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Erkelenz: Wenn das Gefühl für Distanz verloren geht

Erkelenz : Wenn das Gefühl für Distanz verloren geht

Frontotemporale Demenz: Bei Pro8 Kückhoven wird ein Film über Menschen mit dieser Krankheit gedreht.

Manchmal steht Achim Peters (Namen geändert) morgens auf und möchte zur Arbeit fahren. Er sitzt dann in seinem Zimmer und fragt sich, wo seine Warnweste ist. Seine Arbeit, das war früher jahrelang der Straßenbau. Heute ist Achim Peters einer von knapp zehn Bewohnern der Pro8 in Erkelenz-Kückhoven, die an frontotemporaler Demenz leiden. Eine seltene Form der Demenz, über die Regisseur und Betreiber der Internetseite Demenzfilm.de, Bodo Beuchel, jetzt einen Film gedreht hat.

Die frontotemporale Demenz wird durch einen Nervenzelluntergang in den Stirnlappen (Frontallappen) und den Schläfenlappen (Temporallappen) des Gehirns verursacht, jene Bereiche, die das Sozialverhalten einer Person steuern. Folglich stehen Verhaltens- und Persönlichkeitsänderungen im Vordergrund der Symptomatik. "Es kommt zu Enthemmungen, Übergriffen und Ticks wie sich nicht waschen zu wollen", berichtet Bodo Beuchel. Er schätzt die Zahl der Betroffenen in Deutschland auf etwa 70.000. "Wobei die Dunkelziffer wahrscheinlich deutlich höher ist." Das liege unter anderem daran, dass selbst Fachärzte über zu wenig Wissen verfügen und die Diagnosekritieren der Alzheimer Demenz nicht greifen. "Oft wird diese Form der Demenz - die bereits im frühen Erwachsenenalter auftreten kann - als psychiatrische Störung und nicht als neurologische Krankheit diagnostiziert", erklärt Boris Limburg, Leiter der Pro8 in Erkelenz.

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Das Zusammenleben mit einem Menschen, der an einer frontotemporalen Demenz leidet, bedeutet für die Angehörigen eine enorme Belastung. Vor allem sind es die Verhaltensauffälligkeiten, besonders Teilnahmslosigkeit, Aggressionen und Unberechenbarkeit der Patienten, die anderen Familienmitgliedern zu schaffen machen. So war es auch bei Achim Peters. Bevor er im Sommer vergangenen Jahres in die Pro8 kam, war die Situation zu Hause bereits häufiger eskaliert. "Im Restaurant ist er zu den anderen Gästen an den Tisch gegangen und wollte an ihrem Essen probieren", erzählt seine Frau. Er hatte kein Gefühl mehr für Distanz. "Und obwohl er natürlich zurückgewiesen wurde, bestand er auf seinem Willen." Diese Aufdringlichkeit und Beharrlichkeit enden oft in Gewalt und Aggression.

Bodo Beuchel möchte in seinem Film die ganze Bandbreite der Krankheit zeigen. Die Einrichtung Pro8 in Kückhoven ist dabei einer von vielen Drehorten. "Und es geht auch darum, Angehörige zu informieren." So dass sie loslassen und darauf vertrauen können, dass Betroffene in einer Einrichtung wie der Pro8 gut aufgehoben sind. Sie gewähren lassen in ihrer Krankheit - das ist für Menschen mit frontotemporaler Demenz meist die beste Lösung.

Der Film "Schicksal Frontotemporale Demenz (FTD) - die ganz andere Demenz" richtet sich an Menschen, die auf irgendeine Weise mit der Krankheit in Berührung kommen oder sich dafür interessieren: Pflegepersonal, Angehörige oder Schulen. Der Film wird unter anderem bei einem Angehörigenabend in der Pro8 Erkelenz zu sehen sowie im Internet auf der Seite www.demenzfilm.de abrufbar sein.

(RP)