Kulturaktion in Erkelenz Mobilitätswoche mit der „Fledermaus“

Erkelenz · Zur europäischen Mobilitätswoche hat sich die Stadt in diesem Jahr eine kuriose Aktion überlegt, um auf den bevorstehenden Wandel aufmerksam zu machen. Für die Strauss-Operette gab es viel Zuspruch.

 Ungewöhnliche Kulisse: Am Marktplatz hat man in den vergangenen Jahren eine Menge gesehen. Eine Operette war aber bislang nicht dabei.

Ungewöhnliche Kulisse: Am Marktplatz hat man in den vergangenen Jahren eine Menge gesehen. Eine Operette war aber bislang nicht dabei.

Foto: Thomas Mauer

Ein „Experiment“ nannte es Nicole Stoffels, Mobilitätsmanagerin der Stadt Erkelenz. Als Operette im Espresso-Format beschrieb Désirée Brodka als künstlerische Leiterin die Aufführung der „Fledermaus“ vor den Gleisen am Bahnhof Erkelenz. Zum Auftakt der Europäischen Mobilitätswoche erlebten viele Teilnehmer aus allen Generationen klassische Töne vom Altmeister Richard Strauss an drei verschiedenen Standorten im Innenstadtbereich von Erkelenz.

Von Haus aus keineswegs ein überzeugter Klassikliebhaber, freute sich Ansgar Lurweg als Technischer Beigeordneter über die mehr als 100 vorsätzlich und zufällig gekommenen Gäste. Unter dem dunklen Himmel hob Alexander Steinitz seinen Dirigentenstab und tauchte den Parkplatz hinter dem Bahnhof in die Wiener Atmosphäre des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der erste Akt wurde durch einen kräftigen Regenguss für die Anwesenden zum nassen Erlebnis, was die Begeisterung nur sehr kurz trübte.

Selbst im Parkhaus tummelten sich Zuhörer, unter ihnen eine Gruppe junger Männer, die alle freimütig bekannten, so etwas noch nicht erlebt zu haben. Auf ein Urteil angesprochen, war die klare Botschaft: „Einen ganzen Abend könnte ich das nicht, aber interessant fand ich es auf jeden Fall.“ Und klatschten eifrig Beifall.

Anders die Zuhörer auf Bierbänken und mitgebrachten Campingstühlen. Die weltweit am meisten aufgeführte Operette brauchte keine großen Erklärungen, obwohl Désirée Brodka jeden Akt mit launigen Worten erklärte. „Wir mussten das Stück zusammenstreichen, deshalb gibt es so gut wie keinen Sprechbeitrag“, erklärte die Sängerin mit Opernausbildung. Mit dem Verein „Music to go“ soll die Kunst „menschennah“ präsentiert werden. Ein Streichquartett stellt das Orchester dar, fünf Opernsänger und Sängerinnen stehen auf der improvisierten Bühne. Einzelne Künstler schlüpfen in mehrere Rollen. Es habe einen besonderen Reiz, die Kultur direkt zu den Menschen in die Innenstadt zu bringen und auch Personen zu erreichen, die wahrscheinlich eher kein Opernhaus betreten würden.

Das Besondere an Erkelenz bestand in drei Aufführungsstandorten. Nach dem Beifall des ersten Aktes am Bahnhof packten alle ihre Utensilien und zogen zur Kreissparkasse. Die hat einen überbauten Vorraum, wer keinen Platz fand, konnte von der Kölner Straße aus lauschen. So wie Winfried Bündgens, der es sich auf der Bank mit einem Bekannten bequem gemacht hatte, ein Eis in der Hand. „Ich höre wunderbar, viel sehen muss ich nicht unbedingt.“ Er verpasste allerdings im zweiten Akt die Aufforderung ans Publikum, selbst aktiv zu werden. Von den Sitzen hoch, drehten sich die Paare im Walzertakt, Operette interaktiv.“

Auch Bärbel aus Kaarst mit ihrer Freundin Birgit drehte sich und mussten dafür ihren Versorgungsanhänger für einen Moment sich selbst überlassen. Und Ingo Landmesser wurde aus seinem bequemen Liegestuhl hochgezogen. „Der Regen hat mich überhaupt nicht gestört,“ bekannte er hinterher. Liegestühle, Klappstühle, Sitzbänke und anderes Gestühl – wer keinen Platz fand, stand einfach und genoss die Musik.

Vor dem alten Rathaus stieg das Finale, auch von den angrenzenden Kneipen kam Beifall. Ungewöhnlich, aber es gab auch noch eine Zugabe. Das Experiment, das sahen alle Anwesenden so, war erfolgreich verlaufen und wurde von den Zuschauern angenommen. „Ich war besonders auch von der Technik begeistert“, sagte Dirigent Alexander Steinitz keinesfalls selbstverständlich. Alles hatte auf Anhieb funktioniert, unter allen Witterungsumständen.

 Spontaner Walzer an der Kreissparkasse.

Spontaner Walzer an der Kreissparkasse.

Foto: Thomas Mauer

Die drei Veranstaltungsorte waren nicht zufällig gewählt, denn sie stehen sinnbildlich für den Wandel in der Mobilität und die bevorstehende Veränderung in der Innenstadt. So wird das Kölner Tor in den kommenden Jahren umgebaut, die bisherige Bushaltestelle soll zugunsten von Sitzmöglichkeiten und Begrünung verschwinden. Der Marktplatz wird bereits im kommenden Jahr, wenn alle Vorarbeiten an den Versorgungsleitungen erledigt sind, ein völlig neues Gesicht erhalten und für mehr Aufenthaltsqualität umgestaltet werden.