Erkelenz: Vom Widerstand gegen Heimatfresser

Erkelenz : Vom Widerstand gegen Heimatfresser

Es ist die Geschichte von 30 Jahren Kampf gegen den Braunkohlentagebau Garzweiler II. Eine Geschichte, die weitere Kapitel erwarten lässt. Dirk Jansen und Dorothea Schubert (BUND) stellten in Venrath ihr Buch zum Widerstand vor.

Bürger haben gekämpft, diskutiert, geklagt. Inzwischen sind die ersten Orte der Erkelenzer Heimat geräumt - für den Energieriesen RWE und die Riesenbagger im näher rückenden Braunkohleloch. Die Geschichte des Protests gegen Garzweiler II und Basiswissen aus dem Rheinischen Braunkohlerevier arbeitet ein 192 Seiten starkes Buch auf, das der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) im Eigenverlag herausgegeben hat. Die Autoren Dirk Jansen und Dorothea Schubert präsentierten ihr Werk "Zukunft statt Braunkohle. 30 Jahre Widerstand gegen Garzweiler II" jetzt in einem 255 Jahre alten Stück Heimat, dem Gasthof Bruns in Venrath.

Parolen wie "Verheizte Heimat", "Stop Rheinbraun", Aktionen wie Fahrraddemo oder Fackelkette mit 4000 Menschen, Verquickungen in der Politik sind Teil eines spannenden Stücks Heimatgeschichte. Die Dokumentation hatte das Autorenduo vom BUND bereits 2008 begonnen. Was damals ausstand, waren Entscheidungen der Gerichte. Vor dem Bundesverfassungsgericht hat der BUND am 17. Dezember 2013 das Garzweiler-Urteil erstritten, das den Rechtsschutz Betroffener stärkt und der Politik die Entscheidungskompetenz über die energiepolitische Notwendigkeit einer weiteren Braunkohlenförderung zuweist. "Wir wollten nach Möglichkeit ein Happyend", unterstrich Dirk Jansen, BUND-Geschäftsleiter NRW. Mit der Ende März von der Landesregierung angekündigten Verkleinerung des Tagebaus Garzweiler II sei das nur zur Hälfte geglückt.

Dieser Tagebau ist für Jansen "ein Lehrstück dafür, wie ein Großprojekt am Willen der Bevölkerung vorbei durchgedrückt wird". Er kündigte die Fortsetzung des Widerstands an: "Wir werden um jeden Meter kämpfen." Der BUND arbeite an einem Braunkohle-Ausstiegsszenario für das Rheinland, sagte er. "Ein Ende ist bis spätestens 2030 klimapolitisch erforderlich."

Dorothea Schubert, seit 1990 im Braunkohlenausschuss, erinnert sich an die Anfänge. 1983 habe sie erstmals geschockt vor einem Tagebauloch gestanden und sich gefragt: "Wieso dürfen die das, wie ist das möglich?" Sie war dem BUND beigetreten, wollte "etwas für die Umwelt tun". Es gab kritisches Potenzial unter den Bürgern - zum Waldsterben, Pseudokrupp, und eben unter Betroffenen von Umsiedlung. Vom Fachwissen der Hambacher Tagebaugegner profitierte Ende der 1980er Jahre der sich in Erkelenz formierende Protest. Schubert suchte Unterlagen von damals heraus, recherchierte im Landtag nach alten Protokollen. Das Buch dokumentiere auch enttäuschte Hoffnung in die Politik, sagt sie: "Da wurde Verantwortung hin und her geschoben." Die Autoren hoffen, dass ihre Sammlung von Informationen - darunter viele Berichte und Fotos aus der Rheinischen Post - in anderen Regionen nützen kann, vielleicht im Osten Deutschlands.

Der Buchpräsentation wohnten "Kämpfer der ersten Stunde" bei: Gisela Irving (Holzweiler), Hans Stenzel (ev. Kirchenkreis) und Hans-Josef Dederichs (Grüne). Er hatte mit 15 eine Lehre in Garzweiler gemacht und erlebt, wie ein Dorf stirbt. Heute wettert er gegen "die Arroganz der Macht".

(RP)
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