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Erkelenz/Wegberg: Neue Regeln bei Bestattungen, Trost auf Abstand

Neue Regeln bei Bestattungen : Trost auf Abstand

Im Zuge der Corona-Krise hat sich die Bestattungskultur massiv geändert. Die Bestatter Stefanie Forg-Wehe aus Erkelenz und Torsten Heiss aus Wegberg erklären, was das für Angehörige bedeutet.

Kein Händedruck, kein Umarmen. Kein Trauergottesdienst in der Kirche, Beisetzungen nur noch im engsten Familienkreis. „Wenn man Trost spenden möchte, muss man auf Abstand gehen. Das ist schon alles sehr befremdlich“, sagt Stefanie Forg-Wehe. Die Erkelenzer Bestattermeisterin betreibt seit elf Jahren ihr eigenes Unternehmen in der Hermann-Josef-Gormanns-Straße, wird dabei von ihrem Bruder Michael unterstützt.

Seit die Corona-Krise da ist, hat sich die Bestattungskultur stark verändert. Kirchen, Friedhofskapellen und Trauerhallen bleiben verschlossen. „Große Beerdigungen gibt es nicht mehr“, erklärt die 50-Jährige. Wer damit nicht klar kommt, hat zurzeit nur eine Möglichkeit: Den Verstorbenen verbrennen lassen und die Asche in einer Urne beim Bestatter aufbewahren lassen. Die Sechs-Wochen-Frist, die hierfür bislang galt, ist außer Kraft gesetzt und kann auf Antrag verlängert werden. Davon rät die ausgebildete Bürokommunikationsfachwirtin für das Bestattungswesen aber unter Umständen ab: „Wenn man sehr lange auf die Beisetzung wartet, gerät der Trauerprozess ins Stocken. Da stellt sich die Frage, was wichtiger ist – viele Menschen dabei zu haben oder mit der Beerdigung abzuschließen, um einen Ort zum Trauern zu haben.“

Den vorgeschriebenen Abstand halten zu müssen beim Begräbnis, 1,50 oder besser noch zwei Meter, bezeichnet Stefanie Forg-Wehe als „emotionale Herausforderung“. Einen Corona-Fall hat die Unternehmerin aus der Erka-Stadt bislang noch nicht gehabt. Sie rechnet aber damit, dass das auf sie zukommen könnte. Ausgerüstet dafür ist sie: Schutzkleidung, Desinfektionsmittel, Mundschutz. Aber Nachschub gibt es für die Bestatter derzeit nicht. Die Lieferanten seien inzwischen gar nicht mehr erreichbar, sie teilten auf ihrer Homepage lediglich mit, dass es nichts mehr gebe und sie auch nicht mehr ans Telefon gingen.

Stefanie Forg-Wehe berichtet, dass sich die Bestatter in der Region Heinsberg gegenseitig aushelfen bei Engpässen. „Dann rufen wir uns an.“ Wenn Nachschub dauerhaft ausbleibe, gehe aber auch diese Möglichkeit irgendwann verloren. Sie wartet – wie ihre Kollegen – auf die Anerkennung der Bestatter auf der Liste systemrelevanter Berufe. „Daran arbeiten Landes- und Bundesverband zurzeit.“ Ob Erd- oder Feuerbestattung, sei nun individuell zu entscheiden. Um Leichname bis nach der Corona-Krise in Kühlräumen aufzubewahren, fehlen nach ihrer Einschätzung in Erkelenz die Kapazitäten. Das Hermann-Josef-Krankenhaus verfüge über neun Kühlräume, sie selbst auch über mehrere. Stefanie Forg-Wehe nennt diese Aufbewahrungsmöglichkeit lieber „Klimaraum“. Das klinge schöner, sagt sie.

Sich ordentlich verabschieden zu können von den Verstorbenen, sei wichtig, betont Forg-Wehe. Am offenen Sarg sei dies aktuell noch möglich. Bei Corona-Erkrankten müsse der Sarg sofort geschlossen werden. Aber: „Wir erhalten jeden Tag andere Instruktionen. Es kann sein, dass sich die Vorschriften morgen schon wieder ändern.“

Das sagt auch der Wegberger Bestatter Torsten Heiss. Der 43-Jährige hat sich Anfang der Woche mit dem katholischen Pfarrer Franz-Xaver Huu Duc Tran und dem evangelischen Geistlichen Ulrich Henschel getroffen, um über die notwendig gewordene neue Bestattungskultur zu sprechen. „Die Trauerkultur hat sich grundsätzlich nicht verändert, die Einschränkungen, die jetzt gelten, beziehen sich nur auf den Ablauf der Bestattung.“ Das Ergebnis dieses Treffens: Man sei weiterhin darauf bedacht, die Familien bei einem Sterbefall zu begleiten. Eine kleine Abschiedsfeier mit maximal zehn direkten Angehörigen – Partner sowie Kinder – finde jetzt unmittelbar an der Grabstätte statt. „Wir treffen uns vor der Friedhofskapelle, gehen dann mit Abstand zum Grab.“ Neu sei die Vorgabe, eine Anwesenheitsliste erstellen zu müssen, auf der sich die Teilnehmer zwingend mit Namen, Adresse und Telefonnummer eintragen – falls eine Coronavirus-Erkrankung festgestellt wird. Der Wegberger Torsten Heiss ist angehalten, diese Listen vier Wochen lang in seinem Beerdigungsinstitut aufzubewahren und sie danach aus Datenschutzgründen zu vernichten. Auf Widerstand ist er beim Erklären der jetzt geltenden Vorschriften und Sachlage bislang nicht gestoßen. „Die Familien zeigen Verständnis.“ Mit einem infektiös erkrankten Toten hatte er schon einmal zu tun. „Ich habe keine Angst vor dem, was auf uns zukommt. Für meine fünf Mitarbeiter und mich gilt aber: Eigenschutz steht an erster Stelle.“ Eine Urne in seinem „Übergangs-Kolumbarium“, wie er es nennt, über viele Monate aufzubewahren, hält er wie seine Erkelenzer Kollegin Stefanie Forg-Wehe für nicht ratsam: „Vielleicht hat man dann schon längst damit abgeschlossen, wenn es endlich zur Beerdigung kommt.“