Erkelenz: "Meine Frau hat Flügelchen bekommen"

Erkelenz : "Meine Frau hat Flügelchen bekommen"

Eine Lebend-Organspende vom eigenen Mann hat das Leben der Erkelenzerin Petra Schleuter von Grund auf verändert. Die chronisch Nierenkranke genießt nach 25 Jahren der Schwäche und Einschränkungen eine neue Lebensqualität.

Nach mehr als 25 Jahren Ehe haben Michael und Petra Schleuter noch einmal Ja zueinander gesagt - und das gab ihrem Leben eine neue, positive Wende. Der 52-Jährige hat seiner Frau eine seiner Nieren gespendet, danach hatten beide völlig neue Möglichkeiten der Lebensgestaltung. "Fast habe ich eine neue Frau bekommen", sagt er, und beide lachen befreit. Mit diesen besonderen Patienten freut sich Dr. Jens Benders, Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Nephrologie, Ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums Diaverum. In dem Dialyse-Zentrum im Ärztehaus am Krankenhaus hat er den Leidensweg der chronisch Nierenkranken begleitet und ihren Weg raus aus dem tiefen Tal stetiger Einschränkung.

"Eine Lebendnierenspende ist schon etwas Besonderes, und diese Art der Transplantation nimmt zu", berichtet Benders. Petra Schleuter, deren Allgemeinzustand sich zusehens verschlechterte, war acht Monate dialysepflichtig, führte die Bauchfell-Dialyse zu Hause unter Anleitung des Diaverum-Teams durch. Die 51-Jährige erinnert sich, wie ihr Leben vor fünf Jahren war. "Eingeschränkt", bringt sie vielfältige Alltagsprobleme auf den Punkt. "Wenn man morgens mit Übelkeit aufsteht und einfach nicht kann, zu schlapp ist, erst mittags in Tritt kommt", blickt sie zurück. Übelkeit plagte sie fast 20 Jahre, zwei Stockwerke Treppensteigen bedeuteten Atemnot, zeitweise schleppte der Körper zwölf Liter Wasseransammlungen. Schon als 18-Jährige erlebte sie, dass der Blutdruck an die 200 hochschoss. Im Beruf als Floristin war sie oft krank.

War Lupus die Ursache, eine tückische Autoimmunkrankheit? Biopsien brachten dafür keinen Beleg. Was löste den chronischen Zerstörungsprozess in den Nieren aus? "Im fortgeschrittenen Stadium spielt die Entstehung keine Rolle", erklärt Dr. Benders. "Da geht es nur noch um Schadensbegrenzung." Arzt und Patientin war klar: Die Dialyse ist irgendwann nötig. "Damit ging es mir sofort besser", schildert Petra Schleuter. Die Bauchfell-Dialyse zu Hause brachte mehr Freiheit in den Tagesablauf. Viermal täglich floss sterile Flüssigkeit durch einen Katheter in ihren Bauch, reicherte sich mit ausgefilterten Abfallprodukten an, um wieder abgelassen zu werden. Die Prozedur begann gleich nach dem Aufstehen, danach konnte sie mit dem Hund Gassi gehen, vor dem Zubettgehen beendete die letzte "Wäsche" den Tag. Das klappte auch bei einem Urlaub an der Mosel. "Mit der Zeit wurde es anstrengend", gab Petra Schleuter zu. Mit Dr. Armin Homburg in der Uniklinik Aachen sprach sie über Möglichkeiten der Transplantation. Michael Schleuter - er hat dieselbe Blutgruppe wie seine Frau - überraschte seine Petra mit dem Angebot, ihr eine Niere zu spenden. Keine leichte Entscheidung, für beide nicht. Gut ein Jahr später wissen beide, dass es richtig war. "Wir wollen Menschen auch Mut machen, dass es ohne ellenlange Warteliste gelöst werden, so erfolgreich verlaufen und zu einem erfüllten Leben beitragen kann", unterstreicht der Spender.

Auf das Paar kam einiges zu. Der Spender stellte seine Gesundheit unter Beweis und schilderte seine Motive einer Ethik-Kommission. Die Empfängerin absolvierte eine Reihe Untersuchungen bei Fachärzten: Alle Infektionsherde im Körper gilt es auszuschalten. Dann der 24. Januar 2013: Beide kamen in nebeneinander liegenden OPs "unters Messer" und überstanden die Lebendspende komplikationslos. Petra Schleuter fühlte sich gleich fit. "Herzlichen Glückwunsch, sagte mir der Professor, sie haben ein Goldstückchen bekommen."

Eine Woche später war das Paar zu Hause. Das neue Leben begann und brachte auch für Michael Schleuter Veränderungen. Er hatte immer viel Arbeit im Haushalt übernommen, plötzlich steht seine Frau früh auf und ist gleich "auf Hundert": "Meine Frau hat Flügelchen bekommen", sagt er schmunzelnd. Sie räumte die Schränke auf nach dem Motto "Jetzt schmeißen wir das alte Leben weg und lassen das neue rein". Beim Radwandertag steckte sie die erste größere Tour über 24 Kilometer locker weg. Petra Schleuter beteuert: "Ich bin jeden Tag glücklich und weiß gar nicht, wie ich danken kann." "Gesund bleiben", flüstert ihr Mann und streichelt ihren Arm. Neben ärztlichen Kontrollen passen beide aufeinander auf. Urlaub oder Spaziergänge mit ihrem wuschligen Spitz-Retriever-Mischling können sie ganz neu genießen. "Es ist ein schönes Gefühl, wenn man nach so vielen Jahren merkt, dass man wirklich wieder alles kann", beteuert Petra Schleuter und strahlt ihren Mann an. "Wir machen uns das Leben jetzt richtig schön!"

(RP)
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