Wohnkultur vor dem Tagebaubagger in Erkelenz von Dagmar Hänel vom Landschaftsverband Rheinland und Anja Schmid-Engbrodt vom Rheinische Verein für Denkmalpflege erforscht

Wissenschaftlerinnen in Borschemich und Immerath (alt) tätig: Wohnkultur vor dem Bagger erforscht

Wissenschaftlerinnen haben Bauern- und Bürgerhäuser in Borschemich (alt) und Immerath (alt) erforscht, bevor diese für den Tagebau abgerissen wurden. Beispielsweise stießen sie auf ein Fachwerkhaus von 1676, das später unter Kalksandsteinwänden verborgen worden war.

Bevor sie für den Tagebau Garzweiler II unter den Greif- und Räumbaggern auf Nimmerwiedersehen verschwanden, gaben sie – auf gezielte Suche von zwei Wissenschaftlerinnen – einige Elemente regionaler Bau- und Wohnkultur preis: Häuser in Borschemich (alt) und Immerath (alt). Bürger- und Bauernhäuser waren die Ziele einer Recherchetruppe mit Kameramann, die unter verputzten Mauern durchaus Denkmalwürdiges zutage förderte. Überraschend beispielsweise ein Wohnhaus in Immerath, das nach der Beseitigung des Außenputzes in Parterre Fenster freigab, die im Fachwerk-Ursprungsbau erkennbar nicht eingerichtet worden waren, und eine Tür fehlte ganz.

Ein Wohnhaus ohne Fenster und Türen? Das Rätsel löste sich laut Anja Schmid-Engbrodt nach Freilegung der Innenwände vom Putz: Darunter führte eine fest eingebaute Holzleiter ins Obergeschoss – der Bau war ursprünglich eine Scheune.

Überraschende und faszinierende Entdeckungen stellten Dagmar Hänel vom Landschaftsverband Rheinland und Anja Schmid-Engbrodt vom Rheinische Verein für Denkmalpflege jetzt auf Einladung des Heimatvereins der Erkelenzer Lande vor. Ihre Ergebnisse sollen demnächst mit dem „Virtuellen Museum der verlorenen Heimat“ des Heimatvereins verlinkt werden, kündigte daraufhin Vorsitzender Günther Merkens an.

Immerath, 2005 aus dem Flugzeug fotografiert, mit Kirche, Kloster und Krankenhaus. Vor dem Abriss von Wohngebäuden für den Tagebau Garzweiler II haben zwei Wissenschaftlerinnen die Wohnkultur untersucht. Ihre Ergebnisse sollen mit dem virtuellen Heimatmuseum verknüpft werden. ⇥ RP-Foto: Jürgen Laaser (Archiv) Foto: Laaser, Jürgen (jl)
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In Vorher-Nachher-Betrachtungen sind allein 18 Objekte in Borschemich festgehalten worden, wobei es sich um nicht unter Denkmalschutz gestandenen Häusern handelte, denn für die ist das Landesamt für Denkmalschutz zuständig – von daher gehörte auch der alte Rittersitz Haus Paland nicht zu den Betrachtungen der beiden Wissenschaftlerinnen. Eine wahre Fundgrube war aus deren Sicht das Haus Spenrather Weg 8 in Borschemich, unter dessen Ziegel- und Kalksandsteinwänden ein Fachwerkhaus von 1676 verborgen war. Ein Chronogramm (Bau-Sinnspruch) im Holztürsturz wies die Schöffenfamilie Meuter als Bauherren aus. Ein ebenfalls in den Sturz geritztes „Hauszeichen“, eine Art Wappen, taucht 1741 im Borschemicher Schützensilber auf, ein Dietrich Schommertz hatte den Vogel abgeschossen. Der Wandel: Schommertz war zu der Zeit der Eigentümer des Hauses, nicht mehr Meuter.

Tapeten, zahlreiche Wandmalereien in Blau, sogar im alten Abort, wurden entdeckt. Einiges konnte laut Hänel und Schmid-Engbrodt in Absprache mit den letzten Eigentümern der inzwischen für den Tagebau abgerissenen Häusern, RWE Power, sogar direkt und nicht nur per Film gesichert werden.

Ohne die Braunkohlenbagger wären die Schätze sicher nicht entdeckt worden – aber die Menschen wären, so sagte Günther Merkens, lieber in ihren wandlungsfähigen Häusern geblieben und „nicht vertrieben“ worden.

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