Gedanken Zum Weihnachtsfest: Menschwerdung öffnet Zukunft

Gedanken Zum Weihnachtsfest: Menschwerdung öffnet Zukunft

Liebe Leser und Leserinnen,

an Weihnachten feiern wir ungeheuerliche Tatsachen: Gott ist Vater geworden. Er hat ein Kind bekommen. Maria hat es zur Welt gebracht. Es ist Gottes Sohn. So schlicht und nüchtern kann man beschreiben, was wir an Weihnachten feiern. Je klarer und einfacher man davon spricht, umso ungeheuerlicher kommt es einem vor; finden Sie nicht auch?

In der Heiligen Nacht wird uns diese Botschaft im Wort des Evangelisten Lukas gesagt: "Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; es ist der Messias, der Herr" (Lk 2,11). Am ersten Weihnachtstag wird uns dieselbe Botschaft verkündet; jetzt in der völlig anderen Denk- und Sprechweise des Evangelisten Johannes: "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt" (Joh 1,14a).

Gott in seiner schöpferischen Kraft; Gott, der alles schafft und alles Geschaffene trägt; Gott, der das Leben selbst und das Licht ist, das ewige Wort - von diesem unendlichen und gewaltigen Gott glauben wir, dass er Fleisch geworden ist.

Er ist so verletzlich wie ein Kind und so vergänglich wie ein Mensch.

Die Mitte unseres Festes, die Botschaft von Weihnachten, ist vernünftig kaum denkbar. Vielleicht ist Weihnachten auch deshalb so gefühlsselig, weil es denkerisch nicht zu fassen ist. Denn wie kann Gott Mensch sein? Und wie kann ein Mensch Gott sein?

Gegen die Vorstellung von der Menschwerdung Gottes, gegen die Vorstellung, dass Gott einen menschlichen Sohn hat, der Gott bleibt, obwohl er Mensch ist, kann man gewichtige Einwände geltend machen. Ganz profiliert wendet sich der Koran gegen diese Vorstellung; wahrhaftig nicht aus Feindseligkeit gegenüber den Christen, sondern um Gott in seiner Größe zu lassen und ihn nicht als Menschenkind geringzuachten. In der 19. Sure heißt es von Jesus (Isa) ausdrücklich: "Das ist Jesus, der Sohn Marias. Das Wort der Wahrheit, an dem sie zweifeln! Es kommt Gott nicht zu, dass er sich ein Kind nimmt. Gepriesen sei er! Wenn er eine Sache beschließt, sagt er zu ihr nur: "Sei! und da ist sie." (Koran Sure 19,34-35) Dem Koran erscheint es als Gräuel, Gott ein Kind zuzuschreiben, denn die Vorstellung eines göttlichen Sohnes spaltet die Einheit Gottes. Diese Vorstellung wird als so skandalös empfunden, dass die 19. Sure am Ende noch einmal darauf zurückkommt: "Sie sagen: Der Allerbarmende hat sich ein Kind genommen." "Ihr habt eine ungeheuerliche Sache begangen. Fast zerbrechen davon die Himmel, spaltet sich die Erde und fallen die Berge in Trümmer, dass sie dem Allerbarmenden ein Kind zusprechen" (Koran Sure 19,88-91).

Ja, wir Christen sprechen dem Allerbarmenden - wie der Koran Gott wunderbar bezeichnet - dieses Kind zu. Wir feiern das Weihnachtsfest gerade aus diesem Grund: Weil Gottes Wort und Wesen in diesem Kind in der Krippe, in diesem Mann aus Nazareth Mensch geworden ist.

Liebe Leserinnen und Leser, verstehen wir uns nicht falsch, es geht hier nicht darum, den Koran schlecht zu machen, es geht nicht ums Rechthaben: Man muss das Anliegen des Koran, die Einheit Gottes zu wahren, mit aller Ehrfurcht würdigen. Aber wir müssen zugleich als Christen und Christinnen unsere Überzeugung offenlegen und leben: Wir schauen und erleben das Wesen Gottes in einer menschlichen Person. Wir sagen im Blick auf die Heilige Schrift: Gott ist Person und Persönlichkeit wie wir. Er ist wie wir selbst. Wir verstehen Gott in seinem Menschsein, wie wir es von uns selbst kennen. Und was noch viel wichtiger ist: Die Heilige Schrift sagt uns: Gott versteht uns, weil er wie wir geworden ist.

Von der Konsequenz dieser weihnachtlichen Botschaft leben wir alle: Es ist die Heiligkeit der Person. Der Gott, der sich in Menschengestalt offenbart, heiligt den Menschen, heiligt jedes Menschenkind und erwartet, dass wir es ihm in Dankbarkeit gleich tun. Weil Gott selbst sich als Mensch und im Menschen offenbart, gebührt jedem Menschen eine hohe, heilige, sakrale Würde.

Die Überzeugung von der Heiligkeit der Person ist wahr. Für uns hängt ihre Wahrheit an diesem Menschenkind, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern. Der Auftrag aus dieser Botschaft ist uns allen anvertraut: das Menschliche zu würdigen und zu wahren. Alles Menschliche zu schützen. Es zu verteidigen, wo ihm Gewalt angetan wird. Sich zu freuen und mitzufreuen, wo es aufblüht. Der heilige Gott heiligt den Menschen durch seine Geburt.

Diese Erkenntnis ermöglicht es dem Menschen, schon im Hier und Jetzt in einer heilvollen Zukunft zu leben und nicht erst am Ende unserer irdischen Zeit im Paradies. "Es kommt Gott nicht zu, dass er sich ein Kind nimmt", sagt die 19. Sure im Koran. Und ich füge hinzu: Aber uns, uns tut es gut! Gepriesen sei er, der Allherrscher und Allerbarmer, der so an uns handelt!

In diesem Sinne wünsche ich ihnen, den Leserinnen und Lesern, gesegnete Weihnachten - eine erfüllte Menschwerdung!

Ihr

Pastor Werner Rombach

(RP)