Gaststätte Kirchhofer in Erkelenz Traditionskneipe schließt nach 102 Jahren

Erkelenz · Seit Anfang Oktober ist in der Gaststätte Kirchhofer Schluss. Die bekannteste Kneipe der Stadt war jahrzehntelang eine Heimat für viele Erkelenzer Vereine. Geblieben sind reihenweise Anekdoten.

 Dieses Foto, das im Jahr 2008 in der Gaststätte Kirchhofer entstand, zeigt Wirtin Nanni Schwarz mit ihrem Sohn Alexander hinter der Theke.

Dieses Foto, das im Jahr 2008 in der Gaststätte Kirchhofer entstand, zeigt Wirtin Nanni Schwarz mit ihrem Sohn Alexander hinter der Theke.

Foto: Laaser, Jürgen (jl)

Dass ausgerechnet der „Erste“ auch der „Letzte“ sein würde, das wollten viele Erkelenzer nicht nur als Wortspielerei sehen – für sie entwickelte sich aus dem Aus für die Gaststätte Kirchhofer eine gesellschaftliche Tragödie, deren langfristige Folgen für die Menschen nur sehr schwer abzusehen sind. Nach einem sehr gut besuchten Freitag war es dann der erste Oktober-Samstag am vergangenen Wochenende, an dem passierte, was zahllose Erkelenzer nicht für möglich gehalten hätten – nach 102 Jahren lief für immer und ewig der letzte Gerstensaft aus dem Zapfhahn der Gaststätte. Die älteste Kneipe der Stadt ist ab sofort nur noch Geschichte. Ja, wenn das alte Gemäuer erzählen könnte.

Was mit Heinrich und Mutti in den goldenen Zwanziger Jahren begann und von Nanni und Jupp Schwarz sowie Hausfaktotum Carola (93) einst zur Blüte gebracht wurde, das muss Enkel Alexander nun eiskalt abwickeln.

Ob Marianne Schwarz, die zeitlebens – Ausnahme vor dem Standesbeamten – Nanni gerufen wurde, vor knapp zehn Jahren bei der großen Feier zum 80. Geburtstag bewusst in die Zukunft der Gaststätte Kirchhofer geblickt hat, das ist zu vermuten. „Wenn ich einmal aufhöre, dann wird hier geschlossen. Einen Nachfolger gibt es nicht“, sagte sie damals.

Gehört haben an diesem 5. März 2013 zwar die meisten der Geburtstagsgäste die Aussage der zierlichen, knapp über 1,50 Meter messenden Person, die sich ein paar Tage zuvor noch in humorvoller Runde vermessen und das Ergebnis mit weißer Kreide durch den Stammgast und ehemaligen Oberstudiendirektor Hans Krafft auf das rote Mauerwerk hinter der Theke verewigen ließ. Jedoch Glauben schenken in der Frage des Rücktritts der beliebten Wirtsfrau? Da kommt beim heute in Tenholt lebenden 86-Jährigen Krafft nach wie vor ein gesungenes „Neeiin“.

Dass es ein Ende geben musste, beurteilt der 71-jährige Erkelenzer Hundezüchter Gerd Lambertz sehr rationell. Auch als Jagdgenosse von Nannis 2001 verstorbenen Ehemann Josef, der aus der Landwirtschaft bei Alsdorf kam und seinen treuen Kumpel Lord, einen Deutsch Kurzhaar, mitgebracht hatte: „Für Jupp war das damals keine große Umstellung“, wusste ein Freund gut gezapften Hopfens, „die neue Heimat liegt ja nur knapp 30 Kilometer westlich.

 Dieses Foto aus dem Jahr 1954 zeigt die Gaststätte an der Krefelder Straße, Ecke Anton-Heinen-Straße.

Dieses Foto aus dem Jahr 1954 zeigt die Gaststätte an der Krefelder Straße, Ecke Anton-Heinen-Straße.

Foto: Archiv Groob

Auf dem Weg dorthin wechselte man nie die mit rutschigem Blauasphalt gepflasterte Piste, bleibt immer auf der Bundesstraße 57, sozusagen auf der „Schnellstraße von Schwarz nach Kirchhofer“. In der Zeit des Werbens um Nanni, da traf Jupp Schwarz unterwegs immer mal wieder den späteren Fußballnationalspieler Herbert „Hacki“ Wimmer, der wegen der noch nicht gebauten Autobahn 61 über die B 57 von Aachen-Brand nach Gladbach gefahren wurde.

Auf dem Weg von der „kleinen“ Borussia in der Aachener Vorstadt zum berühmten Bökelberg wurde bei Bedarf auch eine der drei Benzinzapfanlagen in Erkelenz angefahren. Die stand vor dem Backsteinhaus, das Heinrich und Gertrud Kirchhofer im Jahre 1920 gekauft hatten und neben einem Treibstofflager auch die Tankstelle betrieben.

Der Einstieg in die goldenen Zwanziger war schließlich gelungen mit der Umgestaltung der Innenräume zu einer gemütlichen Gaststätte. Vollendetes Glück kündigte sich im Hause Kirchhofer mit der Geburt von Marianne am 5. März 1933 an. Es dauerte dann allerdings 15 Jahre, ehe die ersehnte Schwester Gertrud am 17. Februar 1948 das Licht der Welt erblickte. Da half Nanni schon fleißig mit im mehr und mehr zunehmenden Tank- und Schankbetrieb.

Helfen ja, aber richtig arbeitend einzusteigen – nein. Nanni hatte andere Gedanken und Ideen, die man sich nach dem Besuch einer Handelsschule in Mönchengladbach auch locker vorstellen konnte. Doch da hatte Nanni die Rechnung im wahrsten Sinne des Wortes ohne den Wirt gemacht, denn Vater Heinrich sprach ein Machtwort, seit 1959 gab es also am Buscherhof nun auch eine Juniorwirtin.

 Silvesterfeier im Jahr 1981 in der Gaststätte.

Silvesterfeier im Jahr 1981 in der Gaststätte.

Foto: Wolfgang Bagusche

Nach dem Tod des Patrons etablierte sich zunächst die Doppelspitze (Mutti Gertrud und Nanni), schließlich ab 1969 die Eheleute Nanni und Jupp. Derweil lebte der Bruder Hans Kirchhofer in Ochsenfurt bei Würzburg, während Nesthäkchen Gertrud eine Ausbildung in der Fotogravur machte. Der Tod war in beiden Fällen allerdings unerbittlich: Gertrud, inzwischen mit dem in Erkelenz bekannten Drogisten Bernd Siekmeyer verheiratet, starb 1988 unerwartet, was tiefe Trauer bei Vater Bernd und Sohn Michael (geboren 1976) auslöste. Auch 2001 wurde zu einem Jahr der Veränderungen, denn nach dem Ableben von Ehemann Josef war Nanni alleinige „Chefin am Zap“.

Gerade in dieser Zeit war es wichtig, faire Menschen mit Branchenkenntnissen um sich zu haben. So einer war Heinz Forg (2018 gestorben) der mit närrischen Stimmungsliedern („Dreemol maak mött“, „Das Alte Rathaus“) weit über die Grenzen der Stadt hinaus beliebt war. Er kannte beide Seiten, die als Gastgeber, aber auch die des Händlers (Getränke und Spirituosen). Enorm wichtig: Bei Kirchhofer hatte man meist gutes Personal im Einsatz, was sich auch bei den Gästen in Qualität und Quantität spiegelte. Wo sonst drosch ein Polizeihauptkommissar einen Skat mit einem Schreiner, Rentner oder einem Landwirt? Und wenn getuppt wurde, galt es „sibbe Schrööm“ zu verhindern. Dem Sieger schmeckte dann eine Frikadelle.

„Lass‘ se dir schmeckern“, rief dann die wichtigste Mitarbeiterin des Hauses. Das ist seit sage und schreibe 72 Jahren Carola Quade gewesen, die aus Wegberg an den Buscherhof kam. Heute firmiert die 92-Jährige zwar immer noch als Zimmermädchen, erfüllt aber die Aufgaben eines „Mädchens für Alles“. Einige der Stammgäste, die als kleiner Junge schon mal mit ihrem Papa zum Frühschoppen durften, schwärmen noch von Limo mit Strohhalm und Pittjes. Die Senioren überraschten einmal das Hausfaktotum mit dem Ehrentitel „Hausdame des Jahrhunderts“: Und wie reagierte Carola? Wie erwartet winkte sie burschikos ab und setzt ihr unverwechselbares Schmunzeln auf.

So sollte man doch meinen, in der ältesten Kneipe in Erkelenz lief es wie geschmiert. Weit gefehlt, denn so mancher Gast bekam zusehends Sorgenfalten. Wie auch Stammgast Wolfgang Bagusche. Der ehemalige Spitzenhandballer des TV Erkelenz, der wie viele Topsportler stolz darauf ist „sich im besten Vereinslokal weit und breit, nicht nur einen Platz an der Theke ergattert, sondern auch am Tisch aller Tische, den von acht Stühlen umrundeten Stammtisch erkämpft“ zu haben. Pech für ihn, dass es vom ersten Besuch 1974 bis heute nicht zum 50-Jahre-Gold gereicht hat.

 Blick auf die heutige Gaststätte, die nun geschlossen ist.

Blick auf die heutige Gaststätte, die nun geschlossen ist.

Foto: Archiv Groob

Nachdenklich sind auch die Schach- und Billardspieler, die sogar eigens eingerichtete Spielzimmer hatten. Da wurden noch die Prädikate für die bestbesuchte oder beliebteste Erkelenzer Kneipe verliehen. Übrigens abgestimmt mit der ehrlichsten Wahlmethode, das sind die Füße der Besucher.

Als etwas Besonderes galt immer schon die Küche. Ist sie immer häufiger der Platz, an dem in anderen Lokalitäten Sterne die Geschmacksrichtung vorgeben. Bei den Kirchhofers war das anders, da freute man sich am Kegelabend, nach einer Radtour, nach harten Trainingseinheiten, aber auch nach Chorproben, die knurrenden Mägen zu beruhigen. Auswählen konnte man aus einer Nostalgie-Speisekarte, die Nanni und Carola in Gaumenfreuden verzauberten: Lachsschnittchen, Russenei, Bratkartoffeln mit Sülze, Panhas, verschiedene Suppen, Curry- und Brühwürste, gebackene Eier und viel mehr. Auch Grünkohl mit Speck, Kasseler, Würstchen und scharfer Senf lockten zur rechten Zeit. Sogar der Stadtsportverband dankte auf diese Art seinen vielen fleißigen Helfern.

„Ich weiß schon, dass ich der Bad Boy bin, der den Zapfhahn nach 102 Jahren zugedreht hat“, sagt der 52 Jahre alte Alexander Schwarz, Sohn von Nanni. Und fügt an: „Der den Zapfhahn zudrehen musste.“ Mit Corona habe es angefangen. „Als dann zusehends weniger Gäste bei uns etwas Ausgleich suchen wollten, da wurde es Ernst. Schließlich war der Ausfall von Mutter nicht zu kompensieren. Mit fast 90 geht es auch mit 63 Jahren Kneipenroutine nicht weiter“, sagt Schwarz. Natürlich hat auch er Überlegungen für die Zukunft gemacht, ist sich aber schon lange Zeit darüber im Klaren, weiter in seinem Beruf als Architekt zu bleiben, wo er sich schon 13 Jahre wohlfühlt. Der Gaststättenbetrieb war für ihn in dieser Zeit ein Nebenerwerb.

In seiner Freizeit hat er immer ausgeholfen, vieles verändert, oder erleichtert. Von der gestrafften Speisekarte bis zu reduzierten Öffnungszeiten. „Und weil ich schon lange weiß, dass ich die Mentalität eines Gastwirtes nicht vererbt bekommen habe, stand fest: Ich will meine Gesundheit nicht ruinieren. Es galt aber auch, die Bankkonten sauber zu halten“, sagt Alexander Schwarz.

Und wenn er für die Familie Kirchhofer-Schwarz Bilanz ziehen müsste? „Dann stünde an erster Stelle ein herzliches Dankeschön an unsere vielen Gäste, die meistens anständig und fair waren.“ Nun bleibe auch im Namen von Nanni und Carola zu hoffen, „dass vor allen Dingen die Erkelenzer Vereine bald eine neue adäquate Stammkneipe finden.“ Die Auswahl dürfte schwer fallen.

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