kam gleich die Organisation. Zunächst musste Schulleiter Horst Busch um Erlaubnis gefragt werden. Seine erste Reaktion: "Kann ich nicht entscheiden".

Denn er kannte die Bestimmungen seiner vorgesetzten Behörde. Jedoch Schüler wie Lehrer waren Feuer und Flamme. Die Einmaligkeit des Augenblicks erkannte der Schulleiter und mutig entschied er: "Wir lassen die Kinder fahren." Bianca Pohlmann, damals 16jährige Schülerin erinnert sich: "Die Durchsage kam durch den Lautsprecher: Oberstufenschüler, die mit zum Mauerfall nach Berlin wollen, können sich melden, das Einverständnis der Eltern einholen."

 Sie erinnern sich gut an den 9. November 1989: (sitzend, v.l.) Wolfgang Peter, Bernd Heublein, Ludwig Schmidt (stehend, v.l.) Hans Gruttmann, Joachim Noack und der ehemalige Schulleiter Horst Busch.
Sie erinnern sich gut an den 9. November 1989: (sitzend, v.l.) Wolfgang Peter, Bernd Heublein, Ludwig Schmidt (stehend, v.l.) Hans Gruttmann, Joachim Noack und der ehemalige Schulleiter Horst Busch. Foto: Dietrich Janicki
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Rose Slotty, die Lehrerin berichtet: Rasend schnell gaben 120 Eltern ihr Einverständnis, waren die zwei Busse gebucht und am Samstagmittag um 14 Uhr ging es ab nach Berlin, Proviant und Reisepass im Gepäck. Einige mitgebrachte Bierflaschen wurden kurz entschlossen von Joachim Noack aussortiert. Die damals noch üblichen Begleitpapiere hatte Rose Slotty noch zu Hause. Im Bus wurden die ausgefüllt und darum gab es in Helmstedt keine Beanstandungen. Am Abend kamen die Busse am Potsdamer Platz an. 12 Stunden blieben die Erkrather Schüler in Berlin, Unterrichtsfach: Deutsche Geschichte. Es war bitterkalt. Die Schüler mussten sich alle drei Stunden melden. Keine besonderen Vorkommnisse, keine Beanstandungen. "Die Schüler waren vorbildlich" erinnert sich Joachim Noack.

Sie erlebten, wie die Ostberliner von Lkw aus mit Lebensmitteln versorgt wurden, wie die Banken sonntags öffneten, um das Begrüßungsgeld an DDR Bürger auszuzahlen und tranken heißen Tee vom Roten Kreuz. Die Rückfahrt begann am Sonntagmittag und sollte fast 24 Stunden dauern, weil alle Straßen verstopft waren. Als die Busse am Montagvormittag an der Schule vorfuhren, entschied der fürsorgliche Schulleiter: Alle Kinder und Lehrer zum Ausschlafen nach Hause. Bianca Pohlmann sagt heute dazu: "Ich bin meinen Lehrern, die damals die Verantwortung übernahmen und es wagten, mit uns Schülern ohne jegliche Vorbereitung nach Berlin zu reisen, immer wieder dankbar.

"Oberstudiendirektor Horst Busch - der wurde drei Tage später zur Rechtsabteilung seiner vorgesetzten Behörde zitiert. "Unbotmäßig habe er gehandelt", war der Beginn einer langen Unterredung. Am Ende jedoch der Satz: "Ich genehmige im Nachhinein .... " Horst Busch durfte Schulleiter bleiben. In den folgenden fünf Jahren erkundete der gesamte Lehrkörper des Gymnasiums am Neandertal in gemeinsamen Ausflügen den deutschen Osten: "Wir müssen die neuen Bundesländer erforschen", war die Devise.

Es ging nach Thüringen, in den Spreewald, nach Dresden, Schwerin und Bernburg in Sachsen-Anhalt. Die anfänglich gemachten Ost-Erfahrungen führten zu der Überzeugung: Wir müssen mehr tun. Die estnische Stadt Tallinn war Brücke zu einer zunächst fremden Welt. Kontakte wurden geknüpft, Freundschaften entstanden. Jahrelang wurden monatlich Hilfspakete gepackt, die letzten im Jahr 2007. 75 Mal ist Lehrer Wolfgang Peter mit geliehenen Bussen voller Pakete nach Hamburg gefahren. Dort verfrachteten die Johanniter die Sendungen nach Riga und weiter nach Tallinn. In den legendären Tallinn Schul-Konzerten wurde Geld gesammelt, zuerst für die Partnerschule, später für ein Behindertenheim.

Die Initialzündung 9. November 1989 beeinflusste das Gymnasium am Neandertal "nachhaltig", sind sich die ehemaligen Lehrer der verschiedenen Ostprojekte einig: Horst Busch, Joachim Noack, Wolfgang Peter, Bernd Heublein und Ludwig Schmidt. Zum 25jährigen Gedenken versammelten sie sich im Büro von Schulleiter Hans Gruttmann.

(RP)