Erkelenz: Professor Helmut Brall-Tuchel gibt neues Buch heraus

Historischer Text neu herausgegeben : Ein niederrheinischer Orientbericht

Der erste bekannte deutschsprachige Orientbericht stammt von einem anonymen Autor, der 1348 schrieb und den Erkelenzer Ritter Arnold von Harff inspiriert haben dürfte. Professor Helmut Brall-Tuchel hat darüber geforscht.

Etwa eineinhalb Jahrzehnte hielt sich der unbekannte Autor vom Niederrhein in der Osttürkei, Armenien, Georgien, Palästina und Ägypten auf, wobei er den Sultan aus der Nähe kennenlernte. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1348 berichtete er über das Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen im Vorderen Orient und legte den ersten bekannten deutschsprachigen Orientbericht vor. Damit weckte er im Rheinland das Interesse breiterer Kreise für fremde Kulturen und ferne Länder, ist sich Professor Helmut Brall-Tuchel sicher und geht davon aus, dass dieser Text den in Erkelenz begrabenen Ritter Arnold von Harff angeregt haben dürfte, von 1496 bis 1498 selbst an einige der beschriebenen Orte zu reisen.

Brall-Tuchel von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf hat von dem anonymen Reisebericht eine neue Abschrift und Übersetzung erstellt, diese literaturgeschichtlich eingeordnet und historische sowie sprachliche Begriffe kommentiert. Daraus ist das Buch „Von Christen, Juden und von Heiden. Der Niederrheinische Orientbericht“ entstanden, das er jetzt in Erkelenz vorstellte, nicht nur, weil der Heimatverein der Erkelenzer Lande das Projekt finanziell unterstützt hat, sondern auch aufgrund des regionalen Bezugs zu Arnold von Harff. „Man kann davon ausgehen, dass er und viele andere Pilger aus der Region diesen Bericht gekannt und zur Vorbereitung ihrer Orientfahrten genutzt haben“, resümierte Brall-Tuchel.

Im Original gilt der Reisebericht als verschollen. Es bestehen allerdings zwei Abschriften, die 1400 bis 1410 angefertigt wurden, die eine auf Pergament und sprachlich auf den Kölner Raum deutend, die andere auf Papier und sprachlich auf die Region um Aachen hinweisend. Letztere hat Brall-Tuchel drei Jahre lang untersucht. Die Handschrift war bislang noch nicht editiert und stammt aus dem Marienstift zu Aachen, zu dem Erkelenz über Jahrhunderte gehört hatte. „Der Verfasser des Reiseberichts ist zwar anonym, aber in der Region zwischen Köln und Aachen zu verorten“, sagte Helmut Brall-Tuchel. Nicht nur deshalb sei „mit Sicherheit davon auszugehen, dass Arnold von Harff ihn vor seiner Reise studiert hat“. Harff wiederum war nach seiner Orientreise in Erkelenz-Lövenich ansässig geworden, hatte ebenfalls über seine Erlebnisse geschrieben, und noch heute erzählt dessen Grabplatte in der Krypta der katholischen Kirche St. Pauli Bekehrung von dessen Geschichte. Diese hatte der Düsseldorfer Professor bereits vor einigen Jahren erforscht.

„Wenn der Hoftag (des Sultans) zur Vesperzeit angesetzt war, dann kamen den ganzen Tag Christen, Juden und Heiden aller Sprachen der Welt und sangen nacheinander einen Lobgesang auf Gott und auf den Sultan und standen vor dem Palast, wo man manchen wunderbaren Gesang hörte. Und wenn eine Gruppe sang, so schwiegen die anderen und alle Leute; darauf antwortete der Sultan und dankte Gott, dass er ihm die Ehre erwiesen hatte und bat sie alle, dass sie bei Gott für ihn beteten.“

Der Reisende kannte das armenische Königreich Kilikien „gut, wo er sich wohl länger aufgehalten hat“, berichtete Brall-Tuchel. Später wurde der Unbekannte möglicherweise vom Mamluken-Heer über Palästina mit nach Kairo genommen. Vielleicht war er Söldner, gegebenenfalls ein im Vorderen Orient zurückgebliebener Kreuz- oder Ordensritter. Der Reiseweg lässt sich nicht genau rekonstruieren, anders als später bei Arnold von Harff: „Der anonyme Autor hat keinen Pilgerbericht geschrieben wie er, sondern eher einen frühen Korrespondentenbericht aus dem Ausland verfasst.“ Ausführlich werde darin eine Nähe zum Sultan in Kairo beschrieben, wo er neun Monate lebte. Dazu erklärte Helmut Brall-Tuchel: „Harff wieder hatte nur eine Audienz beim Sultan, aber wie er davon erzählt, legt nahe, dass er diesen Vortext kannte und ihn in gewisser Weise übertreffen wollte.“