Erkelenz: Heimat durch Architektur umsiedeln

Erkelenz: Heimat durch Architektur umsiedeln

Die Architektin Anna Laura Hölz rät in ihrer Examensarbeit dazu, bei der tagebaubedingten Umsiedlung mit architektonischen Zitaten die Altorte in Erinnerung zu halten. Auch darüber werde Heimatgefühl transferiert.

Kann die Architektur den Menschen in der tagebaubedingten Umsiedlung helfen, Heimat an den neuen Ort zu übertragen? Diese Frage stellte sich Anna Laura Hölz am Anfang ihrer Examensarbeit, um am Beispiel von Berverath, Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die Architektur neben der wichtigen sozialen Komponente einen bedeutenden Anteil an einem neuen Heimatgefühl haben kann.

Anna Laura Hölz hat für ihre Masterarbeit aus Erkelenzer Ton ein Modell gefertigt, wie sie sich den Ortskern des Umsiedlungsstandorts für Keyenberg vorstellt. Foto: Hölz

Anna Laura Hölz wuchs in Grevenbroich mit Blick auf die schweren Kraftwerkswolken auf. Sie lernte den Braunkohlentagebau Garzweiler als Kind kennen, besuchte früh jene Dörfer, die für diesen aufgegeben werden sollten und irgendwann abgerissen wurden. Fotografisch beschäftigte sie sich später privat mit Immerath. Sie studierte an der Münster School of Architecture, einem Fachbereich an der dortigen FH, und schloss ihr Studium jetzt mit dem Master ab. Als Examensthema wählte die 26-Jährige die Bedeutung der Architektur auf das Heimatgefühl im Umsiedlungsprozess aus.

"Mich hat die Umsiedlung von Menschen für den Tagebau immer beschäftigt und bewegt", erklärt Anna Laura Hölz, die für ihre Examensarbeit im März zusätzlich einen Nachwuchspreis der Architekturzeitschrift "Wettbewerb aktuell" erhielt, der in Kooperation mit der Bundesarchitektenkammer jährlich ausgelobt wird.

Basis der Abschlussarbeit ist eine genaue Betrachtung der Altorte und eine Umfrage unter Umsiedlern. So hat Hölz etwa die Fenster der Alten Schule in Keyenberg und des Zourshofes vermessen, um deren Proportionen und Einteilungen modern zu interpretieren und in die Vision eines Gebäudes mit Mehrzweckhalle, Gastronomie, einer Arztpraxis sowie einem kleinen Laden einzuarbeiten. Auch schaute sich die Architektin die Heilig-Kreuz-Kirche genau an, um deren Form, Größe und Proportionen für ihre Idee eines neuen Sakralraumes zu abstrahieren. "Mein für die Examensarbeit erstelltes Konzept arbeitet mit Zitaten, damit an die alte Heimat erinnert wird und darüber eine Beziehung zu den Menschen hergestellt wird."

Bei der Examensarbeit handelt es sich um kein Konzept, das zur Umsetzung vorgesehen ist. Hölz würde sich allerdings freuen, wenn über ihre Erkenntnisse, Ideen und Hinweise nachgedacht würde. Obwohl sie sich vorrangig mit der öffentlichen Infrastruktur beschäftigt hat, lassen sich daraus auch Dinge für den privaten Hausbau am Umsiedlungsstandort zwischen Borschemich und Rath-Anhoven ableiten.

Dass Hölz dazu rät, am neuen Ort mit architektonischen Zitaten aus den fünf Altorten wie auch dem Erkelenzer Land zu arbeiten, hat verschiedene Gründe. Und die leitete die Architektin sowohl wissenschaftlich als auch aus Gesprächen mit Umsiedlern und einer stichprobenartigen Umfrage her. "Auffällig war für mich, dass die Menschen die Architektur der Altorte als eine sehr hohe Lebensqualität empfinden, auch wenn die Infrastruktur aus deren Sicht teils Probleme aufweist", erläutert Hölz und leitet daraus ab, dass auch in Bezug auf das mit umzusiedelnde "Heimatgefühl das Vertraute wichtig werden wird". Damit einher ging bei den Befragten ihr zufolge außerdem der Wunsch, dass diese Infrastruktur künftig mindestens gleich bleibt oder sogar verbessert wird. "Einen Kindergarten, eine Schule, einen Laden, Gastronomie und vielleicht einen Arzt im Ort zu haben, wird als ein Stück Lebensqualität gesehen." Auch die Wissenschaft rät dazu, schrieb Hölz in ihrer Examensarbeit: "Ein Dorf benötigt gewisse Zutaten, um zu funktionieren - und das auch in 30 Jahren noch."

In ihrer Vision hat die junge Architektin aus Grevenbroich versucht, das Gehörte, Gesehene und aus der Wissenschaft hergeleitete zu übersetzen. Sie ersann einen zur Straße hin geöffneten Vierkanthof für die städtische Infrastruktur, weil solche Höfe typisch sind für die Region. Sie plante mit heimischen Materialien wie roten Ziegelsteinen und grün-weißen Fensterläden. Sie dachte über altes Material nach, wie dieses sich wiederverwenden ließe, zum Beispiel die heutigen Kapellen- und Kirchenfenster für die Kirche am neuen Ort. Und sie beantwortete nach einjähriger Auseinandersetzung mit der Thematik für sich die Frage, ob die Architektur den Menschen in der tagebaubedingten Umsiedlung helfen kann, die Heimat an den neuen Ort zu übertragen. "Die Architektur kann zeigen, dass man der Region treu bleibt - ansonsten wird es schwer, sich mit der Heimat zu identifizieren", sagte Anna Laura Hölz im Gespräch mit unserer Redaktion und schloss mit dem Appell: "Die soziale, die räumliche und die kulturelle Komponente lassen gemeinsam Heimat entstehen. Das Räumliche und Kulturelle könnte noch stärker umgesiedelt werden. Orte, mit denen man Erinnerungen verbindet, stellen für die Menschen Projektionskörper dar."

(spe)