Erkelenz: Friedlicher Protest gegen den Braunkohlentagebau Garzweiler II in Keyenberg

Demonstration in Keyenberg : 13.000 für Klimaschutz und gegen Kohleabbau

7000 Menschen nahmen in Keyenberg am Samstag an einer Kundgebung gegen den weiteren Braunkohlenabbau teil. Weitere 6000 Aktivisten waren laut „Ende Gelände“ im Rheinischen Revier unterwegs und drangen mit bis zu 2000 Menschen in den Tagebau Garzweiler II ein.

Marita Dresen aus Kuckum ist überwältigt, während sie über die größtenteils gelb gekleidete Menschenmenge schaut, die sich an der ehemaligen Kreuzung zwischen Keyenberg und Borschemich vor der großen Bühne versammelt hat. „Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal so weit kommen“, sagt die Frau, die sich als Mitglied des bundesweiten Bündnisses „Alle Dörfer bleiben“ aktiv am Kampf gegen den Tagebau Garzweiler II und gegen die Vernichtung von Keyenberg, Unter- und Oberwestrich, Kuckum und Berverath beteiligt. Gemeinsam mit Umweltverbänden hat der Zusammenschluss den Aktionstag „Kohle stoppen!“ auf die Beine gestellt, der am Samstag auf der Kundgebung bei Keyenberg seinen Schlusspunkt erhält. Mit rund 2000 Menschen, die sich an einer symbolischen Sitzblockade beteiligen, hatte David Dresen gerechnet. „Jetzt sind es rund 6000, die hier auf der Straße zwischen dem ehemaligen Immerath und Wanlo sitzen und deutlich machen: Hier ist die Grenze für den Tagebau. Hier darf es nicht weitergehen.“

Viel Arbeit hatten sich die Mitglieder von „Alle Dörfer bleiben“ gemacht: Eine Bühne wurde aufgestellt. Infrastruktur mit Plätzen für die einzelnen Gruppierungen wie BUND oder Greenpeace wurden auf einem abgeernteten Feld geschaffen. Dabei sorgten Polizei und Aktivisten von „Ende Gelände“ für einen kurzzeitigen Stopp der Bemühungen, als das Feld in der Nacht zum Samstag kurzerhand zum Lager für die Aktivisten erklärt wurde, das von Polizeiwagen umstellt war. Kaum sind die Aktivisten am Morgen aber in Richtung Lützerath und Immerath abgezogen, brandet der erste Beifall bei den Besuchern auf: Wenn auch mit großer Verspätung treffen rund 450 Mitglieder einer Fahrraddemo aus Erkelenz ein. Der Beifall wird tosend, als sich am frühen Nachmittag eine fröhliche, bunte, friedliche Menschenschlange aus Hochneukirch näherte. Die Teilnehmer des von „Friday for Future“ organisierten Protestmarschs entlang der Tagebaukante verschmelzen in Keyenberg mit den Demonstranten vor Ort. Von den Veranstaltern geschätzte insgesamt 7000 Menschen, von denen die meisten längst die Schülerzeit hinter sich gelassen haben, kommen zum zentralen Punkt und beteiligen sich größtenteils an jenem Menschenbild, das als gelbe Linie markieren soll, bis wo sich der Tagebau maximal noch ausbreiten darf.

Mehrere Tausend friedliche Demonstranten, die zu Fuß aus Hochneukirch kamen, wurden in Keyenberg mit Applaus empfangen. Foto: Laaser, Jürgen (jl)

„Wir haben unsere Ziele erreicht“, sagt Carla Reemtsma von „Friday für Future“ stellvertretend für alle beteiligten Verbände. „Wir läuten hier an der größten CO2-Quelle Europas die Zeitenwende ein.“ Man werde protestieren, bis endlich die Politik reagiert, den Verzicht auf fossile Brennstoffe erklärt und die vereinbarten Klimaziele aus dem Pariser Klimaschutzabkommen einhält. „Wir lassen uns von der Politik die Zukunft nicht zerstören.“ Die jungen Menschen, die längst alle Generationen für ihren Kampf für eine kohlefreie Zukunft gewinnen konnten, haben die Unterstützung aller Umweltverbände. Ihre Position gibt der BUND-Vorsitzende Hubert Weiger wieder. Die Politiker würden die Fristen immer weiter hinausschieben, bis zu einem Zeitpunkt, an dem sie keine Verantwortung mehr hätten: „Das geht jetzt nicht mehr.“ Die Jugend verlange hier und jetzt Antworten zu Problemen: „Es sind auch die Probleme aller Umweltschutzverbände.“

Die Schülerinnen Pia Harscher, Lea Ebenfeld und Antonia Flieder aus dem Ruhrgebiet haben Angst um ihre Zukunft, wenn nicht endlich die Bagger zum Stillstand kommen. Foto: Speen

Es wird viel getanzt, gesungen, gelacht, gefeiert und geredet. Doch trügt der Schein, wenn man glaubt, das friedliche Auftreten sei oberflächlich oder eine Freiluftparty mit 7000 Teilnehmern. Die Teilnehmer wissen, was sie wollen. „Bei den Wahlen in Europa, in Deutschland und in NRW zeigen wir, wo es lang geht, und wir lassen nicht locker in unserem Protest, bis endlich auch der letzte Politiker kapiert hat, dass es heute um unsere Zukunft geht“, meint Carla Reemtsma.

Viele der Demonstranten aus anderen Teilen Deutschlands und aus Europa, die zum Teil am Vortag in Aachen mitgemacht hatten, haben am Aktionstag zum ersten Mal einen Blick in einen Tagebau geworfen. Viele sind erschüttert von den Ausmaßen. „So riesig hatte ich ihn mir nicht vorgestellt“, sagt eine Teilnehmerin vom Bodensee. Nicht so weit haben es Ruth und Erhard Domen aus Titz-Dackweiler, die mit dem Fahrrad gekommen sind. „Es ist eine absolute Sauerei an Menschen und Natur, die hier in Garzweiler II passiert“, schimpfen sie. Ulrike Hurtz aus Holzweiler will nicht nur, dass die Bagger endlich stoppen, sie appelliert an jeden, etwas für Klima und Umweltschutz zu tun: „Energie sparen, Plastikmüll vermeiden, naturbelassene Produkte essen.“ Und die Schülerinnen Pia Harscher, Lea Ebenfeld und Antonia Flieder aus dem Ruhrgebiet haben schlichtweg Angst um ihre Zukunft, wenn nicht endlich die Bagger zum Stillstand kommen.

Den Stillstand wünscht sich auch Marita Dresen. Sie will dafür kämpfen: zum Erhalt der Dörfer, zum Schutz des Klimas. „Wir gehen hier nicht weg.“

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