Erkelenz: Ein langer Abend für den Orchesterwart

Erkelenz: Ein langer Abend für den Orchesterwart

Was das Publikum nicht sieht - ein Blick hinter die Kulissen beim Meisterkonzert des Sinfonieorchesters Aachen.

"Viel Vergnügen", wünscht Dirigent Justus Thorau den Mitgliedern des Sinfonieorchesters Aachen, nachdem er die Anspielprobe zum Meisterkonzert in der Erkelenzer Stadthalle beendet hat. Und kaum hat das rund 60-köpfige, noch leger gekleidete Ensemble die Bühne verlassen, um sich in die schwarz gehaltene Arbeitskleidung zu stürzen, öffnen sich kurz vor 20 Uhr die Türen zum Saal und strömt das erwartungsvolle Publikum hinein.

Klaus Eising muss sich unter anderem um 26 Notenpulte kümmern, die richtig platziert sein sollen. Foto: Laaser Jürgen

Für einige Orchestermitglieder wird das Vergnügen von kurzer Dauer sein. Schon nach der ersten Darbietung, Auszüge aus den "Peer Gynt"-Suiten von Edvard Grieg, haben sie Feierabend. Die orchesterintern "Edelmucken" genannten Musiker, in diesem Fall aus der Abteilung der Schlaginstrumente, können sich wieder auf den Heimweg begeben, anders etwa als Klaus Eising und sein "Chef", Orchester- und Notenwart Jörg Knebel. Sie waren gegen 17 Uhr die Ersten vor Ort, hatten mit einem Kleinlaster die Instrumente, Noten und einige Requisiten von Aachen nach Erkelenz gekarrt und mit dem Orchesteraufbau begonnen. "Wir werden wohl um eins zu Hause sein", vermutet Eising, während er das Material auf die Bühne schleppt.

Dort hat inzwischen Amadeus Kausel, stellvertretender Orchesterdirektor, die Bühne und den Aufbau der unterschiedlich hohen Podeste inspiziert. Auch die Umkleidemöglichkeiten und Ruheplätze für die Musiker hat er für gut befunden. Die Stadt Erkelenz als Hausherrin und Ingo Rümke als Verantwortlicher der VHS haben ausgezeichnete Vorarbeit geleistet. Anerkennung findet bei dem studierten Musiker aus Wien, der auch Kulturmanagement erlernt hat, die Beleuchtung, für die Frank Zander von "Ton in Ton" verantwortlich zeichnet. Zander hat mit einer speziellen Beleuchtung dafür gesorgt, dass die Noten auf den Blättern noch deutlicher zu lesen sind, ohne dass die Musiker geblendet werden. "Alles gut", befindet nicht nur Kausel, sondern auch die Orchesterdirektorin Melanie Plank, die wenig später gemeinsam mit dem Großteil des Orchesters in einem Bus anreist. Einige, die in der Nähe wohnen, sind mit ihren Privatwagen gekommen, ein Kollege erscheint sogar in Motorradmontur.

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Plank, wie Kausel aus Österreich stammend und seit fünf Jahren in Aachen am Theater tätig, hat mit Rümke den nächsten Auftritt im Mai 2019 festgemacht und kümmert sich gemeinsam mit Konzertagent Florian Koltun um den Solisten des Abends, den russischen Violinisten Yuri Revich. "Ein Glücksfall", schwärmt Rümke, der auf Koltuns Anraten den preisgekrönten Musiker schon anlässlich des letzten Auftritts des Aachener Sinfonieorchesters verpflichtet hatte. "Der spielt mittlerweile in der ganzen Welt und ist inzwischen in einer Honorarklasse angekommen, die wir uns nicht leisten können", meint Rümke. Der 26-jährige Solist hat am Morgen zum ersten Mal mit dem Orchester in Aachen geprobt und wird nur ein einziges Mal gemeinsam mit ihm konzertieren - und das mit dem Violinkonzert e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy in Erkelenz.

Die Abläufe hinter den Kulissen gehen Schlag auf Schlag, Hand in Hand und Ton in Ton. Kaum sind die Aufbauten beendet, lassen sich die Musiker auf den Stühlen nieder und spielen sich ein. Dirigent Thorau hat für das Einspielen einige Passagen ausgewählt, bei denen er nach dem letzten Auftritt Verbesserungsmöglichkeiten sieht. Während das Orchester übt, läuft der Dirigent in den menschenleeren Saal, um auch im hintersten Winkel die Klangreinheit und Akustik zu prüfen. Was er hört, gefällt ihm; Zander hat das passende Licht und den richtigen Ton gewählt.

Die "Edelmucken" haben schon beim Beifall nach dem ersten Stück heimlich die Bühne verlassen. Niemand neidet ihnen den Kurzauftritt. Beim nächsten Konzert könnte man selbst in das Privileg kommen, wenn man nicht gerade in den ersten Reihen bei den Violinen sitzt. "Augen auf bei der Instrumentenwahl", meint einer der "Edelmucken" grinsend, bevor er abdüst. Weniger - musikalisches - Glück hat die Harfenistin Christina Maria Kurz. Sie muss sich nach ihrem Einsatz im ersten Stück bis zur Zugabe gedulden. Ausgerechnet den Part, in dem sie zum Einsatz kommt, hat Thorau dafür ausgesucht. Aber sie trägt ihr Schicksal mit Gelassenheit, schließlich hat sie ihr privates Glück beim Orchester in Person von Kausel gefunden. Auch der muss bis zum Ende warten, ehe er nach dem vergnüglichen Abend nach Aachen zurück kann. "Bis zum Wiedersehen im nächsten Jahr", sagt er voller Vorfreude. Da ist es schon fast 23 Uhr.

(kule)