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St. Valentin Venrath: Beim Glockenbeiern alle Hände voll zu tun

St. Valentin Venrath : Beim Beiern alle Hände voll zu tun

Mit dem Beiern im Glockenraum der Kirche St. Valentin wurde die Kirmes in Venrath eröffnet. Das Anschlagen der Glocken durch die Klöppel hat durchaus eine Tradition. Die ist allerdings vielerorts in Vergessenheit geraten.

Der schweißtreibende Aufstieg über die rund 100 Stufen über die Wendeltreppen im Kirchturm zum Glockenraum in der Turmspitze von St. Valentin in Venrath ist noch der leichteste Teil der Aufgabe, die sich Rainer Merkens und weitere Mitglieder des Grenadierzugs innerhalb der St.-Josef-Schützenbruderschaft Venrath gestellt haben. Wie schon in den 20 Jahren zuvor läuten sie am Samstagmittag mit einem Beiern der Kirchenglocken das große Schützenfest in Venrath und Kaulhausen ein.

Doch bevor das Beiern, das melodische Anschlagen der Glocken mit dem Klöppel, überhaupt beginnen kann, liegt noch ein zweiter, beschwerlicher Teil des Arbeitstags vor Merkens und seinen Mitstreitern Sascha Nerlich und Dieter Cohnen. Die drei Glocken im Kirchturm müssen durch Spanngurte fixiert werden, damit sie nicht ins Schwingen geraten, wenn sie von den Klöppeln angeschlagen werden. Da ist ein umständliches Kraxeln zwischen dem Gebälk und den Glocken unvermeidlich. Die Klöppel selbst sind durch Seile fixiert, an denen der Spieler zieht. „Die Erkelenzer Glocke ist noch locker“, meint Merkens beim Testlauf. Mit der Ortsbezeichnung gibt er die Richtung an, in der die Glocke ausgerichtet ist. Ihre Nachbarn weisen nach Neuhaus und Kaulhausen.

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Das Beiern, das Anschlagen der Glocken durch die Klöppel, hat durchaus eine Tradition, die allerdings in Vergessenheit geraten ist. „Es gibt wohl noch 20 bis 30 Gruppen in Deutschland, die das Beiern praktizieren“, meint Merkens, der ein wenig neidisch auf das Glockenwerk in der Erkelenzer Pfarrkirche St. Lambertus schaut. Dort stehen fünf Glocken zur Verfügung, in Venrath muss er sich beim Beiern mit drei begnügen. Die Kunst, in dieser Art zu musizieren, besteht aus der Fähigkeit, mit den drei Tönen der Glocken, der Lautstärke und dem Rhythmus Melodien oder zumindest melodische Tonfolgen zu erzeugen. „Da gibt es nicht viel Literatur, an der wir uns orientieren können“, bedauert Merkens, der sich mit den Tönen D, E und fis begnügen muss. Nur drei Melodien sind ihm bekannt.

Beim Beiern hat der Spieler beide Hände voll zu tun. Er greift von einem Zugseil zum nächsten, mal schneller, mal langsamer. Da kommt der Musiker schnell aus der Puste. Es ist höchste Konzentration gefordert. Der Glockenturm vibriert, als zum Ende Merkens und Nerlich gemeinsam an den Seilen ziehen. „Das ist Heavy Metal“, meint Nerlich schmunzelnd, während er sich den Schweiß von der Stirn wischt. Merkens hat derweil noch eine weitere Aufgabe, bevor die Spanngurte der Glocken gelöst werden, damit sie wieder in der üblichen Form durch ihr eigenes Schwingen klingen.

Mit einem ungewöhnlichen Hammer schlägt Merkens auf die mittige, die „Neuhauser“ Glocke. Es ist ein Hammer, den die Kirche erst seit wenigen Tagen in Besitz hat und der aus dem gleichen Material ist, aus dem die Glocken gegossen wurden. Als 1986 neue Glocken für St. Valentin in Auftrag gegeben wurden, wurde auch eine Sakristeiglocke hergestellt, bei der ein Silbergehalt von 40 Prozent bestand.

Der sogenannte Anguss oberhalb der eigentlichen Glocke, der nach dem Gießen und Abkühlen abgeschlagen wird, wurde in der Gießerei dieser spezielle Hammer gefertigt. Im Rahmen einer amerikanischen Versteigerung beim Einweihungsfest der Glocken konnte die Familie Derichs ihn gewinnen. Lange Zeit war das 1,5 Kilogramm schwere Werkzeug in der Versenkung und aus der Erinnerung verschwunden. Jetzt entdeckte es Josef Derichs wieder. Er vermachte den Hammer der Pfarrgemeinde, die ihn in der Kirche St. Valentin aufbewahren wird.

Seinen ersten Einsatz hatte er beim traditionellen Beiern zum Auftakt des Schützenfestes. Aber der neue „Mitspieler“ soll nicht das Ziehen an den Seilen und das Anschlagen der Klöppel von innen gegen die Wandungen ersetzen. Daran denken Merkens und seine Mitstreiter nicht. Sie haben ein Ziel vor Augen: Sie wollen das silberne Jubiläum miterleben, wenn sie in vier Jahren zum 25. Mal die Kirchturmspitze über die engen Wendeltreppen erklimmen.

Vielleicht, so die Hoffnung der Beierer, gibt es dann sogar eine weitere Melodie aus den Tönen D, E und fis.