Schwerpunkt In Der Ehe Zuhören: Vermeintliches Wissen als Ehefalle

Schwerpunkt In Der Ehe Zuhören : Vermeintliches Wissen als Ehefalle

Man hört nicht mehr zu, wenn der andere redet. Oder man schweigt, weil der andere sowieso nicht zuhört. So entstehen Distanz und Entfremdung in Ehe und Partnerschaft. Es gibt Wege aus dieser Falle.

Es ist so einfach und doch so schwer: das Zuhören. Für Theo Sommer gehörte das Zuhören zwar zum beruflichen Alltag, es war und ist aber zugleich auch der wichtigere Teil einer Kommunikation. Als diplomierter Ehe-, Familien- und Lebensberater hat er oft zugehört: "Durch das Zuhören wende ich mich einem Menschen zu, diese Zugewandtheit schafft Vertrauen." Nach seiner Erfahrung haben viele Menschen in der Ehe, in der Familie, in der Partnerschaft verlernt zuzuhören. Man hört nicht mehr zu, wenn der andere redet, oder man schweigt, weil der andere eh nicht zuhört. So entsteht Distanz, Entfremdung.

"Dabei ist es so einfach: Das Zuhören ist der Schlüssel zum Herzen", sagt der 68 Jahre alter Diplom-Theologe aus Erkelenz. Auch der Zuhörer kann der Leiter eines Gesprächs sein, wobei ihm als Berater die wichtige Aufgabe zukommt, neutral zu bleiben und doch aktiv mitzuwirken. Durch Nachfragen zeigt er sein Interesse am Gesprächspartner. "Ich muss nicht mitreden, ich muss auch nicht beraten, ich muss den Partner annehmen und mitnehmen." Zuhören ist ein dauerhafter Prozess, mit einem klärenden Gespräch kann es nicht getan sein. Ein guter Zuhörer ist an langfristigen und gehaltvollen Lösungen interessiert, nicht an schnellen Effekten.

Seine langjährige Erfahrung in der Beratung hat Sommer die Gefahren erkennen lassen, die dazu führen, dass aus mangelndem Zuhören das große, eine Distanz aufbauende Schweigen wird. Die größte Falle sei das vermeintliche Wissen um den Partner: Ich weiß, wie du denkst und handelst, ich kenne dich und deine Wünsche. Daraus folgt, dass man dem anderen gar nicht mehr zuhören will. Man weiß ja eh schon alles. Die nächste Falle, weswegen das Zwiegespräch, das Zuhören und Reden ausbleibt, ist die fehlende Zeit. "Der vollgestopfte Terminkalender lässt keine Zeit mehr für einen Termin mit dem Partner anstatt sich gegenseitig einen Termin einzuräumen." Und die dritte Falle auf dem Weg zum Schweigen ist nach der Erfahrung des Beraters die "innere Kontoführung", bei dem das angesammelte Negative des Partners meistens die Oberhand über das Positive behält. Dadurch entsteht Distanz. Und es kommt zu dem Missverständnis durch Unwissen oder falsche Vorstellungen. Der Weg zum Streit ist dann nicht mehr weit. Ein weiterer Aspekt: "Es gehört zum Zeitgeist, mehr über sich selbst zu reden, sich selbst darzustellen, als sich mit einem anderen Menschen zu beschäftigen." Man hört sich gerne selbst reden, das Reden wird Selbstzweck, das Zuhören ist unwichtig, wird verlernt.

Es gibt Wege aus diesen Fallen, die zum Schweigen führen: "Die Menschen müssen wieder lernen, wohlwollend zuzuhören. Dann nehme ich Veränderungen wahr und bleibe neugierig." Es ist nicht nur das Ohr, das beim Zuhören eine Rolle spielt. "Man sieht und hört nur mit dem Herzen gut", sagt Sommer. Fühlt jemand ehrliches Interesse an der Gefühlswelt des Partners, dann kann dieser sich öffnen und vertrauensvoll Intimstes preisgeben: "Dann legen die Gesprächspartner ein sachtes Fundament für ein gedeihliches Gespräch."

(kule)
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