Braunkohle-Tagebau Garzweiler: Ein Dorf verschwindet

Braunkohle-Tagebau Garzweiler: Ein Dorf verschwindet

Wenn die Einwohner von Keyenberg in die Zukunft sehen wollen, brauchen sie nur einen Blick ins Nachbardorf zu werfen: Zugemauerte Fenster, menschenleere Straßen – auch ihre Heimat wird bald ein Geisterdorf sein. Der riesige Braunkohle-Bagger von Garzweiler will es so. Die Einwohner gestalten ihre eigene Zwangsumsiedlung mit. Ein Ortsbesuch.

Wenn die Einwohner von Keyenberg in die Zukunft sehen wollen, brauchen sie nur einen Blick ins Nachbardorf zu werfen: Zugemauerte Fenster, menschenleere Straßen — auch ihre Heimat wird bald ein Geisterdorf sein. Der riesige Braunkohle-Bagger von Garzweiler will es so. Die Einwohner gestalten ihre eigene Zwangsumsiedlung mit. Ein Ortsbesuch.

Für ein Dorf mit gerade einmal knapp 900 Einwohnern hat das zu Erkelenz gehörende Keyenberg eine beachtliche Infrastruktur. Ein kleiner Lebensmittelmarkt, zwei Bäckereien, eine Metzgerei, ein Hofladen und sogar ein Fahrradgeschäft sorgen dafür, dass die Bewohner das Nötigste im Ort selbst einkaufen können und nicht für jede Kleinigkeit mit dem Auto in die Stadt fahren müssen.

Es gibt einen Kindergarten und eine Grundschule mit zuletzt immer noch zwei Eingangsklassen. Ob Sport, Musik, Schützen, Feuerwehr oder Karneval — auch das Vereinsleben im Ort ist durchaus vielfältig. Außerdem machen Häuser, Gärten und Straßen einen gepflegten Eindruck. Doch das wird nicht mehr lange so bleiben.

Die Idylle trügt

Wenn die Keyenberger einen Eindruck davon bekommen wollen, wie es schon in zwei, drei Jahren auch bei ihnen aussehen wird, müssen sie nur zwei Kilometer weit fahren: Östlich der Autobahn 61 liegt das Dorf Borschemich: 90 Prozent der Bewohner haben den Ort schon verlassen, die Rollläden der Häuser sind heruntergelassen, der Putz bröckelt, die Straßen sind von Schlaglöchern übersäht. Die Braunkohle-Bagger rollen näher. 2017 wird es Borschemich nicht mehr geben, spätestens 2025 hat Keyenberg das gleiche Schicksal ereilt.

Doch die Umsiedlung nimmt bereits jetzt konkrete Züge an. In einem Bürgerbeirat versuchen die Menschen aus Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath diesen Prozess mitzugestalten, zähneknirschend das Beste aus ihrer Situation zu machen.

"Hier geht es schon lange nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie", sagt Hans-Willi Peters vom Bürgerbeirat. Peters ist Kommunalbeamter in Altersteilzeit, hat deshalb Zeit für dieses Ehrenamt. Wenn er spricht, mischen sich zwei Drittel Pragmatismus mit einem Drittel Bitterkeit, die immer mal wieder zum Vorschein kommt, obwohl er sich mit der Situation eigentlich abgefunden hat.

Noch einmal neue Hoffnung

Vor drei Monaten machten sich viele Keyenberger neue Hoffnungen, als Gerüchte kursierten, der Energiekonzern RWE könne den Tagebaubetrieb eventuell aus wirtschaftlichen Gründen vorzeitig stoppen. Außerdem stand noch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zu einer Klage eines Anwohners und des Naturschutzbundes BUND aus. Die Stadt Erkelenz stoppte daraufhin sogar den Umsiedlungsprozess für Keyenberg und die vier umliegenden Orte.

Obwohl die offizielle Entscheidung über die Fortsetzung der Umsiedlungen erst am 28. April von der Kölner Bezirksregierung getroffen wird, haben sich die Hoffnungen der Menschen schon wieder zerschlagen. Das Verfassungsgericht stoppte den Tagebau mit seinem Urteil im Dezember nicht und auch RWE dementierte die Spekulationen.

"RWE hat in seinen offiziellen Erklärungen nie einen Zweifel daran gelassen, dass Garzweiler II nach Plan umgesetzt wird. Inzwischen dürfte das wohl auch der Letzte begriffen haben", sagt Peters, der selbst schon lange nicht mehr an eine Rettung Keyenbergs glaubt. Dennoch kann er die Leute verstehen, die trotzdem nicht anders können, als bis zum Schluss zu hoffen.

Viel Arbeit für den Bürgerbeirat

Peters und seine Mitstreiter im außerparlamentarischen Gremium Bürgerbeirat versuchen, als Bindeglied zwischen den Interessen der einzelnen Menschen, der Politik und RWE zu vermitteln. Finanzielle Entschädigungen sind da ein großes Thema.

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"Die Höhe der Entschädigungen ist noch nicht abschließend festgesetzt. Es gibt zwar eine Basis, aber es werden auch noch ortsspezifische Regelungen getroffen", sagt Agnes Maibaum, Notoriatsfachangestellte, die sich ebenfalls im Bürgerbeirat engagiert. Je nach Größe der Grundstücke und nach Alter und Zustand des Häuser erhalten die Eigentümer auch unterschiedlich hohe Entschädigungen, was in Detailfragen für Unstimmigkeiten sorgt.

Das etwas sperrige Wort aus dem Behördendeutsch, "Suchraumfindung", beschreibt eine weitere Baustelle für den Bürgerbeirat. Hier ging es um die Frage, wohin genau die Keyenberger umsiedeln sollen, wo der Ort "Keyenberg (neu)" entstehen soll. Zu nah am "Loch", wie die Menschen in der Region den Tagebau nur nennen, sollte das neue Keyenberg nicht liegen, da waren sich alle einig. Doch darüber hinaus gab es viel Platz für Diskussionen. Mit Bussen fuhren die Keyenberger nach Versammlungen in der Turnhalle der Grundschule zu den infragekommenden Stellen und sprachen vor Ort über das Für und Wider.

Aus neun möglichen Suchräumen wurden auf diese Weise zwei — und dann gab es eine Entscheidung: Mit Zweidrittelmehrheit votierten die Menschen im November 2012 für Erkelenz-Nord, wo die Einwohner aus Keyenberg, Kuckum, Ober- und Unterwestrich sowie Berverath gemeinsam einen neuen Stadtteil bilden werden. Jedenfalls die, die sich für einen Umzug in den neuen Ort entscheiden, denn selbstverständlich ist es jedem freigestellt, ganz woanders hinzuziehen. Nun geht es um Detailfragen. Welchen Grundriss bekommt der neue Ort? Wer wird dort neben wem wohnen? Gibt es einen Flächenausgleich für Wälder und unbebaute Grundstücke?

Ein letztes großes Kirchenfest

Allen recht machen kann man es dabei natürlich nicht, und so müssen die Mitglieder des Bürgerbeirates auch Kritik einstecken. Das macht nicht jeder auf Dauer mit. Wohl auch deshalb ist derzeit nur noch eine Handvoll Leute im Beirat wirklich aktiv. Eigentlich sollten es 19 sein, einer pro 100 Einwohner in den fünf Orten, die nun umgesiedelt werden.

Agnes Maibaum und Hans-Willi Peters gehören zu den wenigen Verbliebenen im Beirat. Bei einem Spaziergang durch Keyenberg werden sie an manchen Stellen wehmütig. "Das hier ist Haus Keyenberg", erklärt Peters und zeigt auf eine alte Wasserburg: "Es steht unter Denkmalschutz, aber wenn es um Braunkohle geht, ist das auf einmal egal."

Fast alles in Keyenberg wird unwiederbringlich verloren sein. Einiges soll aber auch im neuen Ort ans alte Keyenberg erinnern. So werden drei, vier Wegkreuze abgebaut und in der Neubausiedlung wieder errichtet. Auch der Friedhof kommt mit. Auf Wunsch der Angehörigen werden die Gräber umgebettet, um weiterhin einen Platz zum Trauern zu haben. Außerdem wird gerade geprüft, ob wenigstens die Kapelle gerettet und mitgenommen werden kann, wo doch schon die Pfarrkirche verloren ist. So soll die neue Siedlung schneller zur neuen Heimat werden.

Noch feiern die Gläubigen ihre Messen in der Heilig-Kreuz-Kirche, die einen Mittelpunkt im Dorfleben darstellt. Auch Peters und Maibaum treffen sich dort regelmäßig: Sie singen gemeinsam im Kirchenchor. "Am 24. August wird es zum 100-Jährigen ein letztes großes Kirchenfest geben. Wir wollen noch einmal gemeinsam feiern, wenn noch die Mehrheit der Menschen im Dorf lebt", sagt Agnes Maibaum.

Keyenberg soll bis zum Schluss weiterleben

Bei aller anstehenden Arbeit, die die Umsiedlung mit sich bringen wird, sollen die letzten Jahre in Keyenberg keine verlorenen Jahre werden. Das Dorfleben geht weiter, im Chor wird gesungen, es gibt weiter Schützenfeste, und auf dem Sportplatz kämpfen die Fußballer des TuS Keyenberg um Punkte in der Kreisliga C.

Ein Symbol dafür, dass die Keyenberger weitermachen, ist auch der neue Karnevalsverein, der erst 2011 gegründet wurde. Viele junge Keyenberger engagieren sich dort und haben sogar eine eigene Karnevalssitzung auf die Beine gestellt.

Es sind die Momente, in denen man auch in Keyenberg einmal vergessen kann, dass es die Heimat bald nicht mehr geben wird. Dass dort, wo heute das ländliche Dorf mit der typischen rheinischen Naturlandschaft liegt, bald nur noch endlose Ödnis in einem riesigen Tagebau-Loch übrig bleiben wird. Und auch, dass man letztendlich nichts dagegen unternehmen, es nicht stoppen konnte. "Man ist doch nur ein Spielball der großen Politik", sagt Agnes Maibaum: "Genau das ist es, was die Menschen hier fühlen."

Hier geht es zum interaktiven 360-Grad Panorama.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Keyenberg - Ein Dorf verschwindet

(vdp)