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Heimatverein Erkelenz recherchiert zur Besetzung von Erkelenz vor 100 Jahren

Vor einhundert Jahren : Als belgische Truppen Erkelenz besetzten

Vor 100 Jahren, mit dem Ende des Ersten Weltkriegs, ist Erkelenz besetzt worden. Über die Folgemonate gibt es aufschlussreiche Dokumente im Stadtarchiv: über Soldatenquartiere, Schwarzmarkt, Sprachkurse und Zensur.

Mit dem Waffenstillstand am 11. November 1918 in Compiègne war der Erste Weltkrieg für die deutsche Bevölkerung offiziell beendet. Die Bewohner des Rheinlandes aber sollten die Auswirkungen der vier Kriegsjahre erst jetzt in voller Tragweite zu spüren bekommen. Erkelenz wurde im Dezember vor 100 Jahren besetzt.

Mit Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens wurden belgische Einheiten, aus Frankreich kommend, über Belgien nach Deutschland verlegt. Am 1. Dezember 1918 konnten belgische Truppen die Besetzung ihres Sektors vollziehen. In Erkelenz traf am Abend des 2. Dezembers 1918 eine belgische Landwehrkompanie ein. Dieses Datum veranlasste mich, als Vorsitzender des Heimatvereins der Erkelenzer Lande, auf Spurensuche zu gehen. „Leider haben wir nicht viele Unterlagen über diese Zeit“, berichtete mir Alice Habersack vom Stadtarchiv Erkelenz, „denn die damals herrschende Zensur hat Meldungen unterbunden“. Fündig wurden wir dann doch, denn in dem Verwaltungsbericht des Jahres 1919 ist einiges zur Besetzung aufgezeichnet worden.

Ein Auszug aus der Einquartierlisten aus Lövenich. Foto: Stadtarchiv Erkelenz

Die belgischen Truppen, die am 2. Dezember 1918 Erkelenz erreichten, wurden zunächst im Progymnasium und später in der Kinderbewahranstalt – heute Kindergarten an der Westpromenade – untergebracht. Diese ersten Truppen hatten den Auftrag, den Bahnhof Erkelenz als Ausladestation für die weiteren Truppen, die das Rheinland besetzen sollten, vorzubereiten. In den folgenden Tagen kamen weitere Truppen nach Erkelenz. Für die Unterbringung der Mannschaften wurden unter anderem die Gasthausschule – heute Leonhardskapelle – sowie Säle und Fabriken belegt. Die Offiziere wurden bei Erkelenzer Bürgern einquartiert. In den folgenden Tagen und Wochen wurden die Truppen in Erkelenz immer wieder ausgetauscht, dabei waren neben belgischen auch französische Truppen in der Stadt.

Militärpostkarte eines belgischen Besatzungssoldaten vom 26. August 1922. Foto: Heimatverein der Erkelenzer Lande

Am 13. Dezember wurde angeordnet, dass die Erkelenzer Bürger an den Haustüren sogenannte Hauslisten anbringen mussten, auf denen sämtliche Bewohner anzugeben waren. Josef Lennartz schreibt in seinem Bericht über die Erkelenzer Baracken (Heimatkalender 1968), dass es in Erkelenz zu einigen Übergriffen gekommen sei, die strenge Zensur verhinderte jedoch eine Berichterstattung. Im erwähnten Verwaltungsbericht gibt es dazu keine Aussagen. Lediglich wird erwähnt, dass zwischen 20 Uhr und 6 Uhr Ausgangssperre herrschte und Militärpatrouillen nachts unterwegs waren.

Mitte Dezember 1918 ordneten die Besatzer an, dass jeder Einwohner einen Ausweis mit Lichtbild haben musste. Auch der Reiseverkehr war zunächst untersagt, aber ab Mitte Dezember wurden Reisescheine erteilt, die einen Reiseverkehr in den Kreisen Jülich, Geilenkirchen, Heinsberg und Erkelenz möglich machten.

Im Januar 1919 kamen wiederum französische Truppen nach Erkelenz, die für einige Tage wieder den Grußzwang der Erkelenzer Bürger gegenüber französischen Offizieren einführten. Das Verhältnis muss sich aber schnell gebessert haben. Ende Januar wurde in den Volksschulen von französischen Offizieren Unterricht in Französisch erteilt, umgekehrt wurden Kurse in deutscher Sprache für französische Offiziere und Mannschaften angeboten. Die Sprachangebote für die Erkelenzer und auch für die Franzosen wurden etwa ab Mitte April 1919 noch erweitert.

Ein großes Problem war die Unterbringung der Soldaten. Im Laufe des Monats März wurde angeordnet, dass an allen Häusern im Kreis Erkelenz Holztäfelchen angebracht werden mussten, auf denen die Einquartierungsmöglichkeiten in dem Haus aufgezeichnet waren. Vorgeschrieben waren schwarze Zahlen auf weißem Grund, in Erkelenz wurde bestimmt, dass die Zahlen auf die Häuser neben der Hausnummer zu malen waren.

Französischen Truppen auf dem Gelände der Firma Wirth etwa 1920. Foto: StAErk F2 A 1/60

Die Versorgungslage der Bevölkerung war sicherlich schlecht, dies lässt sich auch daraus ableiten, dass strenge Verfügungen gegen Schwarzmarkt und Schiebertum getroffen wurden. So konnten zum Beispiel Lebensmittel beschlagnahmt werden, oder es wurden Kontrollen und Durchsuchungen des Gepäcks während der Eisenbahnfahrten vorgenommen. Im April ist im Verwaltungsbericht erwähnt, dass die Zensur der Ortszeitung von den belgischen Kontrolleuren übernommen wurde. Auch daraus lässt sich erkennen, dass in Erkelenz sowohl französische als auch belgische Besatzungstruppen stationiert waren.

Das Zusammenleben normalisierte sich langsam, aber kleine Repressalien gab es wohl immer wieder. So wurde die Erkelenzer Buchhandlung Scherer an der Hindenburgstraße für einige Zeit geschlossen, weil sie sich geweigert hatte, die Bilder der belgischen Königsfamilie ins Schaufenster zu stellen. In den Sommermonaten 1919 wurden immer wieder die Truppen ausgetauscht, auch weil es Verschiebungen von Truppen im gesamten Rheinland gab. Diese ständigen Wechsel trugen natürlich nicht zu einer Verbesserung des Zustands in Erkelenz bei. Im September 1919 wurde angeordnet, dass Zivilpersonen die französische Flagge, wenn sie entfaltet war, grüßen mussten. Wenn auf einem öffentlichen Platz die Nationalhymne einer der beteiligten alliierten Mächte gespielt wurde, mussten die Erkelenzer Bürger den Hut abnehmen und aufstehen.

Nach Ratifizierung des Friedensabkommen im Januar 1920 wurde die Verwaltung im Rheinland der interalliierten Rheinlandkommision unterstellt. Dies führte dazu, dass die Zuständigkeit der bisherigen Militärpolizei durch die Ortspolizeibehörden übernommen wurde. Die Besatzungstruppen verblieben aber weiterhin im Rheinland, Erkelenz gehörte nunmehr bis zum Jahre 1926 zur belgischen Besatzungszone. Eine starke Belastung für die Erkelenzer war die ständige Einquartierung von Soldaten der Besatzungstruppen. „Wir haben im Archiv Listen über die Einquartierung in Lövenich“, berichtet Habersack. Diese Listen enthalten die Namen der Quartiersgeber, die Zahl der aufgenommenen Soldaten – getrennt nach Offizieren und Mannschaften – sowie der untergestellten Pferde. Interessant ist, dass für die Unterbringung der Soldaten und Pferde eine täglich Entschädigung gezahlt wurde: für Offiziere 3 Mark, für Mannschaften 1,75 Mark und für Pferde 0,50 Mark. Auch für den Ausgleich von Schäden, die durch die Einquartierungen entstanden waren, gibt es entsprechende Unterlagen.

Die Belastungen der Erkelenzer Bürger durch die Einquartierung waren so schwerwiegend, dass schon Ende 1919 die Stadtverwaltung an die Bezirksregierung herantrat mit der Bitte, das belgische Oberkommando zu veranlassen, dass Erkelenz entweder von Truppen frei bleiben oder die Zahl der Truppen reduziert werden müsse. Falls beides nicht möglich sein sollte, müsse unverzüglich mit dem Bau von Baracken und Offizierswohnungen begonnen werden.

Die Besatzungstruppen in Erkelenz wurden weder abgezogen noch reduziert, so dass versucht wurde, entsprechende Unterkünfte zu bauen. Im Jahre 1921 entstand der dreiteilige Häuserblock für Offiziere am heutigen Freiheitsplatz, der Wohnblock steht heute noch. Gleichzeitig wurde auf der Glück-auf-Straße ein ebenfalls dreiteiliger Wohnblock für Unteroffiziere gebaut. Ich selbst bin im Kairo aufgewachsen, und ich erinnere mich, dass es dort über die Bewohner immer hieß. „Der wohnt im Belgier Block.“

Im Herbst 1921 wurden auch die Baracken für die Mannschaften bezogen. Diese lagen westlich der Bahnlinie – heute zwischen Gerhard-Welter-Straße und Graf-Reinald-Straße – und waren vom Tenholter Kirchweg – heute Graf-Reinald-Straße – zu erreichen. Der gesamte Bereich war mit Stracheldraht gesichert. Neben den Mannschaftsbaracken gab es noch solche für die Versorgung der Mannschaften, für Geräte, Munition und Pferde. Auch ein großer Exerzierplatz war vorhanden, der wurde übrigens nach 1926 zum Hockeyplatz umgebaut. Nach 1926 wurden die Baracken teilweise zu Wohnungen umgestaltet, und auch kleinere Firmen siedelten sich hier an. Ich erinnere mich, dass noch in den 1950er-Jahren des vorherigen Jahrhunderts etwas abfällig in Erkelenz gesagt wurde: „Dde wuent in de Baracke.“ Der 1. Februar 1926 brachte dann den Erkelenzern den Abzug der Besatzugstruppen, der überschwänglich von der Bevölkerung gefeiert wurde.