Erkelenz: Gezahlt wird mit Punkten, nicht mit Geld

Erkelenz : Gezahlt wird mit Punkten, nicht mit Geld

Die "Kinderwelt" ist ein ungewöhnliches Geschäft. Nach dreimonatiger Vorbereitungszeit hat es in dieser Woche in Erkelenz eröffnet. Das Angebot ist auf Menschen ausgerichtet, die Kunden des Jobcenters sind.

Geld spielt keine Rolle in dem Geschäftslokal an der Kölner Straße 39 in Erkelenz, in dem sich bis vor ein paar Monaten noch die Filiale eines deutschen Geldinstituts befand. Nunmehr hat sich dort die "Kinderwelt" ausgebreitet, in der es bargeldlos zugeht. Stattdessen bezahlen die Kunden mit Punkten, die ihnen monatlich zur Verfügung gestellt werden.

Die Kinderwelt ist ein ungewöhnliches Geschäft. Es gibt dort nur Kleidung und Spielzeug für Kinder, die nicht älter als 14 Jahre sind. Nicht jeder kann dort Waren erstehen, der Kunde muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen: Er muss Leistungsempfänger des Jobcenters oder als anerkannter Flüchtling und Asylant in Erkelenz registriert sein. So ungewöhnlich wie der Kundenstamm, so ungewöhnlich ist auch das Personal.

"In der Kinderwelt arbeiten fast ausschließlich arbeitslose, alleinerziehende Mütter, die sich vorstellen können, später einmal im Verkauf zu arbeiten und die hier erste Erfahrungen sammeln." Das sagt der Diplompädagoge Christian Kaufmann, der für den Bildungsträger Faktum aus Mönchengladbach dieses Projekt in Erkelenz betreut. Vom Jobcenter erhalten die Frauen die Teilnahme als Maßnahme zur Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt vermittelt. "Hier in der Kinderwelt erlernen die Frauen alles, was sie für eine Tätigkeit als Verkäuferin gebrauchen können", sagt Kaufmann, der mit Tanja Maßen das Projekt verantwortet. Das fängt beim Wareneingang mit der dazugehörigen Kontrolle an, setzt sich mit der Präsentation der Produkte fort, geht mit dem Verkauf weiter und endet bei organisatorischen Dingen, die in einem Geschäft anfallen. 15 Frauen und ein Mann arbeiten in der Kinderwelt. Nach dreimonatiger Vorlaufzeit hat Faktum das ungewöhnliche Geschäft in dieser Woche an der Kölner Straße in Erkelenz eröffnet. Es ist bereits die dritte Kinderwelt des Bildungsträgers nach Dinslaken und Rheydt. "Die Stimmung ist gut", hat Kaufmann nach den Vorbereitungsmonaten festgestellt. Dazu hat nicht zuletzt Tanja Maßen beigetragen, die mit großer Kreativität dafür sorgt, dass der nüchterne Bankambiente Stück für Stück einer frischen, lebendigen Atmosphäre weicht. Die Wände werden von den Frauen nach ihrer Anleitung mit Märchenmotiven bemalt; was durchaus auch Symbolcharakter hat: Bei Tanja Maßen ist ein Märchen wahr geworden. Sie war selbst Teilnehmerin einer Maßnahme des Jobcenters in der Kinderwelt in Rheydt. Jetzt hat sie bei Faktum eine Festanstellung in Erkelenz.

Nicht jede Teilnehmerin wird dieses Glück haben. Aber jede soll die Chance haben, sich weiterzubilden. "Wobei wir uns nicht nur auf die kaufmännische Seite beschränken", wie Kaufmann betont. Es gibt auch eine pädagogische Betreuung durch eine Sozialpädagogin, Weiterbildung und Hinweise zu Bewerbungen. "Es gilt, Hemmnisse abzubauen und den Teilnehmerinnen das Selbstvertrauen zurückzugeben, das sie brauchen können, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen wollen", sagt Tanja Maßen.

Nicht nur Kundschaft und Personal sind ungewöhnlich in der neuen Kinderwelt in Erkelenz. Ungewöhnlich ist auch die Warenbeschaffung. "Wir setzen voll und ganz auf Spenden", sagt Kaufmann, und er konnte bereits erste Spenden von Bürgern entgegennehmen. Neugierig geworden, was in der ehemaligen Bankfiliale passiert, hatte eine Bürgerin nachgefragt und von der Kinderwelt erfahren. Kaum war die Zeit gekommen, da lieferte sie auch schon Kleidung und Spielzeug ab. "Wir nehmen quasi alles, was wir für unsere Zwecke gebrauchen können." Die Kleidung werde selbstverständlich kontrolliert, gereinigt, desinfiziert, das Spielzeug auf seine Funktionstüchtigkeit überprüft. Und Sachen, die nicht ins Warenangebot passen, werden an das Frauenhaus weitergeleitet.

"Es gibt hier noch viel zu tun", hat Maßen erkannt. Die Inneneinrichtung soll noch vervollständigt werden. Schaufenster sollen Dekorationen erhalten. Das Warenangebot kann noch größer werden. "Wir freuen uns über jeden, der kommt, ob als Kunde oder Spender." Maßen ist sicher, dass Hemmungen schnell fallen. Bei den Mitarbeiterinnen, die sich qualifizieren wollen, ebenso wie bei denjenigen, die Sachen für ihre Kinder erstehen wollen, ohne dafür bezahlen zu müssen.

(kule)
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