Erkelenz: Tanztheater über den Heimatverlust

Erkelenz: Tanztheater über den Heimatverlust

Mit kurzen filmischen Einspielungen, Texten und viel Musik brachte das "Sorbische National-Ensemble" die Folgen des Tagebaus tänzerisch auf die Bühne. Ein aktuelles Thema mit viel Bezug zum Erkelenzer Braunkohlenland.

Der Verlust von Heimat durch den Tagebau war den Akteuren und dem Publikum gut bekannt - viele sind und waren davon persönlich betroffen. Das "Sorbische National-Ensemble" (SNE) stammt aus der Lausitz, in dem sich das zweite große Braunkohleabbaugebiet neben dem hiesigen Rheinischen Revier befindet. Im Rahmen der Theaterreihe der Erkelenzer Kultur GmbH führte das Ensemble mit kurzen filmischen Einspielungen, Texten und viel Musik das Ballett mit dem Titel "Abschied. Was bleibt?" in der recht gut besuchten Stadthalle auf.

Choreographin war Mia Facchinelli, der für den zugrundeliegenden Text verantwortliche Autor Jurij Koch. Um den Hintergrund zu den getanzten Teilen verstehen zu können, war es sehr hilfreich, den Text nachzulesen. In der Aufführung hörten die Zuschauer den zugrundeliegenden Text, eine Collage aus Zitaten und Eigenanteilen in sorbischer Sprache.

Die Handlungen der einzelnen Einheiten waren unterschiedlicher Natur. So verabschiedete sich ein junger Mann von seiner Heimat. Seine Erinnerungen und Bilder an seinen Heimatort trug er mit sich. Im Laufe des Stücks wurde er auch zum Beobachter seiner eigenen Erfahrungen. So schaute er unter anderem den Sagenfiguren der Schlangenkönigin und des Schlangenkönigs zu. Nachdem sie von einem Wanderer getötet wurde, brachte er wiederum den Wanderer um und setzte damit symbolisch dem Menschen in seinem Größenwahn Grenzen.

In einer weiteren Einstellung musste ein Ehepaar Haus und Hof verlassen, da der Tagebau vor der Tür stand. Und schließlich waren Frauen zu sehen, die Osterwasser schöpften. Das Osterfest wurde samt seinen Osterreitern - entsprechend dem sorbischen Brauch - durch Mittanzen und Bewegung zur neuen Herausforderung.

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Zu Beginn der Vorstellung sahen sich Tänzerinnen Filmsequenz einer Fahrt durch grüne Natur an, die Stimmung schien gut. Zunehmend aufgewühlter agierten die Akteure später, fügten taumelnde Bewegungen in den Tanz ein, der teils auf der schrägen Bahn im Hintergrund der Bühne ablief. Zu filmischen Aufnahmen von sonnigem Kornfeld mischten sich irritierende Geräusche. Den Ausflug in die Sagenwelt setzten die Macher mit hautengen Kostümen und grünlicher Beleuchtung beim Tanz der schlanken Tiere um. Die Kämpfe wurden von schneller Musik begleitet. Einfühlung der Zuschauer war gefragt, um die Emotionen in Form von Blicken, Bewegungen und Tanzformationen ohne Unterstützung von Worten erkennen zu können. Die Szenerie prägten Tempowechsel, monumental wirkende Zeitlupen und irreale Sequenzen. Vor allem die sehr langsamen Abläufe symbolisierten schwierige Prozesse, die die Menschen zu meistern hatten.

Sehr ernüchternd wirkten die Kontraste von grünen oder goldenen, üppigen Landschaften zu kahlen, dunklen Abraumhalden - an dieser Stelle wurde der Verlust von Boden, Heimat und Kultur sehr gut greifbar.

Mit Anspielung auf die Osterbräuche der Sorben - ein slawisches Volk mit deutschen Staatsbürgern, das nahe der polnischen und tschechischen Grenze angesiedelt ist - gaben die Darsteller ein Beispiel für ihre eigene lebendige Sprache und Kultur. Und damit einen guten Eindruck vom Kulturgut, das dort gepflegt und gewahrt wird.

(cole)
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