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Granterath: Ortsgeschichte der vergangenen 900 Jahre

900 Jahre Granterath : Kirche prägt Granterath seit 900 Jahren

Die Kirche gab den Takt im Leben der Menschen vor, als Granterath noch gar kein Kirchengebäude besaß. Ein solches zu bauen, war deren lang gehegter Wunsch. Es ist eine Kirchenurkunde, die belegt, dass es den Ort seit 900 Jahren gibt.

Granterath und Golkrath haben manches gemeinsam: Sie gehören seit dem 1. Januar 1972 zur Stadt Erkelenz, ihr Ortsname endet auf -rath und sie wurden im Jahr 1118 in der Wassenberger Georgsstiftsurkunde erstmals amtlich erwähnt, was beide bereits gefeiert haben. Ihre Ortsnamen beginnen mit G, was die ältere Generation plattdeutsch aber wie ein J spricht. „Jrantere“ und „Jolekere“ sagen die verbliebenen und immer weniger werdenden Mundartler unter Einsparung des -ath.

„Im Namen der Heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit! Sämtlichen gläubigen Söhnen der heiligen Mutter Kirche sei kund, dass ich, Graf Gerhard, auf meinem Besitztum Wassenberg eine Kirche erbaut habe zu Ehren der Gottesmutter Maria und des heiligen Märtyrers Georg […]. Auf göttliche Mahnung hin habe ich beschlossen, sie aus meinen Gütern zu begaben und auszustatten. […] Weiter habe ich der Kirche übertragen (…) ein Besitztum in Granterath (…)“.

Also einmal keine Kirche oder Kircheneinkünfte, sondern ein Hof, wie die Wassenberger Autoren Heribert Heinrichs und Jakob Broich in ihrem 1958 erschienen Band „Kirchengeschichte des Wassenberger Raumes“ vermuten. Sie identifizierten den Hof in der damaligen Hausnummer 82 als Wassenberger Besitz aus der Zugehörigkeit zum Wassenberger Stift, die allerdings schon recht früh endete, in späteren Rentbüchern des Georgsstifts Wassenberg tauchte der Granterather Hof nicht mehr auf. Nach Änderungen der Hausnummernfolge ist der Hof nicht mit der heutigen Nummer 82 identisch. Er lag erheblich näher an der heutigen Kirche.

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Über Jahrhunderte, seit der Zugehörigkeit zum Herzogtum Jülich, das 1356 aus der gleichnamigen Grafschaft entstanden war, war Granterath Grenzort, der Nachbar Erkelenz gehörte bis 1714 zur Grafschaft und zum späteren Herzogtum Geldern. Der einheimische Geschichtsautor Konrad Hittingen, 1963 gestorben, hatte noch für den Heimatkalender der Erkelenzer Lande 1964 eine ausführliche „Dorf- und Pfarrgeschichte von Granterath“ vorgelegt, in der er eine früher als „Eselsweg“ bezeichnete Verbindung von Granterath Richtung Matzerath als Grenze zwischen den Herzogtümern Geldern und Jülich definierte. Er begann südlich von Granterath am Ende der Landwehr, so Hittingen, die von Kückhoven herkam. Diese selbst kann also nicht die Grenze zwischen den Herzogtümern Geldern und Jülich gewesen sein, da sie dann Granterath in Geldern integriert hätte.

Kirchlich gehörte Granterath bis ins 19. Jahrhundert hinein zur Pfarre Doveren, die bereits im 9./10. Jahrhundert existierte. Der Grund auch dafür war, dass Graf Gerhard 1118 keine Kirchengüter nach Wassenberg expedieren konnte. Im Doverener Taufbuch sind Granterather Einträge zahlreich vertreten, erst 1864 erlangte man die Selbstständigkeit. Die zu erreichen, hatte auch einen profanen Grund: Der Zeitaufwand, den die zahlreichen Gottesdienst- und anderen Besuche in Doveren erforderten. Immerhin misst die Strecke von der Ortsmitte Granteraths bis zur Doverener Kirche gut vier Kilometer, ein Fußweg von einer Dreiviertelstunde, zur Sonntagsmesse hin und zurück war man am Morgen zweieinhalb Stunden unterwegs. Die Nachmittagsandacht erforderte nicht wesentlich weniger Aufwand. Im Herbst und Winter schloss man sich in besonderem Maß zu Gruppen zusammen, marschierte mit Sturmlaterne und Knotenstock nach Doveren, einige handfeste Männer ließ man zum Schutz der zurückbleibenden Alten und Kranken sowie als Brandwache im Ort.

Der Wegeaufwand hinderte allerdings im Lauf der Jahrhunderte eine ganze Reihe Granterather Männer nicht daran, sich in der Doverener Sebastianus-Schützenbruderschaft von 1499 zu engagieren. Das lange Zeit größte Schild am Schützensilber stiftete der Granterather Johannes Iven als König des Jahres 1754. Auch die Granterather Verstorbenen fanden bis 1864 ihre letzte Ruhestätte auf dem Doverener Friedhof.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts hin entwickelten sich laut Hittingen weitere Gründe, neben dem Prestige, eine eigene Pfarre zu werden: Die Bevölkerungszahl war gestiegen, und die eingeführte Schule zwang die Kinder zum Religionsunterricht zu den Geistlichen nach Doveren, wodurch wertvolle Unterrichtsstunden verlorengingen. Die gestiegene Einwohnerzahl bedeutete auch, dass vermehrt Granterather sich Arbeitsstellen außerhalb suchen mussten, da die kleinen Bauernhöfe nicht alle Menschen mehr ernähren konnten. So fanden Männer in den sich industriell entwickelnden Städten Mönchengladbach, Rheydt, Odenkirchen, später auch bis Krefeld und Duisburg vor allem im Baugewerbe Arbeit. Das wiederum bedeutete sechs Arbeitstage zu je zwölf Stunden, die Arbeiter kamen teils erst am Sonntagmorgen nach mehrstündigen Fußmärschen auf Holzschuhen nach Hause, warfen sich in den Sonntagsstaat und machten sich auf zur Messe nach Doveren, wanderten am Abend oder sehr früh am Montagmorgen wieder zum Arbeitsort. Nach Berichten sollen die Granterather, als „Jülicherländer“ (nach der früheren Herzogtumszugehörigkeit), für Fleiß und Können geschätzt worden sein.

Die Wunschvorstellungen und Argumentationsstränge in Richtung Bistum Köln verdichteten sich derart, dass 1857 der Ortslehrer Beecker beauftragt wurde, die Statuten eines Kirchenbauvereins zu entwerfen. Mitglied werden konnte jeder, der ein Eintrittsgeld von fünf Silbergroschen und einen Monatsbeitrag von zwei Silbergroschen und sechs Pfennigen in der Lage zu berappen war. Ausdrücklich wurde darauf hingewiesen, dass freiwillige Mehrzahlungen erwünscht waren. Der Monatsbeitrag war für die Menschen in Granterath schon eine Herausforderung, betrug der Durchschnitts-Lohn für ein „Tagwerk“, rund zwölf Stunden Tagesarbeit, sieben Silbergroschen.

1857 zählte Granterath 503 Einwohner in 85 Häusern, also jeweils sechs Personen, der Kirchenbauverein führte 220 Mitglieder in seiner Liste, demnach war fast jeder zweite Einwohner dabei. Geschichtsforscher Hittingen rechnete 15 Häuser für „Minderbemittelte“ ab, so blieben 70 Häuser, von denen jedes einzelne demnach drei Mitglieder zählte – das war rekordverdächtig.

Am 2. Januar 1859 konnte Vereinspräsident Karl Brassen einen ersten Plan vorlegen, der Kassenbestand belief sich 850 Taler. Das Grundstück wurde gespendet, Altar und Kommunionbank ebenso, die Frauen und Töchter Granteraths sponnen und nähten die liturgischen Textilien. Der Kassenbestand reichte, um die erforderlichen 135.421 Ziegelsteine für 677 Taler, drei Silbergroschen und zwei Pfennige zu berappen. Und die Männer und Jünglinge, so Konrad Hittingen, brachten sich mächtig ein als Ziegelproduzenten, die am Tenholter Weg den Ton in die Formen gaben. Kosten-lose Handarbeit war allerdings auch schwer nötig, denn der Kölner Dombaumeister Nagelschmidt hatte mit seiner Kopfarbeit neben den Plänen auch die Kosten niedergelegt: 4400 Taler! Und er bezeichnete den Neubau auch als „Kapelle“, die aufgrund der begrenzten Finanzen „nur die größte Einfachheit in der Architektur gestattet“. Verzichtet wurde auf eine Gewölbedecke und sogar eine Sakristei, deren Funktion hinter dem Altar ausgeübt werden sollte. Ein kleines Türmchen sollte am Westende zwei Glöckchen aufnehmen. Das Bistum erkannte die Notwendigkeit einer Kirche und einer Pfarrerstelle an, die Pläne fanden allerdings keinen Beifall – das Projekt lag auf Eis.

Im November 1860 unternahmen die Bauwilligen einen neuen Versuch, hatten auch mehr zu bieten: 3000 Taler zusätzlich plus 13 Morgen Ackerland als Schenkung. Damit nahm die Sache Fahrt auf, der Grundstein konnte 1863 gelegt, die Weihe am 25. Oktober 1864 vorgenommen werden. Erster Pfarrer wurde der Jülicher Kaspar Josef Hubert Dahmen, der sich mit der Gemeinde im gleichen Jahr über zwei Glocken freuen konnte, deren schwerere 1914 bis 1918 zum Kriegsdienst eingezogen wurde und nicht zurückkehrte. Das gleiche Schicksal ereilte die Nachfolgerin am 23. April 1942.

1866 spielte die erste Orgel, gebraucht gekauft aus der Kirche in Mönchengladbach-Hardt – das hatte ein Nach-Spiel, das bis zum Landgericht Düsseldorf führte. Gastwirt Leonhard Pisters hatte für „Logis und Kost“ (Übernachtung, Speisen und Getränke) für die Orgelbauer aus Rheindahlen in Rechnung gestellt, was die Pfarre nicht anerkannte, vom Gericht dann eines Schlechteren belehrt wurde. Darüber hinaus kostete der Prozess an Honorar mehr als 23 Franc für die juristische Vertretung und 45 Taler, sieben Silbergroschen und einen Pfennig Gerichtskosten. Sie machte sich aber bezahlt, indem sie ihr Werk bis 1949 verrichtete. Ein „Cäcilien“-Kirchenchor wurde kurz nach der Weihe ins Leben gerufen, die Toten konnten auch bald auf eigenem Gelände, und nicht mehr im entfernten Doveren, beigesetzt werden.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg zeigte der Kirchenbau aber schon derartige Verfall-Schäden, dass die Errichtung einer neuen, dreischiffigen Kirche mit Kreuzgewölbe im neogotischen Stil angegangen wurde, eine große Hauskollekte in der Rheinprovinz erbrachte 30.000 Mark, die allerdings auf Nimmerwiedersehen als Kriegsanleihe ab 1914 in Kaiser Wilhelms und seiner Militärs sowie der Politik Schatullen verschwanden. Die Rechnung für Granterath aber sah noch unendlich bitterer aus: 26 seiner Männer bezahlten Hohenzollern und Militär mit ihrer Großmacht-Sucht mit ihrem Leben.

Die Kirche wurde anschließend trotz Wirtschaftskrise und Inflation neu ausgestaltet, die Balken-Flachdecke durch eine Putz-Rundbogenkonstruktion ersetzt, Buntfenster eingesetzt – alles wurde gestiftet. Der Zweite Weltkrieg machte erneut vieles zunichte, die Kirche wurde schwer beschädigt. 42 Menschen bezahlten den Nazi-Weltterror direkt mit ihrem Leben, von den 13 Vermissten ist auszugehen, dass auch sie den Tod gefunden haben.

Am 25. Februar 1945 wurde Granterath von der 6. US-Armee bei der Rurübergangs-Operation „Grenade“ befreit, zahlreiche Fotos belegen den Durchmarsch der Amerikaner durch das Dorf in Richtung Erkelenz. Den Wiederaufbau ihres Orts und ihrer Einrichtungen nahmen die Granterather schnell in die Hand, zwei neue Glocken, eine neue Turmuhr und eine neue Orgel wurden gekauft. Granteraths Bevölkerungszahl war durch Flüchtlinge gestiegen, 1957 wurde die Kirche um ein Seitenschiff erweitert, im Jahr davon war ein massiver Turm gebaut worden.