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Erkelenz: Krawalle in Walmer Township

Erkelenz : Krawalle in Walmer Township

Auslandsjahr Die Hückelhovenerin Alice-Cathérine Mackenstein (25) arbeitet seit September für ein Jahr bei der Organisation Masifunde in Südafrika. Heftige Proteste Einheimischer zwangen das Team zum Umzug.

Port Elizabeth "Ich glaube, ihr könnt heute nicht zur Arbeit," prophezeite unser Vermieter um 7 Uhr morgens. "Ich sag' euch später Bescheid, wenn die Lage ruhiger ist." Seit zwei Stunden versammelten sich Protestler, die sich um lang versprochene "service deliveries" drehen. Die vorwiegend schwarze Bevölkerung in den Townships fordert von Staatspräsident Jacob Zuma sein Wahlversprechen ein: "Jedem ein besseres Leben."

Häuser statt Wellblechhütten

Seit Ende der 90er Jahre und besonders zur Fußball-WM hatte die Stadt Port Elizabeth versprochen, viele Bezirke des Walmers Townships an die Wasser- und Stromversorgung anzuschließen und den Häuserbau voranzutreiben: Wellblechhütten durch kleine Steinhäuser zu ersetzen. Mehrere Stichtage sind verstrichen. Ende Mai war die Geduld der Bewohner erschöpft.

Die Frustration zeigt sich in heftigem Vandalismus an öffentlichen Gebäuden, Autos und dem zentralen Taxiplatz. Die beiden Haupteingänge ins Township blockieren brennende Autoreifen und alte Möbel. Die Sperrung der Zufahrtsstraße beeinflusst den umliegenden weißen Vorort und sorgt schnell für anhaltende Verkehrsbehinderungen in ganz Walmer. Die Polizei schaut zunächst, dass das Feuer nicht übergreift. Am folgenden Tag feuert sie mit Tränengas und Gummigeschossen auf Randalierer.

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Die Bewohner werden von ihren eigenen Rädelsführern daran gehindert, zur Arbeit zu gehen. Alle sollen im Township bleiben und sich den Protesten anschließen. Kinder und Jugendliche auf dem Weg in die Schulen lassen sie passieren. Aus dem angekündigten "später" wurden zwei volle Tage ohne Arbeit. Von unserer Projektorganisation wurden wir angehalten, unser Grundstück nicht zu verlassen. Als die vier weißen Freiwilligen im Township sollen wir uns bei den Protesten nicht sehen lassen und durch unsere Hautfarbe provozieren. In unserem Viertel ist derweil alles ruhig. Nur das brennende Gestrüpp in der Straßeneinfahrt und die Botenberichte unserer einheimischen Kollegen lassen ahnen, was vorne im Township los ist.

Am Abend des zweiten Tages ziehen wir vorübergehend aus und verbringen zwei Nächte auf diversen Sofas. Wie Hautfarbe Handlungs- und Bewegungs(frei)räume in diesem Land bestimmt, darin bekomme ich eine tiefe Einsicht und erlebe es am eigenen Leib. Die Township-Proteste dauerten drei Tage und waren bis zum 2. Juli "ausgesetzt".

Bis dahin wollte die Stadt den Bewohnern glaubhafte Baupläne vorlegen. Tut sie dies nicht, "geht es richtig zur Sache", so die Einschätzung meines einheimischen Arbeitskollegen. In Zeiten instabiler Zustände werde ich kein Risiko eingehen. So war der "Hausarrest" genau die Maßnahme, die uns größte Sicherheit geboten hat. Tatsächlich sind die Proteste nun wieder hochgekocht. Wir wohnen außerhalb des Townships und sitzen die Zeit hier aus, bis sich die Lage beruhigt und die politischen Streitfragen gelöst sind.

Unsere Autorin Alice Mackenstein aus Hückelhoven lebt für ein Jahr in Südafrika und arbeitet in einem Armenviertel.

(RP/rl)